Uwe Morgenstern von der Freiwilligen Feuerwehr Görsdorf zeigt das Metall, das fast ein dreiviertel Jahr lang in seinem Becken steckte. Das hatte sich der 31-Jährige vor gut einem Jahr beim Sturz durch das Hallendach von AIM in Lengefeld gebrochen.
Foto: Jan Görner
Görsdorfer Feuerwehrmann nach Sieben-Meter-Sturz wieder gesund
Uwe Morgenstern fiel vor einem Jahr beim Schneeschaufeln auf einem Dach durch ein Oberlicht
Görsdorf/Lengefeld. Das Metall schimmert gelb, lila und grün. Manchmal versucht Uwe Morgenstern, die Schrauben und das Rundeisen in eine sinnvolle Kombination zu bringen. Schließlich ist er Metallbauer. Fast ein dreiviertel Jahr lang hielten die Teile sein Becken zusammen. Beim Sturz durch ein Hallendach des Lengefelder Unternehmens AIM (Alles in Metall) vor gut einem Jahr hatte sich der Feuerwehrmann aus Görsdorf Becken und Schambein gebrochen.
Es ist kein gewöhnlicher Einsatz, etwa ein Brand oder ein Autounfall, zu dem mehrere Feuerwehren aus Pockau und Lengefeld am Neujahrstag 2011 gerufen werden. Sie werden alarmiert, um ein Dach von den Schneemassen zu befreien. Gegen 16 Uhr ist die Arbeit fast beendet. "Ich wollte nach hinten zu den Kollegen und ihnen sagen, dass Feierabend ist", blickt Uwe Morgenstern zurück. Er läuft über das Dach und betritt einen Bereich, von dem er nicht weiß, dass dort Oberlichter installiert sind. Seine Kameraden versuchen, ihn zu warnen. Uwe Morgenstern hört deren Schreie, da steht er bereits auf dem Plexiglas: "In dem Moment habe ich es realisiert. Ich will den Schritt zurück aufs Blechdach machen, als es abwärtsgeht."
Sieben Meter tief fällt der Feuerwehrmann, landet neben einem Schrottcontainer. "Wenn ich die Kante erwischt hätte, würde ich jetzt vielleicht nicht hier sitzen." Uwe Morgenstern rappelt sich auf und wartet auf allen Vieren, bis der Rettungswagen kommt. Längst haben sich seine Kameraden um ihn versammelt. "Ich konnte alles bewegen, nur auf der rechten Seite hatte ich Schmerzen." Erst geht es nach Zschopau ins Krankenhaus, dann weiter nach Leipzig. Dort stellen die Ärzte fest, dass Schambein und Becken gebrochen sind. Uwe Morgenstern hat Glück: "Ein glatter Bruch. Das Becken war nicht verschoben."
Drei Tage nach dem Unfall wird Uwe Morgenstern operiert. Einen Tag später steht er wieder auf. Am 12. Januar wird er entlassen. Als seine Kameraden ihn Anfang Februar mit dem Feuerwehrauto von der Reha abholen, läuft der Mann ohne Krücken: "Das habe ich mir vorgenommen, und es hat funktioniert. Die Ärzte konnten es nicht begreifen." Seit Anfang Mai arbeitet der Metallbauer in Wolkenstein wieder voll: "Ich bin froh, dass mein Arbeitgeber mich so unterstützt hat." Insgesamt 80 Tage habe er gefehlt.
Der 31-Jährige ist heute, wie er sagt, beschwerdefrei. "Ob bei der Arbeit oder im Einsatz: Ich kann alles machen", freut sich der Löschmeister. Und: "Ich hab' verdammtes Glück gehabt." An rechtliche Schritte habe Uwe Morgenstern nie gedacht: "Ich bin froh, dass es so gut ausgegangen ist. Ich will keinen Streit. Und ich mache niemandem einen Vorwurf."
Der Unfall hatte im Erzgebirgskreis heftige Diskussionen ausgelöst. "Wir haben das Thema lange mit den Wehrleitern ausgewertet", erinnert sich Lengefelds Bürgermeister Ingolf Wappler. Eine allgemein gültige Aussage zu treffen, sei jedoch unmöglich. Auch Kreisbrandmeister Lutz Lorenz räumt ein, dass das Unglück keine Konsequenzen für Einsätze der Wehren auf schneebedeckten Dächern nach sich gezogen habe. An die Wehrleiter und die Bürgermeister sei jedoch Informationsmaterial verteilt worden. "Grundsätzlich gilt: Wenn Gefahr im Verzug ist, ist es kein Thema", so Lorenz. "Andererseits sage ich: Der ganze Schnee fällt nicht innerhalb von Sekunden aufs Dach."
Die Görsdorfer Feuerwehr dagegen, in der Uwe Morgenstern schon als Jugendlicher Mitglied war, hat eine Entscheidung getroffen. "Solche Aktionen machen wir nicht mehr", betont Wehrleiter Maik Glöckner. Auch Uwe Morgenstern steigt auf kein Dach mehr, um dort Schnee zu schippen: "Ich finde, dass das nicht die Aufgabe der Feuerwehr ist. Wir wurden als billige Arbeitskraft benutzt. Das hätte eine Firma machen müssen." Ihm selbst habe AIM eine dreistellige Summe als Entschädigung gezahlt. Die an dem Tag beteiligten Wehren haben von dem Unternehmen "einen kleinen Obolus" erhalten, bestätigt Maik Glöckner. AIM wollte sich zu dem Vorfall gegenüber "Freie Presse" nicht äußern.

