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Foto: Peter Steffen/dpa

"Es ist nichts passiert!"

An der Silvesternacht von Köln hat sich in Deutschland eine neue Debatte über sexuelle Gewalt entzündet. Sie wird vor allem vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise geführt. Das ist falsch, sagt die Frauenrechtlerin Anke Domscheit-Berg. Übergriffe seien kein Migrationsproblem - sondern ein generelles. Ein Gastbeitrag.

Von Anke Domscheit-Berg
erschienen am 15.01.2016

Am ersten Dezember 1987 wurde ich nachts wach, weil mich ein Mann überfiel. Ich war 19 Jahre alt, schlief allein im Studentenwohnheimzimmer in Schlema. Ich wehrte mich und schrie, bis er die Flucht ergriff, wohl aus Furcht, ich könnte das ganze Wohnheim wachschreien. Mit Armen und Beinen hatte ich ihn von meinem Hals ferngehalten. Er hinterließ seine Schuhabdrücke auf meinem Laken, ein Würgetuch, das er aus einer Kinderjeanshose zusammengenäht hatte, neben dem Bett und in mir drin eisiges Entsetzen. In den folgenden Wochen konnte ich kaum schlafen, lief nur mit Messer in der Tasche herum. Ich bekam keine psychosoziale Unterstützung, der Täter wurde nie gefasst. Die Polizei erklärte mir, es läge keine richtige Straftat vor - nur Hausfriedensbruch: Da ich keine körperlichen Schäden davongetragen hätte, sei nichts passiert.

Die überraschende Erkenntnis, dass die Polizei mich nicht schützt, schockierte mich. Jahre später, die Mauer war inzwischen gefallen, fragte ich im Westen einen Polizisten, wie meine Geschichte dort ausgegangen wäre. Ich hatte alles erwartet - nur nicht, dass er antwortete, dass das im Westen nicht anders sei. Trotz Fußabdrücken im Bett. Trotz Würgetuch. Und auch er meinte: Mir sei ja nichts passiert. Dieser Überfall ist nun fast 30 Jahre her, aber ich kann noch immer nicht allein in einem Erdgeschoss schlafen - aber es ist ja nichts passiert.

Ich könnte darüber schreiben, wie viele weiße Männer mir schon ungefragt ihr nacktes Geschlecht entgegenhielten, im Park oder in einer Spielzeugabteilung. Ich könnte von sexuellen Übergriffen schreiben oder von unzähligen Malen, wo deutsche Männer mir Anzügliches hinterherriefen, und von den Beleidigungen, wenn ich sie ignorierte. Jede Frau kennt diese Geschichten. Ich kenne sie von Verwandten, Freundinnen, Arbeitskolleginnen oder Nachbarinnen. Es ist unser kulturelles Wissen, unser Alltag, dessen Konsequenz eine Einschränkung unserer Freiheit bedeutet. Denn wir überlegen, wann und wo wir ohne Begleitung hingehen. Wir gruseln uns allein mit einem männlichen Fremden im U-Bahn Abteil. Wir nehmen aus Vorsicht lieber ein Taxi, statt nachts nach Hause zu laufen. Fast jede von uns hat das Gefühl, Freiwild zu sein, schon einmal erlebt. Es war schon immer unser Alltag. Nicht erst seit der letzten Silvesternacht in Köln.

Dieses Problem auf Flüchtlinge zu reduzieren, verhöhnt all die Opfer sexualisierter Gewalt, die es jeden Tag, in jeder Stunde in Deutschland gibt. In der Europäischen Union meiden rund 53 Prozent aller Frauen aus Angst vor Gewalt bestimmte Orte. Jede Zweite hat sexuelle Belästigung erfahren. Tausende Vergewaltigungen werden jährlich allein in Deutschland angezeigt; nur etwa acht Prozent enden mit Verurteilungen. Und viele der Übergriffe (die Dunkelziffer wird auf das Zehnfache der Anzeigen geschätzt), werden nicht einmal angezeigt - weil die Erfolgsaussichten gering sind, weil man Frauen nicht glaubt und ihnen Mitschuld unterstellt - gleichzeitig aber 100 Gründe dafür findet, warum der Täter nichts dafürkonnte. Oder weil unser Strafrecht schlicht nicht ausreicht, Täter zu belangen.

Das war vor 30 Jahren in der DDR so, und das ist auch heute noch der Fall. Bei uns in Deutschland gilt immer noch nicht die Grundregel sexueller Selbstbestimmung: "Nein" heißt "Nein". Nach deutschem Recht ist Vergewaltigung nur dann strafbar, wenn rohe Gewalt ausgeübt, Gefahr für Leib und Leben angedroht wird oder eine "objektiv" schutzlose Lage besteht - nicht aber, wenn eine Frau "Nein!" sagt, wenn sie weint, schreit und ums Aufhören fleht. Zum Verständnis: Ein Opfer gilt beispielsweise schon nicht als "objektiv schutzlos", wenn die Tat bei unverschlossener Tür stattfindet, denn es könnte ja - theoretisch - flüchten. Auch nicht, wenn vor dem Fenster Menschen stehen, die man alarmieren könnte - selbst wenn man nichts von ihrer Anwesenheit weiß.

Eine Vergewaltigungsanzeige endet auch regelmäßig mit Freispruch, wenn Drohungen unausgesprochen bleiben - selbst dann, wenn die Brutalität des Täters bekannt ist und das Opfer vor Angst erstarrt. Sie endet mit Freispruch, wenn eine Frau sich nicht wehrt, um ihre Kinder nebenan nicht in Panik zu versetzen. Hat dagegen jemand davon gehört, dass ein Räuber freigesprochen wurde, weil man sich bei dessen Überfall nicht ausreichend gewehrt hat? So groß sind die Hürden im deutschen Recht nur, wenn es um den Schutz von Frauen geht.

Aktuell debattieren wir vor allem sexuelle Belästigung. Fakt ist, dass es in Deutschland keine Straftat ist, einer Frau an den Busen zu grapschen oder unter den Rock. Zwischen die Beine. Ein Polizist kann das als "sexuelle Beleidigung" auslegen - er kann aber auch die Aufnahme der Anzeige ablehnen, mangels Strafbarkeit.

Ich begrüße sehr, dass wir nun endlich die überfällige Debatte zur sexuellen und körperlichen Integrität von Frauen in der breiten Gesellschaft führen, um das Möglichkeitsfenster für eine Reform des ungenügenden Sexualstrafrechts zu nutzen. Wir dürfen nicht auf einseitige rassistische Hetze hereinfallen, die die Unversehrtheit von Frauen nur gegenüber Ausländern schützen möchte, indem man allein in Zuzugsbegrenzung oder Abschiebung von Flüchtlingen eine Lösung sieht. Es braucht stattdessen einen neuen gesellschaftlichen Konsens, der jede Gewalt gegen Frauen ächtet - ausnahmslos. Zum Schutz von Frauen und Mädchen vor Gewalt - egal von welchem Täter, unabhängig von seiner Herkunft, Religion und Hautfarbe. Dieser neue Konsens wäre dann auch für Einwanderer aus Kulturen, in denen Frauenrechte noch anders bewertet werden, ein deutliches Signal. Vergessen wir auch die Opfer von Köln nicht, von denen viel zu wenig die Rede ist. Sie brauchen zum Beispiel psychosoziale Betreuung, um das Erlebte zu verarbeiten - auf die es leider auch noch keinen Rechtsanspruch gibt.

Gleichzeitig sollten wir dafür kämpfen, dass Sexismus in Medien, Werbung und öffentlichem Raum nicht mehr sozial akzeptiert ist. Wenn Frauen als Objekte dargestellt und auf Körperteile mit sexueller Konnotation reduziert werden, hat das Folgen. Sexismus ist der Humus, auf dem sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt wachsen. Wir haben in Sachen Gleichberechtigung schon sehr viel erreicht und können darauf auch stolz sein. Aber Geschlechtergerechtigkeit haben wir noch lange nicht in Deutschland. Zeigen wir nach innen und nach außen, für Einheimische und Zuwanderer, welche Werte uns wirklich wichtig sind, und setzen wir das auch in die gelebte Rechtspraxis und im Alltag um. Dann haben die Gewalttaten von Köln wenigstens zu positiven Veränderungen geführt, die einen großen Unterschied für viele Menschen machen werden.

 

Anke Domscheit-Berg

Foto: K. Blaschke/Random House

Zur Person: Anke Domscheit-Berg

In Schneeberg studierte die 1968 im Premnitz (Brandenburg) geborene Autorin angewandte Textilkunst. Nach der Wende und einem zweiten Studium der Internationalen Betriebswirtschaft machte sie bei McKinsey und Microsoft Karriere.

Seit Mitte der Nuller Jahre setzt sie sich in zahlreichen Initiativen für Geschlechtergerechtigkeit ein. Im letzten Jahr erschien ihr viel diskutiertes Buch "Ein bisschen gleich ist nicht genug". Seit 2010 ist sie mit dem Wiki-leaks-Mitbegründer Daniel Domscheit-Berg verheiratet. Mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn lebt sie in Fürstenberg/Havel im Norden von Brandenburg. (tim)

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
39
(Anmeldung erforderlich)
  • 21.01.2016
    22:15 Uhr

    Haju: Für Abonnenten:
    „Was hat uns Marokko eigentlich getan, dass wir ihnen jetzt Sexualstraftäter zurückschicken wollen?“
    http://www.metropolico.org/2016/01/21/was-hat-uns-marokko-eigentlich-getan/

    2 0
     
  • 17.01.2016
    19:01 Uhr

    Nikalx: Noch Fragen?

    http://www.welt.de/regionales/hamburg/article151097419/Extrem-fordernd-unzuverlaessig-und-anzueglich.html

    2 4
     
  • 17.01.2016
    02:50 Uhr

    Sawyer: Das Phänomen, dass die Feministinnen die Vofälle von Köln und die gleichgelagerten Fälle zahlreicher anderer deutscher Städte krampfhaft versuchen zu relativieren wird auch hier gut beleuchtet:
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article151084213/Erstaunlich-wie-Feministen-die-Realitaet-ausblenden.html
    Auf keinen Fall möchten sie weg vom eingeübten stereotypischen Feindbild des heterosexuellen weißen Mannes.

    0 10
     
  • 17.01.2016
    01:47 Uhr

    Haju: Der Kriminologe Prof. Pfeiffer wurde von „Qualitätsjournalisten“ vor Interviews aufgefordert, nicht über Flüchtlinge zu reden:
    http://www.statusquo-news.de/reden-sie-nicht-ueber-fluechtlinge-die-bitte-der-medien-an-prof-christian-pfeiffer/
    Nun, ausgerechnet Prof. Pfeifer hat vor ein paar Jahren auch über die katholische Kirche gesprochen und im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal eine nicht signifikant höhere Täterrate männlicher Bediensteter gegenüber der Durchschnittsbevölkerung festgestellt.
    Und wer jetzt fordert, nicht über den Islam zu sprechen ist quasi selbst definierter Christenhasser – zu freizügig und offenherzig war damals insbesondere die Kommentarfunktion genau derselben Medien geschaltet. Und was Raten usw. anbelangt, stellt die Feministin Alice Schwarzer folgendes fest:
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article151065691/Kalaschnikows-Sprengguertel-und-jetzt-die-sexuelle-Gewalt.html

    1 10
     
  • 17.01.2016
    01:11 Uhr

    Haju: Übrigens sagte Frau Merkel schon am 18.06.2011: „Wir müssen akzeptieren, dass die Zahl der Straftaten bei jugendlichen Migranten besonders hoch ist.“ Nun, wir müssen gar nichts und akzeptieren sowieso nicht. Und zig tausende womöglich judenhassende Araber ("Das sind wir unserer Vergangenheit schuldig") müssen wir auch nicht akzeptieren und Polen(!) in EU-Solidarität wegen unserer Vergangenheit aber nun gleich gar nicht.

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