Plüschtiere B 92, Abzweig Steinsdorf: Plüschtiere und Kerzen erinnern an das tragische Ende der Fahrradtour.

Foto: Ellen Liebner

Behördenpost schockt trauernden Vater

Nach Tod eines 14-jährigen Radfahrers: Ämter überfluten Vater Jens Beierlein mit Briefen

Plauen. Heute geht Jens Beierlein den schwersten Weg seines Lebens. Er muss seinen 14-jährigen Sohn begraben. Der Junge wurde vor drei Wochen von einem Auto überfahren - vor den Augen seines Vaters. Jens Beierlein muss jetzt nicht nur mit dem Trauma fertigwerden, sondern auch mit den Behörden.

Eine Fußball-Urne ist das Einzige, was er sich geleistet hat. Sie sieht aus wie ein rot-weißer Ball. "Marcus war Köln-Fan. Er hat so gerne Fußball gespielt", sagt der arbeitslose Vater. Rot und weiß sind die Hausfarben des 1. FC Köln.

Heute wird Marcus auf dem Hauptfriedhof bestattet. 24 Tage sind seit dem Unfall vergangen. Vater und Sohn waren an jenem Dienstagnachmittag mit ihren Fahrrädern unterwegs. Sie radelten viel, fast 2000 Kilometer im Jahr. Im Juli hatten sie erst eine Tour durchs Elbsandsteingebirge gemacht. Nun strampelten sie wieder durchs Vogtland, ein bisschen Urlaub einfangen. Auf der Bundesstraße 92 beim Abzweig Steinsdorf erfasste ein Auto den Jungen. Der Fahrer des Mazda wollte einen anderen Wagen überholen und prallte mit dem entgegenkommenden Radfahrer zusammen. Marcus starb wenig später im Krankenhaus.

"Eigentlich wäre ich jetzt in einer Trauma-Klinik", sagt Jens Beierlein, 46. Aber wie weglaufen, wenn alle etwas von ihm wollen? Am schnellsten waren die Leute vom Hartz-IV-Amt Plauen. Drei Tage nach dem Unfall schickten sie dem alleinerziehenden Vater einen Brief: Weil seine Bedarfsgemeinschaft jetzt nur noch aus einer statt zwei Personen besteht, bekommt er weniger Geld. Auch die Miete wird deshalb gekappt. Das Amt hat sich inzwischen entschuldigt für sein ungewöhnliches Tempo. "Wir sind nicht sehr einfühlsam umgegangen", räumt Behördensprecherin Ilka Burucker ein. Ein halbes Jahr lang zahlt das Amt noch die volle Miete für die 58-Quadratmeter-Wohnung. So sind die Vorschriften. Danach wird der langzeitarbeitslose Fleischer wohl ausziehen müssen. "Damit beschäftige ich mich jetzt nicht. Ich will erstmal zur Ruhe kommen", sagt Jens Beierlein.

 Jens Beierlein Jens Beierlein hat vor drei Wochen durch einen Unfall seinen Sohn verloren. Jetzt muss der arbeitslose Fleischer auch noch um seine Wohnung bangen. Sie ist zu groß für eine Person, findet das Hartz-IV-Amt.

Foto: Ellen Liebner

Er ist erschüttert. Sein Kind liegt noch nicht einmal unter der Erde, und schon ist sein Tod ein Verwaltungsakt. Die Leute von der Hartz-Behörde waren nicht die einzigen, die in den vergangenen 24 Tagen etwas von ihm wollten. Die Familienkasse forderte die Sterbeurkunde, um die Kindergeldzahlung einstellen zu können. Die Versicherung des Todesfahrers hat die 3000 Euro Bestattungskosten bisher nicht übernommen. Damit das Sozialamt in Vorkasse geht, musste er eine Mietbescheinigung für seinen Sohn vorlegen, die beweist, dass er bei ihm gelebt hat. Am schlimmsten traf ihn die Krankenkasse, sagt Jens Beierlein. Die habe Angaben zu seinem verletzten Kind gewollt. Er zerriss den Brief.

"Ohne mich gäbe es Jens auch nicht mehr", sagt Jannett Pitzing, eine Freundin, die ihm den Schreibkram abnimmt. Sie versteht nicht, weshalb der traumatisierte Vater mit seinem Schicksal allein gelassen wird. Keine helfende Hand, keine Seelsorge. Mit Beruhigungsmitteln und Antidepressiva schlägt er sich durch die Tage. Das Leben ist ungerecht. Vor zehn Jahren erkrankte Jens Beierlein an Krebs, wurde gesund und ist seitdem arbeitslos. Vor drei Jahren musste Marcus mit ansehen, wie seine Großmutter vergeblich gegen den Krebs kämpfte.

Jens Beierlein will in einer Spezialklinik seine Seele behandeln lassen, wenn die Sache mit den Behörden vorbei ist.

Die Plauener Staatsanwaltschaft ermittelt noch zum Unfall seines Sohnes. In zwei Wochen soll klar sein, ob der Todesfahrer angeklagt wird. "Wir warten auf das Ergebnis des unfallanalytischen Gutachtens. Danach entscheidet sich, wie es weiter geht", erklärt Staatsanwalt Jörg Rzehak. Bisher wird davon ausgegangen, dass der Autofahrer, ein 47-jähriger Greizer, die Schuld trägt. Marcus starb an schweren Schädel- und Hirnverletzungen und Verletzungen am Oberkörper, ergab die Obduktion. Der Vater hofft, dass Marcus nicht leiden musste.

 
erschienen am 03.09.2010 ( Von Manuela Müller )
 
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