Barbara Ludwig. Foto: Kristin Schmidt.
Den Anschluss verloren - Bahn-Gipfel in Chemnitz
Stadt kämpft um die Rückkehr ins Fernverkehrsnetz
Für Chemnitz und Südwestsachsen ist der letzte ICE schon lange abgefahren. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es vergleichbar schlechte Zugverbindungen. Für das heutige Gipfeltreffen von Bahnvorstand und Landesregierung ist Chemnitz somit der ideale Ort.
Freie Presse: Wieviel Zeit haben Sie heute, um der Gipfel-Gesellschaft Ihre Nöte zu schildern?
Barbara Ludwig: Laut Protokoll ist für mich heute eine runde Stunde geplant. Ab Mittag werde ich mit Herrn Grube und Herrn Tillich einen Rundgang durch den Bahnhof machen.
Freie Presse: Und dabei Ihr Herz ausschütten?
Barbara Ludwig: So kann man das auch sagen. Ich werde sehr deutlich machen, dass die Situation für Sachsens drittgrößte Stadt mit ihrer modernen Indus- trie, der Uni, den Sport- und Kulturstätten völlig inakzeptabel ist. Auf der Schiene kann es für Chemnitz und die ganze Region nur besser werden. Wir sind de facto abgekoppelt. Das Angebot der Deutschen Bahn für diesen Raum mit 1,6 Millionen Einwohnern ist peinlich.
Freie Presse: Es herrscht also Alarmzustand?
Barbara Ludwig: Das ist richtig. Chemnitz ist im Laufe der Zeit zu einer Art Insel geworden. Auf dieser Insel gibt es zwar regionalen Schienenverkehr, und auch die Verknüpfung von Bahn und Straßenbahn beim Chemnitzer Modell sind sinnvolle Investitionen. Aber wir sind abgeschnitten von den schnellen Fernzugtrassen. Vor Jahren hat sich der letzte ICE verabschiedet, weil die Neigetechnik nicht funktioniert. Ein Trauerspiel.
Freie Presse: Was haben Sie und andere Politiker der Region dagegen getan?
Barbara Ludwig: Schon seit den 1990er-Jahren gab es Gegenwehr. Wenn der Protest besonders laut wurde, folgten regelmäßig diverse Versprechungen und Lösungsansätze, um zu beruhigen. Von der Bahn, vom Bund, vom Land.
Freie Presse: Und was ist daraus geworden?
Barbara Ludwig: Die Region Chemnitz wurde 15 Jahre lang hingehalten. Wir haben einen schrittweisen Rückzug der Bahn aus der Stadt und dem gesamten südwestsächsischen Raum erlebt. Den Menschen hier wurde das Zugfahren regelrecht abgewöhnt.
Freie Presse: Warum ist es denn so wichtig, dass der eine oder andere Schnellzug die Stadt und die Region ansteuert? Es gibt doch genügend Straßen.
Barbara Ludwig: Erstens ist das mit den Straßen auch ein Problem, denken Sie nur an den jahrzehntelangen Autobahnbau nach Leipzig. Doch zurück zur Schiene: Leistungsfähige Eisenbahnanbindungen sind eine elementare Voraussetzung für Wirtschaftsentwicklung, für Tourismus, für den Bildungsstandort oder auch für das Kongressgeschäft. Wenn ein Großraum weder mit dem Flugzeug noch mit einer komfortablen Bahnverbindung erreichbar ist und auch das Autofahren zum Teil nur umständlich stattfindet, dann machen Reisende schlicht einen Bogen um die Region.
Freie Presse: Dennoch hat sich Chemnitz in den letzten Jahren gemausert.
Barbara Ludwig: Natürlich, Chemnitz ist trotz aller Erschwernisse von einer Sorgenregion zum Industriezentrum aufgestiegen. Das haben wir aus eigener Kraft geschafft. Am Beispiel von Leipzig können Sie sehen, was alles machbar ist, wenn die Infrastruktur stimmt. Flughafen, Autobahn, Logistikzentrum, Bahnknoten - da wurden Milliarden an Steuergeldern investiert. Ohne diese Hilfen wären weder Porsche noch BMW gekommen. Stellen Sie sich vor, wir hätten eine solche Unterstützung gehabt. Wo könnte die Wirtschaftsregion heute stehen! Eine Zumutung ist der City-Tunnel von Leipzig, der fast eine Milliarde verschlingt und der Chemnitzer Region gar nichts bringt. Da entstehen dank Tunnel nur vier Nahverkehrshaltestellen in Leipzig, ein Wahnsinn!
Freie Presse: Was haben Sie vom City-Tunnel erhofft?
Barbara Ludwig: Der Großraum Chemnitz gehört erstens mit ans neue Mitteldeutsche S-Bahn-Netz, dessen Herzstück der Tunnel ja ab Ende 2013 sein soll. Außerdem haben wir einen schnellen Fernzug erwartet, der ja auch durch die Röhre fahren sollte. Der wurde bei der Entscheidung der Landesregierung für den Tunnel auch versprochen.
Freie Presse: Für beide Wünsche fehlen aber die Voraussetzungen: Es gibt keine durchgängig elektrifizierte Strecke nach Leipzig.
Barbara Ludwig: Das ist auch unsere Hauptforderung. Ich werde die Teilnehmer des Gipfels heute noch einmal nachdrücklich auf die Lücke hinweisen. Wir brauchen eine klare Entscheidung für die Elektrifizierung nach Leipzig und den zügigen zweigleisigen Ausbau der Strecke. Und das in einem überschaubaren Zeitraum.
Freie Presse: Ist es damit getan?
Barbara Ludwig: Das ist erst der Durchbruch. Weitergehen muss es damit, dass wir Südwestsachsen über Bayern an die schnellen Nord-Süd-Eisenbahntrassen anbinden. Nächstes Jahr wird die Sachsen-Franken-Magistrale als wichtigste Bahntrasse in Sachsen zwar komplett sein, weil dann die fehlende Elektrifizierung zwischen Reichenbach und Hof fertig ist. Aber von dort bis Nürnberg gibt es keinen Fahrstrom. Bayern und die Bahn müssen hier mitziehen, sonst bleibt die Magistrale quasi eine Sackgasse. Dafür wäre es vor allem kurzfristig wichtig, die schnelle Interregio-Express-Verbindung, die die Bahn 2013 einstellen will, zu erhalten und ins System zu integrieren. Parallel müssen die Nahverkehrsverbindungen in der Region kundenfreundlicher werden. Wir wollen eine effektive Vernetzung aller öffentlichen Verkehrsträger erreichen, um auch die Orte auf dem Land mit den mittelgroßen Städten und mit Chemnitz zu verbinden.
Freie Presse: Bahnchef Grube dürfte so einen langen Wunschzettel kaum erwarten. Haben Sie auch ein wenig Lob im Gepäck?
Barbara Ludwig: Wir freuen uns, dass das Treffen überhaupt in Chemnitz stattfindet. Auch die Tatsache, dass der Ausbau des Bahnknotens Chemnitz vorankommt, ist gut. Da werden mehr als 100 Millionen Euro in die Erneuerung von Weichen, Schalttechnik und in Gleisanlagen investiert. Über das Bahnhofsgebäude müssen wir später reden. Da gibt es immer noch kein schlüssiges Konzept der Bahn. Aber auch da sind wir mit ständigem Nachdruck dran.
Freie Presse: Wann ist "später"?
Barbara Ludwig: Wir haben schon am 16. Juli wieder Gelegenheit, mit Herrn Grube zu sprechen. Dann sind unter anderem auch die Landräte aus der Region dabei. Herr Grube kommt auch deshalb bald wieder, weil der heutige Bahngipfel aus Termingründen deutlich verkürzt werden musste.
Freie Presse: Wird es dann mehr Lob geben für die bundeseigene Bahn?
Barbara Ludwig: Dafür sind Ort und Zeitpunkt des Treffens eher nicht geeignet. Den roten Teppich werden wir erst ausrollen, wenn wir eine leistungsfähige Fernverbindung einweihen können.
Rückzug aus der Fläche
Binnen der vergangenen 15 Jahre hat sich für die meisten Sachsen das Eisenbahnangebot stark verschlechtert (siehe Grafiken). Vor allem die Bürger Südwestsachsens können nur noch mit viel Aufwand den schnellen Fernverkehr erreichen. Beide Landkarten sind Bestandteil des Entwurfs des neuen Landesverkehrsplans bis 2025. Aus dem Papier geht auch hervor, dass die Landesregierung künftig vor allem auf die Schienenverkehrsentwicklung in Dresden, Leipzig und Chemnitz setzt. In den ländlichen Regionen sind die Zweckverbände gefordert, nachfrageorientierte Angebote zu entwickeln. Da das vom Bund über das Land zur Verfügung gestellte Geld aber knapper wird, sind weitere Streckenstilllegungen und eine Netzausdünnung zu befürchten. Dabei wurden in den vergangenen Jahren schon viele Orte abgehängt.


19:59 Uhr
torschro: wieso ist das so schwer, die Misere in Chemnitz bezüglich der Verkehrsanbindung auf einen Punkt zu bekommen? das Zauberwort heisst: Wolfgang Tiefensee
über diesen unfähigen Politiker noch ein weiteres Wort zu verlieren, würde unter meinem Niveau enden!
15:18 Uhr
809626: Deutliche Worte unserer Chemnitzer Oberbürgermeisterin. Und gleich eins vorweg: für diese Misere ist sie auch nicht verantwortlich! Eigentlich hält sie sich in ihren Antworten und in ihren Aussagen noch korrekt an die Etikette. Dabei ist jeder Antwort die Wut über die Vernachlässigung des Chemnitzer Raumes und der Zorn über die bestehenden Zustände zu spüren. Wenn man sich bei Lok-Treffen oder in Eisenbahnmuseen mit Bahnbeschäftigten unterhält, die noch mit Leib und Seele Eisenbahner sind (waren) ? die lassen mehr Dampf ab und kritisieren die Zustände beim ?Unternehmen Zukunft? ganz heftig!
JEDE einzelne der Antworten Barbara Ludwigs im FP-Interview wäre eine Diskussionsgrundlage für eine länger führende Debatte!
Leider bestätigt sich auch hier das Sprichwort ?In Dresden wird gefeiert, in Leipzig wird gehandelt und in Chemnitz wird gearbeitet.? Daß in Chemnitz und Südwestsachsen auch studiert und konferiert wird und von hier aus Innovationen in die Welt hinausgehen, scheinen die Herren der Landesregierung zu übersehen. Chemnitz ist in ihren Augen offenbar immer noch das Aschenputtel der drei Großen. Traurig, aber wahr.
Sollte es einst wieder einmal ein leistungsfähiges Bahnnetz im Großraum Chemnitz und in Südwestsachsen geben, dann folgt das nächste Problem: Die über 15 Jahre abgesprungen, weil vertriebenen Bahnkunden zurück zu holen, das wird schwer. Und da rede ich die ganze Zeit nur vom Bahnbetrieb und dem Fahrgeschäft. Wie das Unternehmen mit dem Slogan ?Die Bahn kommt? mit seinen Immobilien umgeht, ist der nächste Skandal. Zugewucherte Bahnbrücken und verwahrloste Bahnhofsgebäude aus einer besseren Zeit der Eisenbahn. Dabei wären auch das Arbeitsplätze. Es gibt genügend Schulabgänger, die nicht Informatiker, Bankkaufmann oder Mechatroniker werden wollen oder können. Früher haben solche Menschen zum Beispiel die Bahnanlagen sauber und in Ordnung gehalten und hatten damit ihr Einkommen und ihren Platz in der Gesellschaft.