Woche für Woche tauscht Frank Sahrada der Arbeit wegen sein Haus in Reichenhain (hinten) gegen ein Zimmer in Wiesbaden. Viel lieber würde der 50-Jährige in seiner Heimat arbeiten, statt Stunden in Zügen oder auf der Autobahn zuzubringen. Bislang habe er jedoch nichts Passendes gefunden.
Woche für Woche tauscht Frank Sahrada der Arbeit wegen sein Haus in Reichenhain (hinten) gegen ein Zimmer in Wiesbaden. Viel lieber würde der 50-Jährige in seiner Heimat arbeiten, statt Stunden in Zügen oder auf der Autobahn zuzubringen. Bislang habe er jedoch nichts Passendes gefunden.

Foto: Andreas Truxa

Pendler-Schicksal: Familie im Osten - Arbeit im Westen

Liebend gern würde Frank Sahrada wieder in der Heimat beschäftigt sein - Doch er findet dort keinen Job

Chemnitz. Ihr Reihenhaus am Reichenhainer Mühlberg hat sich Familie Sahrada Mitte der 1990er-Jahre gebaut. "Die Stadt Chemnitz hatte dieses Bauprojekt angeschoben, um junge Familien in der Stadt zu halten", sagt Frank Sahrada. Zehn Jahre später ist mit dem Halten Schluss. Denn 2004 verliert der damals 43-jährige Bauingenieur seine Arbeit. Das Ingenieurbüro, in dem er 14 Jahre lang tätig war, wurde wegen fehlender Aufträge geschlossen. Frank Sahrada meldete sich arbeitslos und begann, sich zu bewerben: erst in Chemnitz, dann im Umkreis, in der Region, sachsenweit, am Ende in ganz Deutschland. "Eine Fülle von Bewerbungen" habe er geschrieben. Aber weil die Baubranche am Boden lag, habe er nichts gefunden. Auch nicht in artverwandten oder gar branchenfremden Berufen.

Nach etwa einem Jahr habe er eine auf zwölf Monate befristete Stelle in Wiesbaden angenommen, bei einer Ingenieurgesellschaft in der Baubranche. "Parallel habe ich mich aber weiter beworben, denn so ein Jahr ist schnell um", sagt der Chemnitzer. In der Heimat ergab sich nichts. Stattdessen bekam er 2006 wieder eine befristete Stelle, wieder in Wiesbaden. Diesmal beim öffentlichen Dienst. Das sei zwar nicht seine Branche, allerdings könne er Kenntnisse aus seinem erlernten Beruf nutzen. Nach Ablauf des Jahres wurde das Arbeitsverhältnis noch einmal mit einer Frist von zwölf Monaten verlängert und 2008 schließlich in eine unbefristete Anstellung umgewandelt.

Bei aller Freude darüber, einen festen Job zu haben: Jahrelang in zwei Orten zu leben, nirgends richtig anzukommen und zu Hause zu sein, selbst in der Freizeit ein straffes Zeitmanagement haben zu müssen, sei sehr anstrengend, sagt Frank Sahrada. Um beispielsweise jede Woche Freitag beizeiten in Wiesbaden losfahren zu können, arbeite er montags bis donnerstags länger. Funktioniere die Zugverbindung reibungslos, sei er nach sechs, sieben Stunden zu Hause, wenn nicht, seien es auch schon mal acht Stunden. Und am Sonntagnachmittag müsse er schon wieder los, um montags pünktlich 6.30 Uhr am Schreibtisch zu sitzen.

In die dazwischen liegenden kaum 48 Stunden werde das Familienleben gepresst: Gespräche, Geburtstagsfeiern, Stadion-Besuche, wenn der Chemnitzer FC spielt. Müsse er zu einem Facharzt, nehme er Urlaub. Da wolle er auch nicht wechseln, weil er sich hier in guten Händen wisse. Lediglich einen Zahnarzt habe er sich in Wiesbaden gesucht, um für Notfälle oder langwierige Behandlungen gerüstet zu sein.

"Ich jammere nicht", stellt Frank Sahrada klar. Er habe sich mit der Situation arrangiert, so gut es geht. Er sei mittlerweile perfekt im Organisieren und beim Zeitmanagement. Und auch die Familie ziehe mit. Dennoch: Die Pendelei gehe ihm mit zunehmender Dauer an die Substanz, man verliere an Lebensqualität. "Aus der Verwandtschaft höre ich manchmal, dass ich froh sein soll, überhaupt Arbeit zu haben. Aber tauschen will niemand mit mir", sagt er.

Die Suche nach einer Arbeit in oder um Chemnitz habe er jedoch nie aufgegeben. "Mein Ziel ist nach wie vor, zurückzukommen", sagt Sahrada. Hier sei seine Heimat, hier stehe das Haus der Familie; und sowohl seine Frau als auch seine beiden Söhne hätten hier ihre Arbeit. Doch so einfach sei das Zurückkommen eben nicht. Den oft zitierten Fachkräftemangel gebe es beispielsweise in der Baubranche nicht. Aufgrund seiner Arbeit in Wiesbaden, die eine Lücke in seiner Tätigkeit als Bauingenieur darstellt, habe er manch zeitnah erforderliche Qualifikation nicht oder nicht mehr. Das erschwere die Jobsuche zusätzlich. Genau wie sein Alter. Frank Sahrada ist vergangenes Jahr 50 geworden.

Über Pendler-Rückhol-Aktionen wie die der Chemnitzer Wirtschafts- und Entwicklungsgesellschaft (CWE) vor Weihnachten in Zügen und des Wirtschaftsministeriums im Oktober an der Autobahn 72 schüttelt er deshalb mit dem Kopf. Denn seiner Meinung nach gehen sie an der Zielgruppe vorbei. "In den vergangenen Jahren habe ich beim Zugfahren oder durch Gespräche mit Mitfahrern bei Fahrgemeinschaften festgestellt, dass unter den Pendlern viele sind, die einen wenig gefragten Beruf haben und deshalb aus Sachsen weggehen. Oder in ihrem Alter, oft um die 50, in der Heimat nichts finden", sagt Sahrada. Manchmal treffe auch beides zu, wie bei ihm. Es sei also nicht so, dass viele nicht zurück wollen, sondern oft nicht können. Daran änderten Pendler-Aktionen aber nichts.

 
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Pendler-Schicksal: Familie im Osten - Arbeit im Westen
"Arbeitgeber reagieren auf den Fachkräftemangel auch finanziell"
 
erschienen am 25.01.2012 ( Von Sandra Czabania )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 26.01.2012
    09:11 Uhr

    MarcP: Nach inzwischen 12 jährigem pendeln nach Hessen und bestimmt 3 jähriger Stellensuche in Sachsen kann ich Herrn Sahrada nur zustimmen. Letztendlich machen solche Aktionen eigentlich keinen Sinn, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Für hochqualifiziertes Personal (welches nicht aus dem ingenieurtechnischen Bereich kommt), ist der Arbeitsmarkt in Sachsen weiterhin unzureichend und in vielen Bereichen letztendlich unterbezahlt.

    Sachsen verfügt inzwischen fast über die geringsten Lohnkosten pro sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in ganz Deutschland. Ich sehe darin wirklich kein Qualitätsmerkmal oder Zeichen von Stärke. Letztendlich werden die Unternehmen mittelfristig mit Unternehmen aus Bayern, Hessen oder BW um die besten Mitarbeiter konkurrieren müssen und da reichen die etwas geringeren Lebenshaltungskosten einfach nicht aus als Argument.

    Als einen ersten Schritt würde ich den Unternehmen wirklich raten etwas offener zu denken und nicht explizit jede Verwaltungsstelle mit einem Ingenieur besetzen zu wollen. So geht es darum gute Mitarbeiter zu haben, welche hoch motiviert und engagiert sind. So ist es auch möglich, diese einzuarbeiten oder weiterzubilden.

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