Die Berliner Mauer mitten in Halle. Der Nachbau für den Film kann wirklich Beklemmungen auslösen. Ilona Schumann ist eine von vielen Hallensern, die täglich den Mauerbau verfolgen. Die täuschend echte Kulisse für "Liebe Mauer" ist heute fast fertig, ab Montag wird dort gedreht. Dann ist die Mauer von Halle allerdings fast so gut abgeriegelt wie ihr am 9. November vor 20 Jahren gefallenes VorbildFoto: Franko Martin
Keine Angst, sie ist aus Holz
Die Berliner Mauer teilt derzeit die Saalestadt Halle - fast 20 Jahre nach ihrem Fall als Kulisse für den Kinofilm "Liebe Mauer"
Halle. "Wie das war mit der Mauer? Na ja, ist lange her. Die eine Seite schön bunt und die andere nicht." Ein Spruch, der mit einem Monstrum ziemlich respektlos umgeht. Der junge Mann sagt ihn ohne stehen zu bleiben, einen Steinwurf vom Todesstreifen entfernt. Vor 20 Jahren hätten das seine letzten Worte sein können. Vielleicht wäre er auch nur im Irrenhaus gelandet. Immerhin. Im Händel-Jahr 2009 aber sind nicht nur die Gedanken frei, der Mann schlurft weiter über den Asphalt, sein Kopf steckt tief im Jackenkragen. Dann dreht er sich nochmal um und lacht. Die Berliner Mauer in Halle, direkt vor der Haustür, ein paar Minuten vom Händel-Denkmal entfernt. Wirklich irre.
Bis Sonntag muss der Grenzübergang stehen, am Montag rücken die Schauspieler an. "Liebe Mauer" heißt der Kinofilm, der mit einer deutsch-deutschen Liebesgeschichte der einstigen DDR-Bezirksstadt gerade einen verspäteten 13. August beschert. Und einen 9. November. Auch diese Mauer steht nicht ewig. Mit ihrem Fall endet der Film mit Felicitas Woll und Maxim Mehmet in den Hauptrollen. Zwei westdeutsche Darsteller unter der Regie eines geborenen Ossis - Peter Timm hat sein Talent für das Tragikomische im "Zimmerspringbrunnen" und in "Go, Trabi, Go" bewiesen. Man darf gespannt sein in Ost und West.
An der Kopie ist alles echt
Für Uwe Neupfleger ist der Mauerbau von Halle vor allem ein Geschäft. Der Mittvierziger aus dem vogtländischen Reichenbach lässt sich in den Sitz seines Pritschenwagens fallen. Der Hänger mit Beton ist zum zweiten Mal leer an diesem Tag im Februar, die nächsten Ladungen müssen ran. Die Mauer aus Sperr- und Kanthölzern braucht einen richtigen Betonsockel, auch die ausrangierten VEB-Betriebsleuchten sollen im Film die perfekte Illusion schaffen. "Holz auf Beton trimmen", nennt das Uwe Neupfleger. 25 Tonnen Beton, die der Firmenchef um die Ecke beim Baustoff- und Transportgiganten Papenburg mischen lässt. "Machst du mir noch 'ne Ladung Mauerbeton?" Der Anlagenfahrer schmunzelt. Auf seinem Schreibtisch liegt die "Bild"-Zeitung - "So leben Rentner in Deutschland wirklich" oder "Der Sandmann wird ein Wessi".
Neupflegers Firma Masun Wasserspiele und Pyrotechnik ist im Kulissenbau eine richtige Nummer. Frühlingsfest der Volksmusik, Landesgartenschauen oder die Wasserspiele im Berliner Friedrichstadtpalast - jetzt eben Mauerbau für einen Film, der Anfang nächsten Jahres in die deutschen Kinos kommen soll. "Zur Darstellung der Geschichte finde ich's gut. Mehr will ich dazu nicht sagen", sagt Uwe Neupfleger und zündet sich eine F6 an.
Wenn er und die Jungs des Leipziger Kulissenbauers MCA mit der Mauer-Kopie durch sind, kommen die Patinisten. Damit meint Uwe Neupfleger die Kascheure, die in Halle sogar an den Westberliner Straßendreck denken, der sich nach fast 30 Jahren Mauer ja irgendwo angesammelt haben muss. Auch die anderen Zutaten für das Symbol der deutschen Teilung und der Teilung der Welt atmen den schaurigen Reiz des Originals. Hinterlandzaun, Grenzsignalzaun, der verräterische Sand des viel zitierten Todesstreifens und dann die eigentliche Mauer mit ihren Rundprofilen. Erschreckend hoch, vorerst auch im Film-Westen noch nicht bunt.
"Verstehen Sie das nicht falsch"
Ilona Schumann bekennt im Angesicht der Mauer Farbe: "Die wird an der falschen Stelle wieder aufgebaut. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber schauen Sie sich doch um." Zwischen Postentürmen und großspurigen Werbebotschaften scheint sich in ihr ein Film abzuspulen. Das deutsche Schicksal zwischen politischer Bevormundung einst und wirtschaftlichen Zwängen heute. "Wir betreiben einen kleinen Handel. Gleich nach der Wende haben die Leute gesagt, toll, endlich sind wir frei. Und heute sagen sie: Aber so haben wir das alles nicht gewollt." Ihre Tochter ist alleinerziehend und kommt nicht raus aus dem Hartz-IV-Kreislauf. Das ist wirklich ein Elend. "Und das, obwohl sie will und sich bemüht. Schauen Sie sich die jungen Leute an. Es gibt keine Jugendclubs mehr, jetzt sitzen sie auf der Straße. Was soll bloß aus ihnen werden?" Natürlich hat der Mauerfall auch Veränderungen zum Guten hin gebracht, räumt sie ein und lässt ihren Blick das Monstrum aus Sperrholz hoch bis in den Himmel gleiten.
Der geteilte Himmel von 1964
Der Hallenser Himmel hat vor vielen Jahren schon einmal in einem Film eine große Rolle gespielt. 1964 war das und mit Eberhard Esche und Renate Blume in den Hauptrollen. In der Christa-Wolf-Verfilmung "Der geteilte Himmel" gibt Halle den Schauplatz für das Scheitern einer Liebesbeziehung kurz vor dem Mauerbau. Er kehrt als hoffnungsvoller Wissenschaftler, vom Apparat ausgebremst, der DDR den Rücken und sucht im Westen ein gut bezahltes Glück. Sie wird dort nicht warm und kehrt in den VEB Waggonbau Halle zurück. Er, und der große Esche spielt das grandios, will nicht in einem Land leben, in dem das Gute mit der Brechstange versucht wird. "Den Himmel können sie uns nicht teilen", sagt er schließlich. Sie entgegnet: "Doch, sie können uns den Himmel teilen."
In "Liebe Mauer" wächst dieser Himmel zusammen. Der von Maxim Mehmet gespielte Sascha schiebt für seinen Studienplatz drei Jahre Grenzdienst und das ausgerechnet als Posten an jenem Grenzübergang, dem in Rufweite die Westberliner Wohnung der von Felicitas Woll gespielten Franzi gegenüberliegt. Die beiden verlieben sich im Jahr der Massendemos und Massenfluchten in die Prager Botschaft über den eisernen Vorhang hinweg. Und bald liegen sich nicht nur Sascha und Franzi, sondern bald scheint sich ein ganzes Volk in den Armen zu liegen.
1982, ein erster Versuch
Elias Bünning hat den Mauerfall als Befreiung erlebt. Aber erst mal lachen er und Uwe Neupfleger zwischen Hebebühne für die Rollenprofile und Stacheldraht, als die Rede auf Walter Ulbricht kommt: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Doch, einer hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Und er baut sie. Elias Bünning, so alt wie sein Kompagnon Neupfleger, ist freiberuflicher Bühnenmeister für Film und Fernsehen und sagt jetzt an der Hallenser Mauer, wo's langgeht. Er kennt das Original aus dem Effeff. Auch darüber kann er lachen. Heute. 1982 hat er als Lehrling mit einem Kumpel aus einer Bierlaune heraus versucht abzuhauen. "Wir sind über den Zaun, und plötzlich standen wir in gleißendem Licht. Im Todesstreifen ist es irre hell. Dann haben die Hunde angeschlagen, und wir haben gesehen, dass wir's nicht schaffen würden." Die beiden sind zurück in den Osten getürmt und hatten Glück. Die Stasi kam ihnen nicht auf die Schliche.
Blühende Landschaften?
"Damals waren wir eben noch jung und schnell", sagt Elias Bünning. "Ost und West? Das gibt es doch gar nicht mehr. Wie lange ist der Mauerfall her? Die jungen Leute wissen heute nichts mehr darüber. Natürlich ist es härter und kälter geworden. Aber wichtig ist für mich, dass ich entscheiden kann, wohin ich gehe, und nicht andere. Mein Sohn kann heute studieren, wenn er es draufhat ... Mensch, ich rede schon, als wäre ich ein alter Mann", unterbricht sich Bünning im Hallenser Regen und fährt fort: "Manchmal frage ich mich, wie würde es der DDR heute gehen?" Blühende Landschaften?
Das Kohl-Wort darf natürlich unweit des Rathauses nicht fehlen, vor dem der Kanzler aller Deutschen am 10. Mai 1991 im Hagel von Eiern und Tomaten wie toll auf die Ossis losging. Aber die Stadt an der Saale hat den Deutschen mehr zu bieten. Halle zeigt mit der Ehrenbürgerschaft von Genscher und Sodann, dass man es immer wieder miteinander versuchen sollte.
Von Gerd Möckel