Die Urkunde von 1415 ist das einzige und älteste originale Beweisstück für die Existenz von Jahnsdorf. Darin steht gleich an zwei Stellen des umfangreichen und nur für Fachleute einigermaßen leserlichen Textes der Passus "...Feste Rabenstein und dem Jahnsdorf genannten Dorf..."

Aus 600 Jahre Jahnsdorf werden 666 Jahre

Plakate hängen, die Festschrift ist fertig, Briefköpfe sind seit Monaten bedruckt - Nur das Motto der neuntägigen Party ist falsch

Jahnsdorf. Die Spur führt ins Jahr 1346. Später erreicht sie Prag, dann Chicago, dann Jahnsdorf. Die Spur ist sicher. "Dass der Autor einen Fehler gemacht hat, ist sehr unwahrscheinlich", sagt Joachim Bahls. Der Jahnsdorfer gehört zu einer Gruppe Heimatforscher, die nun die Geschichte des Ortes neu schreiben müssen. Und das zwei Tage vor dem Start der offiziellen 600-Jahr-Feier.

Denn mit dieser verblüffenden neuen Spur wird aus der 600 plötzlich eine 666. Und das kam so: Einer der Hobbyforscher hat im Internet zufällig eine Veröffentlichung der Universitätsbibliothek Chicago gefunden - es ging dabei um die wissenschaftliche Abhandlung eines gewissen P. Anton Frind. Dieser hatte 1864 in Prag ein Werk zur Kirchengeschichte Böhmens "nach den zuverlässigsten, größtenteils handschriftlichen Quellen" - so sein Vermerk - veröffentlicht und darin wiederum auch eine für Jahnsdorf äußerst wichtige Liste eingearbeitet. Diese umfangreiche Liste zeigt nämlich penibel, welches Dorf im Jahr 1346 zu welchem der vielen Kirchenbezirke damals gehörte. Auf der Seite 399 ist unter "VIII. Archiciac, Kempnitzesis, 2. Stollberg" der Ort Jahnsdorf festgehalten.

Eine Urkunde von 1412 benennt die Übereignung Jahnsdorfs ans Benediktinerkloster Chemnitz, registriert im Chemnitzer Urkundenbuch, Nummer 389. Das Original lag im Hauptstaatsarchiv Dresden, ist im Bombenhagel 1945 wohl verbrannt. Aber: Der Historiker E. Weinhold erwähnte zuvor die Schrift im Band 5, 56a II einer seiner Abhandlungen.

Im Nebel der Geschichte

Damit steht schriftlich fest: Es hat Jahnsdorf bereits vor 666 Jahren gegeben. Für Forscher ist das immer wichtig, denn ohne Schriftstücke kommen sie im Nebel der Geschichte nicht weiter. Sie stecken dann im Ungefähren fest. Bahls: "Unsere Region ist nach Angaben von Fachleuten etwa zwischen 1100 bis 1150 besiedelt worden. Das heißt, Jahnsdorf ist mindestens genauso alt, wie die umliegenden Dörfer, die ja zum Teil ihre 800- oder auch schon 850-Jahr-Feier begangen haben. Aber genau dafür fehlen für Jahnsdorf bisher die Belege."

Er halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass man weitere ältere Belege finden kann - wie es ja jetzt die Forscher mit den 666 Jahren erst wieder erleben. Bahls: "Vorausgesetzt, wir finden den Ort, wo die Unterlagen schlummern. Und wir haben die Zeit zum Suchen."

Die Spur ins Jahr 1346: Die Uni-Bibliothek Chicago stellte eine Abhandlung zur Kirchengeschichte Böhmens, 1864 in Prag erschienen, von P. Anton Frind ins Internet. Darin wird Jahnsdorf in "Seelsorgspfründen des Meissner Bisthums, nach dem MS. Matricula jurisdictionis Episcopatus Misnensis 1346. (Budisiner Domarchiv.)" auf Seite 399 erwähnt.

Bürgermeister ist überrascht

Der Jahnsdorfer Bürgermeister Carsten Michaelis hat auch erst am Mittwoch erfahren, dass die 600 Jahre und damit das Motto der großen Gemeindefeier mittlerweile überholt sind. Erstaunt war er schon, aber auch locker. Heutzutage komme es wegen der Vielzahl der Quellen - etwa mit dem Internet - immer wieder vor, dass frühere erstkundliche Erwähnungen auftauchen oder gefunden werden, so Michaelis. "Wir wussten natürlich, dass Jahnsdorf irgendwie älter sein muss. Allein unsere Kirchenglocke existiert viel länger."

Auf das hundertprozentig exakte Alter eines Ortes komme es aus seiner Sicht zudem gar nicht an. Das Hin und Her mit der Zahl 600 und 666 mache den Bürgermeister jedenfalls nicht verrückt. Die Plakate hängen nun mal, die Briefköpfe zeigen die Zahl 600, die Festschrift ist fertig. Michaelis: "Viel wichtiger ist doch, dass ein Ort wie Jahnsdorf mit seinen Vereinen und Bürgern gemeinsam ein solches Fest-Jubiläum stemmt." Notfalls eben mit einer neuen Zahl. Einer Schnapszahl.

Richtiges Bauchweh hat auch Chronist Joachim Bahls nicht. Zumal sich zumindest ein historisch verbrieftes Datum nie mehr ändern wird. Am letzten Partytag, zum Festumzug, dem 15. Juli, lebt Bahls auf den Tag genau zehn Jahre in Jahnsdorf. Er ist einst von Ehrenfriedersdorf aus dienstlichen Gründen herübergekommen. "Wie schnell doch die Zeit vergeht", sagt der Mann. Das stimmt. Auch für Jahnsdorf.

 
erschienen am 04.07.2012 ( Von Jan Oechsner )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern  
 
Wetteraussichten für Stollberg
Mi

32 °C
Do

33 °C
Fr

25 °C
Sa

25 °C
So

25 °C
präsentiert von
Ärztliche Notdienste

Apotheken und Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte finden Sie hier.

weiter lesen
 
Neu

Nachrichten aus dem Erzgebirge bei Facebook

Die "Freie Presse" Erzgebirge ist nun auch auf Facebook mit einer eigenen Seite vertreten. Dort finden Sie Neuigkeiten aus den "Freie Presse"-Lokalredakionen Annaberg-Buchholz, Aue, Schwarzenberg, Stollberg, Marienberg und Zschopau und sind somit stets auf dem Laufenden.

Zum Facebook-Auftritt

 
Wählen Sie den Erzistar 2013!
 
 
Freie Presse vor Ort

09366 Stollberg
Herrenstraße 19
Telefon: 037296 6990-0


Öffnungszeiten:
Mo./Di./Do. 9.00 - 13.00 Uhr u. 14.00 - 17.30 Uhr
Mi./Fr. 9.00 - 13.00 Uhr

weiter lesen
 
Freien Presse Immobilien

Immobilienangebote für Stollberg und Umgebung

Finden Sie Ihre Wohnung in der Region Stollberg

Immobilienportal

► Mietangebote

► Kaufangebote

 
Unsere Partner
aok
chursächsische