Wilfried Oßmann und Robert verstehen sich (fast) aufs Wort. Wenn "Herrchen" pfeift, stellt Robert die Haubenfedern auf. Das tut der Kakadu auch, wenn er losfahren will.
Foto: Andreas Kretschel
Die aufgestellte Haube ist sein Startsignal
Oelsnitzer und sein tierischer Freund teilen eine Leidenschaft: Radfahren
Oelsnitz. Wenn die Fahrt etwas rasanter wird, scheint es, als wolle Robert besonders aerodynamisch wirken. Er streckt sich nach vorn und macht so den Körper ganz schlank - als hebe er jeden Moment ab. Aber das hat er nicht vor, der Gelbhaubenkakadu will einfach nur Rad fahren. In die Pedale tritt er freilich nicht, das übernimmt Wilfried Oßmann. Robert genießt die Fahrt von seiner Greifstange aus, die an Wilfried Oßmanns Lenker befestigt ist.
Gut zehn Jahre teilen Elke und Wilfried Oßmann ihre Leidenschaft fürs Radeln mit dem Kakadu ihres Sohnes. Der hat seine Wohnung im gleichen Haus und dort für Robert eine Zimmervoliere. In der Rangordnung des Vogels spielt der Sohn die Hauptrolle. Aber dann kommt gleich Wilfried Oßmann - denn nur er geht mit Robert auf Radtour.
Seit zehn Jahren ist das so. Sein Sohn hatte den vier Monate alten Gelbhaubenkakadu vor 14 Jahren gekauft. "Er hatte Angst vor allem, was laut und groß ist", erinnert sich Wilfried Oßmann. Vielleicht war die Baustelle in Nachbarschaft des Züchters der Grund, mutmaßen er und seine Frau Elke.
Irgendwann nahm Wilfried Oßmann das verängstigte Tier auf die Schulter und lief mit ihm im Grundstück herum, um es an Geräusche zu gewöhnen. Später liefen sie so auch die Straße entlang. "Anfangs hat er bei jedem vorüberfahrenden Auto Angst gehabt." Weil er den Vogel nicht immer tragen wollte, kam er auf die Idee, ihn auf den Lenker vom Rad zu setzen und zu schieben. Robert schien das zu gefallen.
Wilfried Oßmann und Kakadu Robert auf Tour.
Foto: Andreas Kretschel
Warum also nicht fahren? Gerade in jener Zeit hatte Wilfried Oßmann den ärztlichen Rat bekommen, Sport zu treiben und Rad zu fahren. Er entfernte sich samt Kakadu immer weiter vom Haus, fuhr Richtung Wald. Dann kam ihm die Idee mit der Kette, die Robert davon abhält, wegzufliegen. Nicht, weil er nicht wiederkäme, sondern zu Roberts und der Sicherheit anderer, erklären die Oßmanns. Nicht auszudenken, wenn der Vogel plötzlich einem Autofahrer vor die Windschutzscheibe flatterte.
Manchmal kämen ihnen Wanderer oder Radfahrer entgegen, die den Sinn der Kette missverstehen, erzählt der 60-Jährige. Die glaubten, der Vogel werde so zum Mitfahren gezwungen. Aber die kennen Robert schlecht. "Robert lässt sich zu nichts zwingen", sagt Oßmann. Im Gegenteil, das Tier habe einen sehr eigenen Kopf. Zum Beispiel sei es unmöglich, ihn mit ins Auto zu nehmen, wenn eine Radtour erst außerhalb von Oelsnitz beginnt. "Da wird er sofort wild." Also wird er nicht gezwungen. Auch bei Mehrtagestouren oder kaltem Wetter bleibt der gefiederte Geselle daheim. Wobei das Tier durchaus abgehärtet sei und ihn Regen nicht störe, sagt Wilfried Oßmann. Wenn Robert auf dem Rad sitzt und zittert, sei das kein Zeichen dafür, dass er friert. "Dann reguliert er seinen Wärmehaushalt. Das macht er auch, wenn es heiß ist."
Der Vogel hatte zunehmend Spaß am Radeln - und genießt es heute regelrecht. Selbst bei einer 70-Kilometer-Tour nach Sosa war Robert mit von der Partie. Wenn er auf den Lenker gesetzt wird, geht seine Haube hoch und er beginnt zu pfeifen. "Das ist das Signal, dass er los will", erklärt Wilfried Oßmann.
"Wir haben mit der Zeit auch vieles dazugelernt", erklärt er. So habe er bei einer der ersten längeren Fahrten unterwegs Bier getrunken, und Robert wollte unbedingt etwas abhaben. Immer wieder. Zunächst nahm Oßmann an, dem Vogel schmeckt Bier. Aber dann begriff er: Robert hatte einfach Durst. Seitdem haben Oßmanns immer Wasser für den Vogel dabei. Futter allerdings nicht. Das wäre sinnlos. Oßmann: "Er will immer genau das, was wir essen." Das geht so weit, dass der Kakadu zwar zunächst von Wilfried Oßmanns Schnitzel abhaben will, das aber sofort stehen lässt, wenn er mitbekommt, dass dessen Frau etwas anderes auf dem Teller hat. "Er ist wie ein Kind", sagt Wilfried Oßmann entschuldigend. Er lacht und ergänzt: "Ein schlecht erzogenes."

