Gina-Travestie: Hinter unzähligen Kostümen steckt immer ein Mann aus Zwickau. Jens Seibert gehört seit 1990 zu den erfolgreichsten deutschen Travestiekünstlern. Sein Markenzeichen sind ausnahmslos selbst gefertigte Kleider und eigene Lieder.
Foto: Lars Rosenkranz
Travestiekünstler tritt in Bad Schlema auf
Jens Seibert zeigt seine Bühnenshow im "Bánya Csárda"
Bad Schlema. Wer am Samstagabend Gast im ungarischen Restaurant "Bánya Csárda" in Bad Schlema ist, der könnte meinen, in eine Art Karnevalsveranstaltung geraten zu sein. Denn dort agiert auf relativ kleiner Bühne ein aufgeweckter Akteur in ebenso fantasievoll wie aufwändig gearbeiteten Kostümen. Doch der Irrtum dürfte sich schnell aufklären. Denn in diesem Fall geht es zwar um Vergnügen und Humor, um Witz, Musik, Gesang, gehaltvolle Texte und - natürlich - um Verkleidung. Dennoch ist es kein Jeck, der im Kurort das Publikum unterhält. Sondern ein gestandener Mann, der zwei Stunden lang in nichts anderem steckt als in Frauengewändern. Aber mit Fasching hat das rein gar nichts zu tun.
Denn Jens Seibert ist Künstler - und seine sehr spezielle Art der Bühnenshow wird Travestie genannt. Er legt es einen Abend lang darauf an, optisch und stimmlich ganz Frau zu sein. Dazu nutzt er einen beachtlichen Kleiderfundus, etliche Perücken, unzählige Paar Schuhe und ein aufwändiges Make-up. Wenn "Gina" nach dem zweistündigen Schminken aus der Garderobe tritt, erkennt kein Mensch mehr, dass unter aller Camouflage ein Mann mit kräftigem Bartwuchs steckt.
Diese Illusion ist bereits Teil der Kunst. Aber wie flach und langweilig wäre es, würde "Gina" nun anfangen, zu eingespielten Playback-Liedern von Zarah Leander, Marlene Dietrich, Mary und Milva den Mund auf und zu zu machen. Freilich - es gibt auch solche Form von Travestie-Shows. Doch die Lady hat ihren eigenen Kopf - und in dem stecken viele eigene Ideen, wie man eine Unterhaltungsshow gestaltet. So liefert Jens Seibert die Text-Vorlagen für "Gina" bei seinem persönlichen Dichter ab, der wiederum macht Verse daraus, komponiert die Noten dazu und spielt sogar die Musik ein.
Dies macht den Stil von Jens Seibert aus. Der gelernte Keramiker und als solcher bis zur Wende beim Zwickauer Steinzeugwerk beschäftigt, hat sich in gut 20 Jahren als "Frau" im Rampenlicht behauptet. Dabei war der "Sprung ins kalte Wasser" nicht leicht. Zumal Jens Seibert sein Medium ja nicht erfunden hat, sondern damals "nur" als neues Gesicht in einem schillernden Gewerbe auftauchte.
Zwar hat auch er, in aller Unerfahrenheit, anfangs die Monroe gegeben und Boy George nachgemacht. Aber bald merkte "Gina", dass bloße Imitation nicht das Rechte war. So fing Jens Seibert an, die Garderobe für seine "Gina" selbst zu schneidern. Ein Handwerk, das er zur Perfektion ausgebaut hat: Wo andere Bühnenkünstler ein Kostüm schnell mal einfach zusammen kleben, näht er lieber dreimal übereinander. "Jedes Lied braucht ein spezielles Kostüm. Ich habe 20 Sekunden Zeit zum Umziehen, da sind strapazierfähige Hüllen wichtig."
Einen kleinen Teil der textilen Pracht kann man am Samstag in Bad Schlema sehen. Die Betreiber des ungarischen Gasthofs haben mit der Wahl des Zwickauers als Künstler wohl das richtige Händchen - es ist der einzige Spielort von "Gina" im Erzgebirge. Und die Veranstaltungen 2011 waren jedes Mal ausverkauft. Zwar erwartet die Zuschauer kein Paukenschlag mit Konfetti- Regen, sondern eher ein spaßiges Programm mit Texten zum Nachdenken. Und eine spannende "Demaskierung" am Ende, wenn aus der strahlenden Diva wieder der natürliche Zwickauer Junge wird.


