In Friesen türmen sich tausende Tonnen Abfall. Das Dach ist eingebrochen, es regnet hinein.
Foto: Franko Martin
Umwelt-Altlast in Friesen beginnt zu stinken
Kreisbehörde prüft seit sieben Jahren Möglichkeiten der Entsorgung
Friesen. Fast schien es, als sei das Gras des Vergessens über das mit tausenden Tonnen Abfall vollgestopfte verfallene Apparatebau-Werk im Reichenbacher Ortsteil Friesen gewachsen. Doch während die Industriebrache immer mehr von Gras, Sträuchern und Bäumen überwuchert wird und kein Eigentümer haftbar zu machen ist, reißt den Anwohnern der Geduldsfaden.
Vor sieben Jahren, erinnert Bernd Riedel vom örtlichen Heimatverein, hat die Umweltbehörde des Vogtlandkreises auf Medienberichte reagiert, kleinere Mengen Chemikalien entsorgen lassen und von Möglichkeiten einer Verwertung oder Deponierung der illegal abgelagerten Glasfaser- und Textil-Berge geredet. Er hält "Freie Presse"-Beiträge in der Hand mit Zusagen des Umweltamtes. "Doch es hat sich seither nichts getan", sagt der Friesener.
Seit nun das Dach der maroden Fabrikhalle eingestürzt ist und Regenwasser auf die meterhoch gestapelten Ballen rieselt, fange es bei Hitze an zu stinken. In Friesen wachse der Unmut, so Bernd Riedel.
Kein Grund zum Handeln
Doch Umweltamtsleiter Tobias Pohl sieht keinen aktuellen Grund zum Handeln. Der Gebäudekomplex sei tatsächlich inzwischen einsturzgefährdet, räumt Pohl ein. Die Konsequenz: "Ein Betreten bzw. eine Entsorgung der Abfälle aus den Gebäuden ist nicht mehr gefahrlos möglich." Die Glasfaserballen enthielten keine gefährlichen Substanzen, daher gehe von ihnen keine Gefährdung aus. Auf andere Textilabfälle geht Pohl nicht ein.
Am Montag hatte die "Freie Presse" die Kritik der Friesener als Anfrage an die Kreisverwaltung geleitet, bis Donnerstagnachmittag ließ sich Pohl Zeit zur Antwort. Untätig war die Umweltbehörde in der Zwischenzeit nicht: So verweist der Amtsleiter auf einen kurzfristig anberaumten gemeinsame Ortstermin mit der Bauaufsichtsbehörde der Stadt Reichenbach. Ergebnis: Man prüfe, ob eine weitere Absperrung für das Firmengelände nötig ist. Doch bereits jetzt sei "die sichere Umzäunung nur durch Überklettern überwindbar".
Lückenhafte Absicherung
Wenn Pohl da nicht irrt. Die "Freie Presse" prüfte die Zugänglichkeit des einsturzgefährdeten Gebäudes und gelangte mühelos auf das Areal. Wohl ist das Tor an der Vorderseite abgesperrt, doch auf der Rückseite klafft eine breite Lücke ohne jedwede Absperrung oder Warnung vor der Gefahr. Wer will, gelangt dort hinein, ohne klettern zu müssen.
Im Sommer 2003 hatte Pohl erklärt, die Verwertung des Materials sei auch davon abhängig, ob es als Wertstoff oder Abfall eingeordnet wird. Sieben Jahre später spricht er von der "Verwertungsmöglichkeit" der geschätzten 3000 Tonnen Material bei der Betonherstellung oder als Zuschlagstoff für andere Prozesse. Bei "nichtvorhandener Gefährdung" ließen sich die damit verbundenen hohen Kosten jedoch nicht dem Steuerzahler aufbürden. Mit anderen Worten: Nichts passiert.
Das allerdings stinkt den Friesenern. Bernd Riedel erklärt: "Das können wir nicht akzeptieren." Der Ortschaftsrat werde das Thema jetzt aufgreifen.