Stolz zeigt Emma Seifert ihrem Kater Franz das Foto von beiden, das im Januar auf der Ratgeberseite veröffentlicht wurde.
Foto: Anja Seifert
Emma und ihr Glücks-Kater
Neurodermitis nicht zwangsläufig mit Allergie gegen Tierhaare verbunden
Chemnitz. "Auf dem Bild ist unsere Tochter Emma zu sehen", schreibt Anja Seifert aus Bad Schlema im Erzgebirgskreis. "Sie leidet seit ihrer Geburt an Neurodermitis und ihre Haut zeigt auch allergische Reaktionen auf Tierhaare. Die Katze ist Emmas Kurzhaarperser-Kater Franz, den sie abgöttisch liebt. Seit elf Jahren leben sie zusammen. Doch seltsamerweise reagiert ihr Körper überhaupt nicht auf dieses Tier. Es ist wie ein Wunder."
Die E-Mail hat die Redaktion neugierig gemacht, denn diese Informationen waren bei der Bildauswahl nicht bekannt. Anja Seifert ist begeisterte Hobbyfotografin und hatte das veröffentlichte Foto auf dem Portal Fotolia.de zur Nutzung zur Verfügung gestellt. Auch die "Freie Presse" macht für die Zeitungsgestaltung von dem Angebot Gebrauch. Mehrere Millionen Aufnahmen von Fotografen aus der ganzen Welt stehen zur Auswahl. So war die erste Überraschung, dass Anja Seifert aus der Region stammt; die zweite, dass ihre Tochter zwar auf fremde Tiere, aber nicht auf ihren Kater allergisch reagiert.
Rote, schuppende, manchmal nässende Ekzeme auf der Haut sowie starker Juckreiz sind Hauptsymptome von Neurodermitis. Schon der Name deutet an, dass bei der Erkrankung im Unterschied zu anderen Allergien das Nervensystem und die Psyche eine wichtige Rolle spielen. Der Begriff ist aus dem Griechischen abgeleitet: "neuron" bedeutet Nerv, "derma" steht für Haut und die Endung "-itis" für Entzündung. Bei etwa 90 Prozent der betroffenen Kinder treten auch allergische Reaktionen auf, unter anderem gegenüber Tierhaaren.
Warum aber zeigt die zwölfjährige Emma bei ihrem Kater keine Allergiesymptome, jedoch bei fremden Katzen und Hunden? "Neurodermitiskranke reagieren zwar oft, aber nicht zwangsläufig auf Tierhaare. Der Grund: Nicht jedes Tier produziert gleich viel Allergene. Beim Kater des Mädchens sind es offenbar so wenige, dass es nicht zu Beschwerden kommt", lautet die Erklärung von Allergieexperte Professor Ludger Klimek, Vizepräsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen. Zudem hat die Neurodermitis ein individuelles und vom Lebensalter des Menschen abhängiges Erscheinungsbild. Allerdings gibt es neben solchen, für Tierbesitzer erfreulichen Beispielen auch Fälle, wo bereits kleinste Mengen von Tierallergenen zu starken Beschwerden führen können. Besonders hoch ist das Allergierisiko bei der Anschaffung von Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Kaninchen und Vögeln.
Darüber waren sich auch Emmas Eltern im Klaren, als sie vor elf Jahren eine Katzenausstellung besuchten und ihre damals knapp zweijährige Tochter unbedingt den kleinen Perserkater haben wollte. Sie erzählten dem Züchter von der Erkrankung des Mädchens. Doch der wusste, dass es Besitzer gibt, die auf diese Katzenrasse nicht allergisch reagierten. Und er war bereit, den Kater zurückzunehmen, falls Emma eine Tierhaarallergie entwickelt.
"Ist er nicht süß?", fragt die Zwölfjährige immer wieder verzückt, wenn ihr Kater neugierig die Umgebung erkundet. "Mit Franz schmusen und spielen ist so schön", schwärmt Emma, als "Freie Presse" sie zu Hause besucht. Und der Stubentiger macht tatsächlich alles mit, was sich seine Besitzerin einfallen lässt. "Man spürt in jedem Moment, wie glücklich die beiden miteinander sind", sagt Anja Seifert und fügt hinzu: "Franz tut unserer Tochter rundum gut. Emma hat sich mit ihrer Erkrankung arrangiert. Sie ist ein fröhliches Mädchen und kümmert sich vorbildlich um ihren Kater. Und auch mit ihren schulischen Leistungen sind wir zufrieden."
Kann die Katzenhaarallergie womöglich durch das innige Mensch-Tier-Verhältnis unterdrückt werden? Schließlich spielt ja bei Neurodermitis auch die Psyche eine wichtige Rolle. "Die enge Beziehung des Mädchens zu dem Kater hat nichts damit zu tun, dass allergische Reaktionen ausbleiben", sagt Professor Klimek. Er bleibt dabei, dass das in dem Fall am offenbar geringen Allergiepotenzial der Katze liegt. "Emma hat mit dieser Samtpfote einfach großes Glück gehabt."
Dennoch: Positive Auswirkungen von Tieren auf Menschen sind unbestritten. Heute gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, dass Haustiere ihren Haltern gut tun. Da wären einerseits die körperlichen Auswirkungen auf Tierbesitzer. Studien zufolge haben beispielsweise Menschen, die sich mit ihrem Hund jeden Tag an der frischen Luft bewegen, ein stärkeres Immunsystem. Darüber hinaus können Tiere Balsam für die Psyche sein. Hier gilt vor allem: Wer allein wohnt und ein Haustier hat, fühlt sich weniger einsam und findet tatsächlich leichter Anschluss an andere Menschen. "Tiere können die Funktion eines Eisbrechers haben und Kontakte im sozialen Umfeld erleichtern", beschreibt Detlev Nolte, Generalsekretär des Forschungskreises Heimtiere in der Gesellschaft, das Phänomen.
Zu interessanten Ergebnissen ist auch eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest gekommen. Sie bestätigt, dass sich 58 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen für Tiere interessieren. "Die von Kindern berichteten Tiererlebnisse zeigen, wie genau sie Tiere beobachten und wie intensiv das Erleben ist. Dies ist nur möglich, weil hier tieferliegende kindliche Wünsche und Bedürfnisse angesprochen werden", lautet der grundlegende Befund von Professor Reinhold Bergler vom Psychologischen Institut der Universität Bonn. Die Humanmedizinerin Dr. Anke Prothmann ist ebenfalls davon überzeugt, dass Kinder vom Umgang mit Tieren profitieren: "Kinder, die mit Tieren aufwachsen, haben eine stärkere Persönlichkeit, sind sozialer und können besser Streits schlichten als Kinder, die ihre Kindheit ohne Tiere verbringen." Andere Studien zeigen, dass Heimtiere das Lernen unterstützen, indem sie Aufmerksamkeit, Konzentration und Motivation fördern.
Einig sind sich viele Fachleute, dass nur eine gute und enge Mensch-Tier-Beziehung positive Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder haben kann. Entsprechend wichtig ist es, das richtige Heimtier auszuwählen: "Alle Familienmitglieder sollten sich mit den Ansprüchen der Wunschtiere auseinandersetzen, prüfen, ob diese zum eigenen Lebensstil passen und sich optimal auf die neuen Mitbewohner vorbereiten", erklärt Norbert Holthenrich, Präsident des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe. Dass bei der Entscheidung sogar eine allergische Erkrankung kein Hindernis sein muss, beweisen Emma Seifert aus Bad Schlema und ihr Glücks-Kater Franz. (mit dpa)