Manfred Blechschmidt Manfred Blechschmidt im Arbeitszimmer seines Hauses in Erla. Der Mundartschriftsteller hat gut 70 Bücher geschrieben. In seinem neuen geht es auch um seine Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Foto:

Foto: Lars Rosenkranz

Das letzte Buch - eine Art Lebensbeichte

Heimatschriftsteller Manfred Blechschmidt schreibt an einer Autobiografie

Erla. Deutsche Soldaten werfen ihre Gewehre in den Straßengraben oder auf die Felder und laufen über zum Ami. Sie haben begriffen, dass der Krieg längst verloren, jedes weitere Blutvergießen sinnlos geworden ist. Ein junger Soldat, der noch in den letzten Kriegsmonaten zum Leutnant befördert wird, ruft aufgebracht nach der Feldgendarmerie. Für ihn sind die Männer, die zum Gegner überlaufen, einfach nur feige Deserteure.

Der Soldat heißt Manfred Blechschmidt. Als 18-Jähriger hat er sich 1941 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Dass sein Vater Jahre zuvor als Krüppel aus dem ersten Weltkrieg heimgekehrt ist - es änderte nichts an seiner Begeisterung für Führer und Vaterland.

Heute ist Blechschmidt ein alter Mann und der letzte große Heimat- und Mundartschriftsteller des Erzgebirges. Über 70 Bücher hat er geschrieben oder mitgeschrieben, bekannte Werke wie das "Silberne Erzgebirge" oder "Bei uns zu Hause". Jetzt arbeitet der 88-Jährige vermutlich an seinem letzten Buch: einer Autobiografie. In ihr geht es um den größten Irrtum seines Lebens, aber auch um Dinge, die er nicht bereut hat. Dieses letzte Buch ist eine Art Lebensbeichte. "Ja, dieser Krieg und der Glaube an ihn war ein großer Irrtum", sagt Manfred Blechschmidt. Das Gehen bereitet ihm große Schwierigkeiten, er sitzt lieber im Sessel an seinem Schreibtisch. Überall in seinem Arbeitszimmer und in seinem Haus im Schwarzenberger Ortsteil Erla befinden sich Bücher und hängen Bilder, die das Erzgebirge beschreiben.

Aus der schlimmen Zeit des zweiten Weltkrieges ist eine Fotografie übriggeblieben. Sie zeigt den jungen Manfred Blechschmidt in Wehrmachts-Uniform und mit Stahlhelm. Es ist das erste Mal, dass er sie einem Reporter zeigt. "Aber die Propaganda-Maschinerie im Dritten Reich war perfektioniert. Ich habe den Krieg zu diesem Zeitpunkt nicht als Fehler gesehen", erzählt der Schriftsteller weiter.

Manfred Blechschmidt Im Zweiten Weltkrieg war Manfred Blechschmidt Unteroffizier (Foto), bevor er kurz vor Kriegsende noch zum Leutnant befördert wurde. Mit 18 Jahren hatte er sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet.

Foto: Lars Rosenkranz (Reproduktion)

Erst als kurz vor Kriegsende ein Junge, den Hitler wie so viele Halbwüchsige noch schnell in eine Uniform gesteckt und an die Front geschickt hat, im Schützengraben neben ihm durch einen Granatsplitter ums Leben kam, begriff auch Manfred Blechschmidt die Sinnlosigkeit und das Grausame dieser Zeit. "Der Splitter hatte den Stahlhelm des Jungen durchschlagen, überall spritzten Blut und Hirn hervor", hat Blechschmidt diese Szene bis heute nicht vergessen. Am 5. April 1945 geriet er schließlich in amerikanische Gefangenschaft. Nach der Entlassung wurde er von russischen Soldaten auf dem Heimweg ins Erzgebirge aufgegriffen und inhaftiert. Es dauerte bis November 1946, ehe er wieder in der Heimat war. "Meine Großmutter hat mich nicht erkannt, als ich vor der Tür stand. So schlecht sah ich aus", erinnert er sich.

In der Autobiografie wird es aber auch noch um viele andere Dinge gehen. Zum Beispiel um die Frage, warum er später in der DDR in die SED eingetreten ist, obwohl er noch kurz zuvor für Hitler-Deutschland fast den Heldentod gestorben wäre. Blechschmidt sagt heute: "Nach dem Krieg wurde mir wie vielen anderen erst einmal die Tragweite der Verbrechen bewusst, die im Namen des deutschen Volkes begangen wurden. Da war klar, dass so etwas nie wieder passieren darf. Genau das hatte sich die DDR auf die Fahnen geschrieben."

Manfred Blechschmidt wurde zu einem beliebten Autor und schrieb auch nach der Wiedervereinigung erfolgreich Bücher. Heute macht der Schriftsteller keinen glücklichen Eindruck, wenn er an das denkt, was er über 60 Jahre beschrieben hat: die Heimat. "Viele junge Leute ziehen weg. Auch meine Enkelkinder. Den Heimatbegriff gibt es nicht mehr. Die Heimat und die Mundart werden allmählich aussterben", sagt er.

 
erschienen am 09.02.2012 ( Von Erik Kiwitter )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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