Oelsnitz hatte viele Plätze, wo das Herz des Sachsentages schlug. Einer davon war die Schlemmermeile als größte Küche Sachsens - für jeden ein Muss, der Hunger hatte.
Die 500-Meter-Küche vor der Haustür
Vier Blickwinkel von Beteiligten: die fast private Schlemmermeile, die Extra-Energie fürs Volksfest, die Familie mit Überblick und die Nachteile von Schuhgröße 65
Oelsnitz/E. Obwohl Paul Orzechowski und seine Frau Gerlinde direkt an der größten Küche Sachsens wohnen, gabs nur ein kleines Frühstück: Jeder hat ein Brötchen mit Butter gegessen, dazu ein hart gekochtes Ei. Paul gönnte sich zwei Tassen guten Kaffees mit Milch, aber ohne Zucker. Genau so, wie ihn Gerlinde auch gerne trinkt.
Für die paar Handgriffe reichte den Orzechowskis ihre kleine Küche zwischen Flur und Schlafraum. Dort stehen die vertrauten kleinen Porzellangänse mit den blauen Halstüchern im Regal. Urenkelin Samantha lacht mit dicken Backen aus einem Foto.
Und schließlich sind die zwei Rentner aus Oelsnitz im Erzgebirge Frühaufsteher. Die größte Küche im Freistaat - die Schlemmermeile zum Tag der Sachsen mit über 90 Ständen direkt vor dem Wohnhaus der Orzechowskis - aber kommt erst gegen Mittag in die Gänge. "Am Abend gehen wir auf jeden Fall mal runter vor das Haus. Doch jetzt, am Vormittag, ist ja noch nicht viel los", so Paul Orzechowski. Er schaut aus dem Fenster auf die Schlemmermeile, die sich über die ganze August-Bebel-Straße erstreckt - 500 Meter lang. Bald werden hier 300 kulinarische Helfer kochen, brutzeln, backen. Arbeit im Schichtdienst, bis in die Abendstunden.
Das Volksfest vor der Haustür: Paul Orzechowski und Frau Gerlinde.
Das Oelsnitzer Stromnetz reicht für Sachsentag allein nicht aus
Die Riesenküche kostet Strom. Der ganze Hexenkessel Tag der Sachsen kostet noch mehr Strom. "Bei so einer Party wäre das öffentliche Netz alleine überfordert. Ganz grob geschätzt, müssen wir etwa ein Drittel extra an Energie für die Stadt produzieren", so Andreas Leichsenring. Der 40-Jährige ist verantwortlich dafür, dass überall auf dem 100 Hektar großen Festgelände in Oelsnitz nicht plötzlich die Lichter ausgehen. "Deshalb haben wir ein temporäres, zweites Energienetz aufgebaut." 48 Generatoren erzeugen mit 22.500 Liter schwefelarmem Heizöl genug Strom für alle in Oelsnitz.
Leichsenring findet seinen Job gut. Ja, er selbst stehe auch unter Strom. Die Anspannung brauche er, um gut arbeiten zu können. Mit Handy, dunkler Arbeitskluft und Sprechfunk läuft er die großen roten Generatoren ab, die leise vor sich hin brummen und im bunten Trubel des Sachsentages gar nicht auffallen. "So muss es sein. Wenn die Leute nichts merken, dann läuft es gut. Zumal: Mein Arbeitsplatz ist direkt das Festgelände, wo die Stimmung ist. Besser geht es doch nicht", lacht der Mann. Es ist nicht sein erster Tag der Sachsen, allerdings war er sonst privat unterwegs.
Stand unter Strom: Andreas Leichsenring sorgte für genug Energie.
Naja, fast privat. "In Reichenbach habe ich damals schon ein wenig spioniert, um dortige Fehler bei uns zu vermeiden." Ein Beispiel: Kabelquerungen auf Straßen, über die die Busse mit den Sachsentaggästen rollen. "Wir haben uns entschieden, diese Kabel mit Brücken über die Straßen zu leiten. Und weil das nicht so schön aussieht, hatte irgendjemand die Idee, daraus Stadttore zu machen, auf denen wir mit Schriftzügen die Gäste in Oelsnitz begrüßen", erzählt Leichsenring.
Niemand tritt sich auf die Füße - oder besser: fast niemand
Kabel, sehr viele Kabel, sind für ihn und sein Team zu verlegen gewesen: 20 Kilometer für die Stromversorgung der unzähligen Händler und 20 Bühnen, weitere fünf Kilometer für 65 Scheinwerfer und 32 Mastenleuchten für Wege und dunklere Ecken in der Stadt.
Festvergnügen bei Sonne und in luftiger Höhe: Manuela Langner mit Tochter Johanna aus der Nähe von Rochlitz.
Und natürlich für das Riesenrad. Es überragte die Bergbaustadt Oelsnitz um 40 Meter. Damit was das Rad ein ganz großer Anziehungspunkt in der Stadt für die Festgäste. "Wir mussten dort unbedingt mitfahren. Da gab es kein Nein", erzählt Manuela Langner voller Begeisterung, die mit ihrer Familie bei Rochlitz wohnt und zum Feiern ins Erzgebirge kam. Töchterchen Johanna nickt ihrer Mutter zustimmend zu. Die beiden sind zusammen mit Papa Heiko schon bei einigen Sachsentagen gewesen, etwa in Döbeln oder auch im vergangenen Jahr in Mittweida. Daher können die Langners sich ein gewisses Urteil über die Qualität erlauben. "Oelsnitz ist wirklich sehr gut organisiert", sagt Heiko Langner mit Überzeugung. "Es sind viele, viele Menschen hier. Aber es ist angenehm, weil es genug Platz gibt und sich niemand auf die Füße tritt."
Nun, da kann Michael Klose aber ein ganz anderes Lied von singen. "Vor allem die Kinder haben daran Spaß, mir auf die Schuhe zu steigen", sagt der 24-Jährige. Sauer ist er deshalb aber nicht, ganz im Gegenteil. "Schließlich habe ich das ja vorher gewusst. Und zweitens merkt mein großer Zeh überhaupt nichts." Der Grund ist simpel: Klose hat Füße vom Maß 42, die aber wiederum in Schuhen stecken, die mal irgendwo jenseits der Schuhgröße 65 zusammengenäht wurden. Michael Klose ist der Karli, das Maskottchen mit dem Bergmannshut, dem dicken Bauch als Globus, den großen Kulleraugen - und eben den noch viel größeren Füßen.
Auf großem Fuß: Michael Klose.
"Ein gutes Maskottchen darf nicht zu hohen Blutdruck haben"
"Dieses Jahr wollte ich unbedingt Maskottchen werden", so der Auszubildende zum Lagerfachhelfer. Dort lernt er von der Haltbarkeit von Lebensmitteln bis zum Gabelstaplerfahren fast alles. Auf dem Tag der Sachsen lernte er, wie man trotz eines schmalen Sichtschlitzes niemanden umrennt und selbst im 25-Kilogramm-Kostüm und mit besagten übergroßem Schuhwerk die Balance hält. "Das ist schwer. Aber ich wollte es machen und habe mich bei der Stadt extra dafür beworben", erzählt Klose, der beim Tag der Sachsen 2009 in Mittweida auch mitmachte - als Parkplatzhelfer.
"Ein gutes Maskottchen muss auf die Leute zugehen können. Und es darf nicht zu hohen Blutdruck haben, weil es sehr schnell sehr warm wird im Kostüm", erzählt Klose. Dann verabschiedet er sich und trottet mit seinen großen Schuhen los. Er hatte schon Termine zum Händeschütteln und Kinderumarmen irgendwo beim Riesenrad, später an der Landtagsbühne, bei den Vereinen der Heimatbühne. Jetzt muss er zur Schlemmermeile, um dort den Menschen ein Lachen in das Gesicht zu winken. Mittlerweile schafft es die Sonne nicht mehr bis auf den Asphalt - es sind einfach zu viele Menschen, die zu viel Hunger haben. Für ein Maskottchen mit Schuhgröße 65 kein gutes Pflaster.
Paul Orzechowskiund seine Frau Gerlinde sind nun auch dort. Wenn sie schon die größte Küche Sachsens vor der Haustür haben, dann wollen sie natürlich auch schauen, was sich dort abspielt. Und erst jetzt sehen sie, was am frühen Vormittag nach dem Frühstück fast noch undenkbar schien: Die August-Bebel-Straße ist keine Straße mehr, sondern eine gigantische hungrige Schlange mit tausenden kleinen Köpfen und vielen Füßen, die sich alle friedlich und in halbem Schritttempo entlang der Häuser schieben. 48 Jahre leben die Orzechowskis nun schon in dieser ihrer Straße. 48 lange Jahre - und drei aufregende Sachsentage.