Sie sitzt am Heiligabend nicht zuhause mit der Familie am Weihnachtsbaum, sondern bei den Senioren im Pflegeheim auf Schloss Pfaffroda: Ergotherapeutin Anja Uhlig (links) mit Marianne Philipp.
Foto: Jan Görner
Ausnahmsweise kommt der Weihnachtsmann schon morgens
Dieser Sonnabend ist vielen Erzgebirgern heilig - aber so mancher muss arbeiten
Pfaffroda/Olbernhau. Für Vanessa, 10 Jahre alt, Alina (8) und Letizia Uhlig (6) aus Pfaffroda ist dieses Weihnachtsfest ein besonderes. Bereits am Sonnabend, 10.30 Uhr klopft der Weihnachtsmann bei ihnen ans Fenster. Im Hause Uhlig wird die Bescherung vorgezogen. Denn Mutter Anja ist kurz vor 14 Uhr verschwunden - zur Arbeit im Seniorenheim auf Schloss Pfaffroda.
Es ist das erste Mal für die dreifache Mutter, dass sie den Heiligen Abend nicht mit Ehemann René und den Kindern, sondern mit Senioren verbringt. Die Ergotherapeutin hat sich freiwillig dazu bereit erklärt. "Eigentlich wollte mich meine Chefin nicht arbeiten lassen. Aber meine Kollegin war schon zweimal hintereinander dran. Dieses Jahr beiße ich in den sauren Apfel."
Neben der 32-Jährigen sind am Heiligabend drei Schwestern und eine Küchenkraft für die 63 Heimbewohner da. Anja Uhlig leitet die Tagespflegebetreuung für Demenzkranke. Den zwölf Bewohnern liest sie unter anderem die Geschichte von der Weihnachtsgans Auguste vor. "Es ist schon schade. Aber der Beruf bringt es mit sich, dass ich auch an solchen Tagen arbeiten muss. Und wenn ich sehe, wie sich die Senioren freuen, weiß ich, dass ich es richtig gemacht habe." Denn nicht jeder Heimbewohner bekommt an diesem Tag Besuch.
Davon kriegt Peter Glöß am Sonnabend mehr als genug. Der Taxifahrer bei Torsten Zeitler in Olbernhau beginnt seinen Dienst gegen 14 Uhr. "Zwischen 18 und 19 Uhr habe ich etwas Zeit. Dann fahre ich nach Hause zu meiner Frau, und wir essen Abendbrot", sagt der 47-Jährige, der schon oft Heiligabend im Taxi saß.
Wenn Anja Uhlig die Heimbewohner auffordert zu erzählen, wie sie früher Weihnachten gefeiert haben, macht sich zuhause Ehemann René vermutlich mit den drei Mädchen auf den Weg in die Christmette. Anschließend schmeißt der Familienvater den Herd an. Für Bratwurst mit Sauerkraut und Kartoffeln ist er dieses Jahr zuständig. "Aber mein Mann ist gut in der Küche, der macht das schon", sagt Anja Uhlig. "Deshalb kann ich ruhigen Gewissens arbeiten gehen: Ich weiß, dass zuhause alles klappt." Im Seniorenheim stehen Kartoffelsalat und Würstchen auf dem Speiseplan.
Das einzig weihnachtliche im Taxi von Peter Glöß ist die CD mit entsprechender Musik. "Ich fahre meist Omas und Opas, die zu den Kindern wollen." Selbst Weihnachtsmänner hat er schon kutschiert. Bis ein oder zwei Uhr nachts wird es dauern, bevor der Olbernhauer die letzten Fahrgäste ans Ziel gebracht hat. Den Kofferraum stets voller Geschenke - je nach Uhrzeit noch hübsch verpackt oder schon geöffnet.
Gegen 18 Uhr, wenn den meisten Erzgebirgern der Duft von Linsen oder Bratwurst in die Nase steigt, beginnt Anja Uhlig, die Senioren fürs Bett fertig zu machen. "Waschen, Zähne putzen, umziehen - die Abendtoilette eben." Sie ist zwar in Weihnachtsstimmung. "Aber es ist schon etwas anderes, als wenn wir nachmittags mit den Kindern ein Märchen gucken würden. Das Besinnliche fehlt." Ihre Schicht geht am Sonnabend von 14 bis 20.15 Uhr. Am Sonntag muss Anja Uhlig von 6 bis 14.15 Uhr ran. Doch die 32-Jährige will nicht jammern. "Es gibt Schlimmeres, etwa wenn wir Weihnachten im Krankenhaus verbringen müssten."
Für Anja Uhligs Töchter hat diese Arbeitszeit noch einen angenehmen Nebeneffekt. Nicht nur, dass sie wach bleiben dürfen, bis ihre Mama nach Hause kommt. "Sie haben noch den ganzen Tag, um ihre neuen Spielsachen auszuprobieren."


