Aus der Traum: Italien schockiert DFB-Team
Aus und vorbei: "Schreckgespenst" Italien hat Deutschland erneut brutal aus den Titelträumen gerissen. Sechs Jahre nach dem schmerzhaften Ende des Sommermärchens unterlag die DFB-Auswahl der abgezockten Squadra Azzurra im EM-Halbfinale 1:2 (0:2). Joachim Löw verpokerte sich bei der Rotation, und die deutsche Nationalmannschaft verspielte ihre Chance, im Finale am Sonntag (20.45 Uhr/ZDF) endlich Spaniens Herrschaft über den Weltfußball zu beenden. Das dürfen in Kiew nun die Italiener versuchen, die nach ihrem zweiten EM-Titel greifen. Dies konnte auch das späte Elfmetertor von Mesut Özil (90.+2) während der deutschen Schlussoffensive nicht verhindern.
"Das ist sehr, sehr bitter. Wir machen dumme Fehler, das darf uns nicht passieren", sagte Kapitän Philipp Lahm sichtlich niedergeschlagen. "Wir haben alles versucht, alles gegeben, aber das reicht dann eben nicht", fügte er noch hinzu. "In unserer Mannschaft steckt so viel Potenzial für mehr. Aber wenn man nicht clever genug ist, verliert man so ein Spiel."
Nach dem Abpfiff ließen die deutschen Spieler den Kopf hängen, ehe sie zögerlich zum Abschiedsapplaus für die Fans schlurften. Thomas Müller, mit Bayern München bereits in Meisterschaft, Pokal und Champions League kurz vor dem Ziel gescheitert, saß auf der Bank und weinte. Die Italiener tanzten zum Schlager "Azzurro" von Adriano Celentano.
Skandalnudel Mario Balotelli ließ vor 55.540 Zuschauern in Warschau schlimmste Erinnerungen an das Halbfinale der Heim-WM 2006 wach werden. Der Stürmer von Manchester City schockierte die ratlos wirkende deutsche Mannschaft mit zwei Toren in der ersten Halbzeit (20./36.). Bundestrainer Löw blies danach zum großen Sturmlauf, wechselte Marco Reus und Miroslav Klose ein, denen er vor dem Spiel überraschend Lukas Podolski und Mario Gomez vorgezogen hatte. Es war vor allem Reus, der für frischen Wind sorgte, sogar mit einem Freistoß aus gut 20 Metern beinahe getroffen hätte (62.). Es half nichts, der Traum vom vierten EM-Titel nach 1972, 1980 und 1996 platzte. Die Goldene Generation bleibt ohne Trophäe.
Italien, auch nach dem achten Turnierduell mit Deutschland ohne eine Niederlage, nutzte die Schwächen, die sich aus Löws "Pokerspiel" ergaben, gnadenlos aus. Die rechte Abwehrseite war zu lange verwaist, weil der in die Startelf gerückte Kroos Italiens genialen Strategen Andrea Pirlo auf Schritt und Tritt bewachen sollte. Doch Pirlo entzog sich, spielte einen 30-Meter-Pass mitten in die Schwachstelle: Antonio Cassano vernaschte Mats Hummels, Balotelli hielt seinen massiven Schädel in die Flanke - 0:1. Das 0:2 entstand aus einem genialen Pass des deutschstämmigen Riccardo Montolivo, Balotelli hämmerte den Ball in den Winkel, dass es fast das Tornetz zerriss.
Das war die große Ernüchterung. Dabei hatte der "Maulwurf" diesmal vergeblich gebuddelt, Löws Masterplan mit wieder mal einigen Knalleffekten sickerte nicht frühzeitig an die Medien durch. Gomez durfte wieder für Klose ran, Podolski für André Schürrle, Kroos für Reus. Das, so sollte sich schnell erweisen, waren gleich mehrere Fehler. Löw versuchte, sie in der Halbzeitpause zu korrigieren - vergeblich. Italien blieb tiefenentspannt. Pirlo stand häufig tief, um dem Druck auszuweichen, er zog die Fäden wie gewohnt.
Von Hochgeschwindigkeitsfußball wie gegen Griechenland war die deutsche Mannschaft weit entfernt, obwohl sie die italienische Defensive in der zweiten Hälfte noch einige Male in große Schwierigkeiten brachte. Die Italiener wurden zwar müde, blieben jedoch über Balotelli (56.) und Claudio Marchisio (67./75.), der zweimal aus guter Position verzog, jederzeit gefährlich. Der Glaube an eine wundersame Wende schwand in der DFB-Auswahl von Minute zu Minute.
Dabei hatte sich Löws Auswahl zunächst nicht beeindrucken lassen und war zu guten Chancen gekommen. Buffon und der ehemalige Wolfsburger Andrea Barzagli hätten nach einer Hereingabe von Jerome Boateng fast ein Eigentor produziert (12.), kurz darauf faustete Buffon einen Schuss von Kroos weg. Italien aber blieb lässig und schlug eiskalt zu, nachdem Montolivo und Cassano den bei beiden Toren chancenlosen Neuer mit Weitschüssen geprüft hatten (18./19.).
Erstmals seit dem Spiel um Platz drei bei der WM 2010 lag die deutsche Mannschaft also in einem Pflichtspiel in Rückstand, und ihre Reaktionen fielen nicht überzeugend aus. Özil bekam ein Schüsschen zustande, sonst jedoch keinen Zugriff auf das Spiel. Gomez hing in der Luft, hatte gegen Barzagli aber auch deshalb einen schweren Stand, weil die Anspiele auf ihn so gut wie nicht zu verwerten waren. Löw sah auf der Trainerbank spätestens nach dem 0:2 schockiert aus. Am Ende jubelten die Azzurri - Deutschland ist raus. Wieder einmal. Wieder nach einem Duell mit Italien.
11:37 Uhr
Matthias1: Es war sicher nicht das Singen der Nationalhymne die Ursache! Allerdings hat Löw wohl zu sehr auf die Spieler des auch sonst eher glücklosen FC Bayern gesetzt und bessere Alternativen zu spät gebracht. Die Bayernbubis um das Kapitänchen Lahm konnten nicht schnell genug den Ossi Ballack wegmobben, wissen nun aber auch nicht, was sie auf dem Spielfeld anfangen sollen. Wer die Nationalmannschaft zum Großteil aus dem FC Bayern rekrutiert, muss sich nicht wundern, wenn diese dann auch nicht erfolgreicher ist als der zu gut bezahlte Vizemeisterverein, der in dieser Saison nichts vorzuweisen hatte.
16:34 Uhr
809626: Ein schöner und sachlicher Artikel. Irgendwie war es meiner Meinung nach abzusehen (psych. Aspekt), gegönnt hätte ich es ihnen dennoch. Was mich wundert: plötzlich sind alle, die gestern noch beflaggt Auto fuhren und laut getrötet haben anderer Meinung und sind plötzlich alle Fußball- / Nationalmannschafts- und Jogi Löw-Gegner. Oder sie "hätten alles ganz anders gemacht!" Die Rechnung ging eben nicht auf, es geht weiter. Ich hoffe nur, sie alle (Mannschaft und Trainer) rappeln sich wieder auf.
11:54 Uhr
schnellleserin: und ich dachte schon hier geht es um Sport und nicht um Nationalstolz und eine gute Chorleistung ;-)
Vielleicht sollten sie erst mal gute Sänger suchen, dann klappts auch mit dem Fußball ;-)
11:23 Uhr
Luzifer: Ja dem kann man nur Zustimmen. Umso beschämender ist die Tatsache das es an anderen Stellen dazu kommt das man beschimpft wird und die Fahne vom Auto gebrochen wird, wenn man Nationalstolz zeigt. Wir sind immer soooo tolerant zu allen, aber da genau eben nicht.
Das drückt sich ja auch im Spiel aus. Wir spielen technisch perfekt, schönen Fussball. Aber immer wenn es darauf ankommt ist immer alles geschmeidig und voller Harmonie. Keine Persönlichkeit, zu wenig Leidenschaft und Biss.
09:37 Uhr
oOSilenceOo: Sehr schöner Beitrag 29juni. Aus der Seele gesprochen. Danke.