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Strampeln für ein starkes Herz: Ex-Minister Hans Geisler (2.v.r.) beim Rehasport des Dresdner Sportclubs 1898. Neben ihm Sporttherapeutin Angela Geisler - die Namensgleichheit ist übrigens reiner Zufall.

Foto: Ronald Bonss

Herzsport in Nöten

Der Bedarf an Reha-Gruppen ist größer als das Angebot. Jetzt droht sich die Lage noch zu verschlimmern: Es fehlt an Ärzten.

Von Steffen Klameth
erschienen am 25.01.2016

Jeden Tag eine Stunde Gymnastik, regelmäßige Wanderurlaube, einmal im Jahr eine mehrtägige Fahrradtour: Hans Geisler fühlte sich fit wie ein Turnschuh - erst recht in Anbetracht seiner mittlerweile 75 Jahre. Doch bei einer Bergtour in Rumänien im vorigen Jahr kam er plötzlich nicht mehr hinterher. "Sobald das Tempo anzog oder es bergan ging, bekam ich Luftnot", erzählt er. Beim nächsten Urlaub das Gleiche. Freunde rieten ihm, zum Arzt zu gehen. Nach dem EKG war klar: "Ich litt unter Vorhofflimmern." Bereits sein Vater und sein Bruder waren von der Herzrhythmusstörung betroffen. Unbehandelt kann sie zu einem Schlaganfall, zu Herzschwäche und schlimmstenfalls zum Tode führen.

So wurde der Mann, der zwölf Jahre als Minister die Gesundheitspolitik in Sachsen bestimmte, selbst zum Patienten. Mehrere Ärzte versuchten, die Krankheit auf verschiedene Weise zu behandeln - mit begrenztem Erfolg. Erst beim vierten Versuch brachte ein Medikament das Herz wieder in den normalen Rhythmus. Doch von seiner früheren Leistungsfähigkeit war der Rentner meilenweit entfernt. Für zwei Kilometer Gehen benötigte er rund 40 Minuten, mit dem Auto sollte er auf ärztlichen Rat nicht mehr als 20 Kilometer fahren. "Da ist der Lebensradius enorm eingeschränkt."

Wie Hans Geisler geht es Tausenden Menschen. Ob Herzinfarkt, koronare Herzkrankheit oder Herzklappenfehler: Alle sind froh, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein - und leben dennoch fortan mit einem Handicap. "Viele sind unsicher", weiß Dr. Christel Kieß, "sie trauen sich nicht mal mehr, hinter einer Bahn herzurennen oder einen schweren Beutel zu tragen."

Kassen übernehmen Kosten

Frau Kieß hilft diesen Menschen bei der Rückkehr ins Leben. Früher hat sie als Internistin am Landambulatorium Cossebaude gearbeitet, heute fährt die 82-Jährige jeden Dienstag nach Dresden und betreut Herzpatienten beim Rehasport des DSC 1898 e. V. Vor dem Training erkundigt sie sich nach dem Wohlbefinden der Patienten, misst Blutdruck und Puls. "Manchmal muss ich jemanden auch wieder nach Hause schicken", sagt sie. Anschließend überwacht sie das Training: 30 Minuten Ausdauer auf dem Ergometer, 30 Minuten Gymnastik. Und zum Schluss Zielwerfen mit dem Basketball - "da werden die Männer zu Kindern."

Bis zu zwei Jahre lang können Patienten auf ärztliche Verordnung am Herzsport teilnehmen, die Kosten übernehmen die Kassen. Sachsenweit gibt es über 500 solcher Gruppen - deutlich mehr als noch vor zehn Jahren, sagt Dr. Christoph Altmann, Vorsitzender des Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: "Jetzt liegen wir im Bundesvergleich im Spitzenfeld." Doch diese Position ist zunehmend gefährdet. Vor allem in ländlichen Gegenden sei es schwierig, Herzgruppen am Laufen zu halten, bestätigt Stefanie Eurich vom Sächsischen Behinderten- und Rehasportverband. Die Folge: "Immer mehr Patienten kommen zu uns, weil ihre Gruppen geschlossen werden", berichtet DSC-Sporttherapeutin Angela Geisler. Prominentes Beispiel ist Ex-Minister Hans Geisler, der eigentlich lieber in seiner Heimatstadt Radeberg trainieren würde.

Der DSC betreut derzeit 21 Herzsportgruppen, und es könnten durchaus noch mehr sein. Wie alle Vereine hat er aber ein Problem: Es gibt immer weniger Ärzte, die die medizinische Betreuung und Überwachung übernehmen. Doch ohne Arzt kein Herzsport - so sehen es bundesweit einheitliche Vorgaben vor. In ihrer Not wandten sich die Vereine an die Landesärztekammer. Nach einem Aufruf im Ärzteblatt im Jahre 2012 meldeten sich noch fünf Mediziner, nach einer wiederholten Annonce im vorigen Herbst niemand mehr.

Für Dr. Altmann, der hauptberuflich als Chefarzt an der Median- Klinik in Bad Gottleuba arbeitet, ist das keine Überraschung: "Mit 20 bis 30 Euro pro Stunde locken Sie keinen Arzt hinterm Ofen hervor - das sind alles Idealisten, die machen das aus Überzeugung." Außerdem herrsche gerade in Sachsen vielerorts Ärztemangel. Auch die Hoffnung, dass sich Mediziner im Ruhestand für die Aufgabe interessieren, bleibt oft ein frommer Wunsch. Zwar bekommt jeder Arzt, der aus dem aktiven Berufsleben ausscheidet, von der Landesärztekammer einen Rentnerbrief - mit der expliziten Bitte um Unterstützung der Herzsportgruppen. Aber: "Die Leute wollen einfach frei sein", sagt Betreuerin Christel Kieß. Sie selbst findet die Tätigkeit interessant, würde aber auch ihre acht Enkel gern häufiger besuchen.

Lösung: Auf Arzt verzichten

Was also tun? Aus Sicht von Verbandschef Altmann ist die ständige Anwesenheit eines Arztes nicht mehr zeitgemäß: "Wir haben kompetente Übungsleiter, einen Notfallkoffer mit Defibrillator - damit kann man im Ernstfall schnell helfen, bis Arzt oder Rettungswagen vor Ort sind." Auch die Kassen unterstützen die Idee, Ärzte auf Abruf einzusetzen. Bisher scheiterte das jedoch am Widerstand juristischer Bedenkenträger. "Wir haben schon mehrmals eine Änderung der Vorschrift auf Bundesebene gefordert - immer vergeblich", sagt Dr. Altmann. Zwar erhalten die Vereine von den Kassen seit Januar mehr Geld - zwischen 7,50 und 8 Euro pro Patient und Übungsstunde. Allerdings glaubt niemand ernsthaft, dass dies den Herzsport auf Dauer rettet.

Auf absehbare Zeit dürfte die Zahl der Gruppen also weiter sinken. Hans Geisler, Minister a. D., hat seinen Platz zumindest sicher. Und er sprüht vor Optimismus: "Im Sommer wollen wir mit Freunden den Frosch- oder den Krabatradweg fahren. Sechs Tage - wie früher."


 

 "Wer sich bewegt, lebt länger"

Stefan Spitzer, Hauptgeschäftsführer der Dresdner Praxisklinik Herz und Gefäße, erklärt, warum der Reha-Sport in Gruppen besonders wirkt.

"Freie Presse": Warum gehört Reha-Sport zu einer erfolgreichen Therapie von Herzpatienten?

Nach einem akuten Herzinfarkt ist die nachhaltige Kontrolle der Risikofaktoren von Bedeutung. Man weiß heute, dass durch ein kontrolliertes überwiegend dynamisches Ausdauertraining die Langzeitprognose der Infarktpatienten verbessert werden kann. Die Therapieeffekte werden über die Skelettmuskulatur und die Blutgefäße generiert. Zusätzlich wird der Stoffwechsel positiv beeinflusst. Die Blutduckkontrolle wird ebenso verbessert wie die Blutzuckereinstellung. Langfristig kommt es auch zu einer Verbesserung der Pumpfunktion des Herzmuskels.

Muss das Training immer in einer Gruppe erfolgen?

Unter Anleitung von Sporttherapeuten und ärztlicher Supervision erlernen die Patienten die Trainingssteuerung und können das Erlernte so auch im privaten Umfeld umsetzen. Zur Realisierung der Therapieeffekte sollte ein Herzpatient drei- bis fünfmal pro Woche 30 bis 45 Minuten trainieren. Herzgruppen leben von ihrer Gruppendynamik. Der Erfahrungsaustausch und die wechselseitige Motivation sind von zentraler Bedeutung.

Was kann man beim Herzsport falsch machen?

Wichtig für Herzpatienten ist das Erlernen von Bewegungsverboten. Tritt Angina pectoris, also der typische Herzschmerz, bei geringer Belastung oder in Ruhe auf, sollte umgehend der Herzspezialist aufgesucht werden. Ist der Ruheblutdruck ständig zu hoch - also über 180/100 -, sollte zunächst eine Optimierung der Blutdruckeinstellung vorgenommen werden. Grundsätzlich ist es für Herzpatienten wichtig, ihren Trainingsbereich nicht zu verlassen. Daher ist die Steuerung der Ausdauerbelastung über den Trainingspuls wichtig.

Was können Patienten tun, die körperlich so eingeschränkt sind, dass sie zu sportlichen Übungen nicht mehr in der Lage sind?

Man unterscheidet Übungsguppen von Trainingsgruppen. Weniger belastbare Herzpatienten trainieren in den Übungs-, besser belastbare in den Trainingsgruppen. Die Inhalte können vom Übungsleiter individuell gestaltet werden. So kann zum Beispiel Hockergymnastik auch bei reduzierter Belastbarkeit durchgeführt werden. Bei ausgeprägter Herzschwäche oder direkt nach Operationen ist zunächst ein Gehtraining sinnvoll.

 
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