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Foto: Oliver Berg/dpa

Wir-Gefühl setzt Kleinstädte unter Strom

Trotz höherer Hürden wollen nach wie vor einige Sachsen ihre Strom- oder Wärmeversorgung lieber selbst in die Hand nehmen. Sie gründen eine Bürger-Energiegenossenschaft. Beispiele zeigen, wie steinig der Weg ist.

Von Jürgen Becker
erschienen am 20.01.2015

Chemnitz. Michael Arnold aus der 5500-Seelen-Gemeinde Drebach tüftelt beruflich an Roboter-Simulationen - und privat an einer optimalen Energieversorgung. Als der Erzgebirgler sein Haus auf Holzpellet-Heizung und Fotovoltaik umstellte, hatte er die Idee: "Das müsste doch auf die ganze Gemeinde übertragbar sein." Kurzerhand ließ sich Arnold daraufhin zum Projektentwickler für Energiegenossenschaften weiterbilden und gründete im Mai 2014 gemeinsam mit Mitstreitern die Bürger Energie Drebach.

Mit einer leicht realisierbaren Fotovoltaikanlage, die seit letztem Sommer das örtliche Planetarium mit Strom versorgt, startete die Genossenschaft. Die rund 23.000 Euro dafür kamen über die gezeichneten Anteile zusammen - und durch Darlehen, die die Bürger Energie Drebach bei ihren Mitgliedern aufnahm und bis 2031 tilgt; 2,5 Prozent Zinsen inklusive. Das zeige, dass die 34 Genossenschaftler eher Idealisten seien, sagt Arnold.

Als Nächstes soll für das Freibad Venusberg die Sonne angezapft werden - und erneut sollen alle Beteiligten davon profitieren. Die Kommune spart Betriebskosten, weil sie die Kilowattstunde netto drei Cent günstiger als vorher erhält. Die Genossenschaft bekommt aber trotzdem von der Gemeinde noch netto drei Cent mehr pro Kilowattsunde, als wenn sie den Strom ins Netz einspeisen würde. Von der Entlastung des Gemeindehaushalts haben aber auch die Einwohner etwas. Und die Genossenschaftler selbst rechnen in drei, vier Jahren mit einer ersten gewinnabhängigen Ausschüttung. Um die drei Prozent Dividende könnten es sein, so Arnold.
Laut Umfrage des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) spielt die Aussicht auf Gewinn zwar auch bei den Bürger-Energiegenossenschaften eine Rolle. Mehr gehe es den meisten Mitgliedern aber um die Energiewende vor Ort, um die lokale Wertschöpfung, um Aufträge und Geld, das in der Region bleiben solle, sagt DGRV-Sprecher Andreas Wieg.

Die Bürger-Energiegenossenschaft Markneukirchen spiegelt das wider. Der Stein kam ins Rollen, als eine Firma im Gewerbegebiet den Standort erweitern und dazu ein Windrad errichten wollte. Wegen der Wohngebietsnähe ging das aber nicht. Als sich dann ein Projektentwickler im Stadtrat vorstellte und um einen Windkraftstandort bewarb, war klar: "Wenn unsere Bürger durch solche Anlagen eventuell Einschränkungen hinnehmen müssen, sollte kein anonymer Investor die Früchte ernten, sondern die Bürger vor Ort sollten selbst den Gewinn einstreichen", sagt CDU-Fraktionschef Hermann Ratz, Chef der 2013 gegründeten Bürger-Energiegenossenschaft Markneukirchen.

Eine Fläche auf einer Anhöhe, wo niemand durch Schattenwurf oder Lärm belästigt wird, will die Kommune an die Genossenschaft verpachten. Drei Windräder sollen sich dort drehen, wenn dieser Standort genehmigt wird. Es wäre laut Ratz sachsenweit der erste mitten in einem Wald.

"Klar gibt es auch kritische Stimmen", sagt Ratz. In Gründung ist eine Bürgerinitiative, die gegen die Windräder kämpfen will. Umweltschützer weisen auf die Gefahren für Vögel hin. Erlbacher befürchten Einbußen im Tourismus durch die Verspargelung der Landschaft. "Das haben wir durch eine Studie aber widerlegt", sagt Ratz. Mit Spenden für soziale Zwecke vor Ort und einem Energieerlebnispfad will die Genossenschaft zudem die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen. Die Stadtwerke in Plauen, Reichenbach oder Oelsnitz hätte Ratz gern als Kooperationspartner mit im Boot. Denn Genossenschaften müssen sich auch selbst um die Stromvermarktung kümmern.

Ein Dutzend Mitglieder hat die Markneukirchner Genossenschaft. 200 Bürger hatten ihr Interesse bekundet. Um die zehn Prozent niedrigere Strompreise winken den Genossenschaftlern und vier bis acht Prozent Dividende. 15 Millionen Euro kostet das Projekt. "Dieses Kapital aufzubringen, wird nicht das Problem sein, sobald wir von der Umweltverträglichkeitsstudie bis zur Standortgenehmigung alles in Sack und Tüten haben", sagt Ratz.

Die Bürger Energie Drebach lässt indes vom Wind die Finger. "Da haben Sie sofort zu viele Gegner,", sagt Arnold. Stattdessen kreisen die Gedanken in Drebach um den Aufbau eines Nahwärmenetzes. Erdwärme und eine größere Fotovoltaikanlage auf einer derzeitigen Freifläche könnten in das Strom- und Wärmenetz integriert werden. Ein Student erarbeitet dazu ein Grobkonzept. "Und der Bürgermeister fände auch eine kleine Biogasanlage für den Grünschnitt ganz schön", sagt Arnold. "Für derartige langfristige Großprojekte bräuchten wir aber 1000 Mitglieder."

Gründungsboom bei Energiegenossenschaften durch Gesetzesänderungen ausgebremst

Bundesweit sind seit 2006 rund 800 Bürger-Energiegenossenschaften gegründet worden, die laut Deutschem Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) rund 1,5 Milliarden Euro investiert haben und Strom für rund 230.000 Durchschnittshaushalte produzieren. 130.000 der rund 145.000 Mitglieder sind Privatpersonen. In Sachsen gibt es etwa 25 Bürger-Energiegenossenschaften.

Im Spitzenjahr 2011 registrierte der DGRV 167 Neugründungen. Seither geht deren Anzahl zurück. Im ersten Halbjahr 2014 waren es nur noch 28.

Um den Stromkostenanstieg zu deckeln, trat im August 2014 das novellierte EEG-Gesetz in Kraft. Die Förderung für die Fotovoltaik sank. "Das hat die Gründungswelle bei den Genossenschaften gebremst", sagt DGRV-Sprecher Andreas Wieg. "Genauso bremsend sind aber auch Änderungen beim Kapitalanlagegesetz." Durch die Novellierung sollen Anleger nach der Pleite des Windanlagenbetreibers Prokon besser geschützt werden. Seither entscheide letztlich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, ob eine Genossenschaft ein Investmentfonds sei, so Wieg. "Beides ist aber nicht vergleichbar. Das reicht hin bis zur Tatsache, dass ein Fondsmanager ganz andere Fähigkeiten mitbringen muss." Die Folge sei Verunsicherung, sodass 2013 Energiegenossenschaften 300 Millionen Euro geplante Investitionen zurückgestellt hätten. Dieser Trend habe sich 2014 fortgesetzt. (juerg)

 
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