Hauptsache Humor: Die drei Damen vom Einpackservice: Britta Buschbeck, Melanie Günther und Silke Bäßler (von links)
Hauptsache Humor: Die drei Damen vom Einpackservice: Britta Buschbeck, Melanie Günther und Silke Bäßler (von links)

Foto: Andreas Seidel

Chemnitz: Süßer die Kassen nie klingeln

Der letzte verkaufsoffene Sonntag in diesem Jahr hat Tausende in die Geschäfte gelockt

Chemnitz. Willkommen in der "Welt der schönen Dinge". So nennt die Galeria Kaufhof das Warenarsenal im Erdgeschoss. Parfüm und süßes mit Glasur, Uhren und Schmuck und Strümpfe, zu durchsichtig, um sie über den Kamin zu hängen. Es ist der letzte verkaufsoffene Sonntag in Chemnitz. Seit 12 Uhr herrscht Gedränge. Ihr Kinderlein kommet - Hunderte nehmen die Rolltreppe in den Kitsch-Kosmos. Keine Woche mehr bis Heiligabend. Doch wer heute alle Geschenke beisammen hat, muss sich noch nicht wirklich vorwerfen lassen ein Last-Minute-Käufer zu sein. Silke Bäßlers Zuhause ist die "Herren- und Schuhwelt". Hier packt sie Geschenke für Kunden ein. Seit Ende November macht sie nicht anderes an dem kleinen hölzernen Stand, der nicht nur ein wenig aussieht wie eine Futterkrippe, sondern manchmal auch so eng ist. Hinter ihr türmen sich Rollen mit Satin-Band, Tütchen und Pappschachteln. Es gibt Geschenkpapier mit lachenden Weihnachtsmännern, Geschenkpapier mit tanzenden Weihnachtsmännern und Geschenkpapier mit normalen Weihnachtsmännern. Aber nie genug, um auch jeden Geschmack zu treffen.

Kunden dulden keine Fehler

Zu dritt schmeißen sie den Laden hier. "Wir sind die drei von der Tankstelle", lacht Bäßler, die in diesem Jahr das erste Mal im Team der Geschenkeinpacker dabei ist. Kostenlos bietet die Galeria Kaufhof in der Vorweihnachtszeit diesen Service an, stellt dafür extra Saisonkräfte ein. Routiniert drapiert die junge Frau dunkelgrünes Geschenkband auf mintgrünem Papier. "Das ist so schön geworden, dass man es gar nicht mehr auspacken mag", sagt ein älterer Herr. Dass ihre kunstvolle Arbeit unter dem Baum in tausend Stücke gerissen wird, störe sie nicht weiter , sagt Silke Bäßler. Vor ihr wird die Schlange immer länger.

Das Geschäft brummt, obwohl gut 35 Millionen Deutsche ihre Geschenke mittlerweile via Internet einkaufen. Die prophezeiten Verluste spüren sie hier noch nicht. Die Galeria bietet von allem etwas, das sei der große Vorteil und der Grund, warum die Kunden treu blieben und nicht ins Netz abwanderten, erklärt Geschäftsführer Karl Doersch in seinem Büro im vierten Stock.

Zwei Etagen tiefer bleibt kaum Zeit zum Luftholen. Es sind immer dieselben Fragen, die die Frauen stellen, immer dieselben Handgriffe. Preis finden und abkleben, Schneiden, falten, zurren. "Solls für die Dame sein oder den Herren? Lieber rot oder grün? Mit Schleifchen oder ohne? Schöne Weihnachten!" Am Abend tut der Rücken weh und die Füße. Die Finger sind steif vom Kampf mit der Schere. Aber meistens mache die Arbeit Spaß und sie hat Scherze hervorgebracht: Wie packt man ein Bügelbrett ein? Antwort: Am besten zu zweit. Ohne Zweifel muss man Humor haben am Einpackstand. Denn die Kunden dulden keinen Fehler. "Es gibt schon einige, die uns spüren lassen, dass wir Dienstleister sind", erzählt Bäßler. "Denen geht es nicht schnell genug. Oder ihnen wird klar, dass sie doch kein rotes Geschenkpapier wollen. Natürlich erst, wenn alles fertig ist." Mitunter komme es dann zu tumultartigen Szenen.

Melanie Günther hat heute ihren ersten Arbeitstag, nicht alles läuft so flüssig wie bei den Kolleginnen. Und so kommt es , dass sich eine ältere Dame plötzlich sicher ist, dass eine rote Schleife unmöglich zum dunkelgrünen Schneeflockenpapier passen kann. Noch bevor Melanie Günther Begriffe wie "Komplementärfarben" benutzen kann, wird sie gemaßregelt: "Jetzt nicht auch noch frech werden!" Wie die Kunden miteinander umgehen und auch mit uns, versetzt einen nicht immer in Weihnachtslaune", sagt Silke Bäßler und zuckt mit den Schultern. Neulich habe sie die Detektive rufen müssen, weil ein wütender Kunde nach der Schere griff: "Ich dachte der will mir was."

Buch schlägt Büstenhalter

Nein, besinnlich sei Weihnachten schon lange nicht mehr, so Bäßler. "Wenn einer lächelt, freue ich mich." Immerhin: Sinnlich will der ein oder andere es dann doch haben. Unterwäsche sei in diesem Jahr im Trend. Doch bei aller Liebe für Schlüpfer und Schlüpfriges sei der Klassiker nach wie vor das Buch.

Um 17 Uhr schließt die Galeria ihre Tore und Silke Bäßler tritt im Graupelregen den Heimweg an. Karl Doersch freut sich auf den Endspurt nächste Woche: Da ist bis 21 Uhr geöffnet. "Dann ist hier jeder Tag wie Wochenende."

 
erschienen am 18.12.2011 ( Von Ulrike Nimz )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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