Braune Flecken in Fanblocks von Aachen bis Zwickau: Ronny Blaschke beleuchtete beim Zwickauer Fan-Projekt deren Auswüchse. Braune Flecken in Fanblocks von Aachen bis Zwickau: Ronny Blaschke beleuchtete beim Zwickauer Fan-Projekt deren Auswüchse.

Foto: Ralph Koehler

Braune Flecken in deutschen Fan-Blocks

Sportjournalist trägt Beweise für Unterwanderung der Fußball-Szene durch Neonazis zusammen - In Zwickau stellt er sein Buch vor

Zwickau. Auf lichten Zuschauerrängen formieren sich Fans von Lok Leipzig bei einem Spiel 2006 zu einem lebenden Hakenkreuz. Dynamo-Dresden-Fans werben für ein Derby im Oktober 2007 mit einer Collage. Das aus der Nazizeit stammende Foto zeigt einen Tross Juden mit Davidstern vor Bahnwaggons, die sie in die Vernichtungslager bringen. Dynamo-Fans haben den Todgeweihten Lok-Leipzig-Fahnen in die Hände montiert. Darunter die Botschaft: "Endstation Dresden". In Bremen keimt die Braune Musik Fraktion. "Deutschland dein Trikot, das ist schwarz und weiß, doch leider auch die Farbe deiner Spieler", singt der Frontmann der Band "Kategorie C" auf einem rassistisch-nationalistischen Fußball-WM-Sampler.

Autonome Nationalisten im Fan-Block von Alemannia Aachen, vom FSV Zwickau, bei 1860 München, sogar auf den Rängen des Deutschen Meisters Dortmund. "Aachen, tiefer im Westen geht's nicht", sagt Sportjournalist Ronny Blaschke und betont, dass das Problem rechtsextremer Unterwanderung im Fußball bundesweit herrscht. Nur allzu oft werde es "allein in Ostdeutschland einsortiert". So hat ein Moderator kurz zuvor Blaschkes bundesweite Bestandsaufnahme angekündigt. Sie widmet sich jenem Phänomen, auf das sich nach Auffliegen der Terrorzelle, "wieder alle stürzen", ebenso wie 2009, als die Situation im Neonazi-Angriff bei einem Spiel im sächsischen Brandis gipfelte. "Rechtsextremismus findet immer statt, auch im Verborgenen", sagt Blaschke, als er am Freitagabend beim Fanprojekt in Zwickau sein Buch "Angriff von Rechtsaußen" vorstellt. Seit Jahren befasst sich der 1981 in Rostock geborene Journalist (Berliner Zeitung, Süddeutsche, Zeit-Online) mit dem Thema, sammelt Beispiele für Unterwanderung, aber auch für Abwehrmöglichkeiten. 2009 wurde er zum Sportjournalisten des Jahres gekürt. Auch wenn in Rostock, wo in den 1990er-Jahren "Bananen flogen und Urwaldgeräusche ertönten", wenn schwarze Spieler aufliefen, so etwas derzeit nicht an der Tagesordnung sei, gebannt habe man das Problem keineswegs.

In der Weigerung, das Problem zu erkennen, macht Blaschke einen wesentlichen Faktor aus. "Man hört von vielen Vereinen, wir haben kein Problem mit Rechts." Mitunter schelte man ihn nach dem Motto: "Jetzt kommt der aus Berlin und macht unseren Verein kaputt." Eine Frage der Sichtweise. Angesichts des Applauses, den Blaschke am Freitag vom 30-köpfigen Publikum in Zwickau bekommt, legt er aus dessen Sicht vielmehr den Finger in eine Wunde, die die meisten lieber übersehen. Warum? Vereins-Ängste vor dem Verlust von Sponsoren kennt Blaschke schon aus Rostock. Doch habe man erkennen müssen: Kaschieren und Relativieren hilft nicht weiter. "Man kann auch einen Hilfeschrei vermarkten. Man darf damit nur nicht zu lange warten, sonst wird man unglaubwürdig."

Wie er die Diskussion um das FSV-Spiel gegen Aue im November vorigen Jahres wahrgenommen habe, will Tom Richter vom Fan-Projekt von Blaschke wissen. Zeitgleich zu einer Mahnwache der Stadt Zwickau für die Opfer des rechten Terrors sollen nach Aussage mehrerer Zeugen beim Spiel einzelne FSV-Fans das U-Bahn-Lied angestimmt haben (akustische Version besagter Dynamo-Dresden Foto-Collage). Zudem wurde ein Video aus der Kabine öffentlich, bei dem "Sieg-Sieg-Sieg"-Rufen der Mannschaft von einer Person ein "Heil" hinzugefügt wurde. Zu beiden Vorfällen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Zum Kabinenvorfall ist Blaschkes Urteil klar: "Das ist so unfassbar. Das konnte ich gar nicht glauben." Was das U-Bahn-Lied unter Zuschauern betrifft, betont er zunächst, dass er selbst ja nicht im Stadion war und den fraglichen Abend nicht einschätzen könne. "Aber so etwas kommt ja immer wieder vor." Für einen Verein sei es da besser, zu kommunizieren: Problem erkannt, wir arbeiten daran.

Das kommt ja immer wieder vor. Ein bekannter Satz, der in mahnender Form von Blaschke ausgesprochen indes anders klingt als von jenen FSV-Fans und sogar einem Vereins-Oberen, die ihn bisher zur Relativierung nutzten. In Gesprächen, die erboste Fans im Nachhall der Diskussion ums Aue-Spiel mit der "Freien Presse" führten, fiel ein Argument gleich mehrfach: "Jude, Jude, Jude" sei bei Spielen gegen Aue doch "schon zu DDR-Zeiten gerufen worden". Ach so? Na dann!

 
Seite 1 von 2
Braune Flecken in deutschen Fan-Blocks
Rechtsextreme Codes
 
erschienen am 30.01.2012 (Von Jens Eumann )
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 30.01.2012
    10:51 Uhr

    schnuffelduffel: Video vom ZwickauTV in welchem (ab ca. 2. Minute) das Nazi Problem verharmlost wird:
    http://kurzer-url.ch/087th0

    1 0
     

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern  
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Webtipps