Agnieszka Kalinowska der TU Chemnitz gehörte zum Prüfteam für die gelben Säcke: Mit einer Mikrometerschraube hat sie die Materialstärke ermittelt. Diese lag bei allen Mülltüten im zulässigen Bereich. Hinten: die Universal-Zugprüfmaschine "Zmartpro" für die Reißfestigkeit Agnieszka Kalinowska der TU Chemnitz gehörte zum Prüfteam für die gelben Säcke: Mit einer Mikrometerschraube hat sie die Materialstärke ermittelt. Diese lag bei allen Mülltüten im zulässigen Bereich. Hinten: die Universal-Zugprüfmaschine "Zmartpro" für die Reißfestigkeit.

Foto: Andreas Truxa

Normen für die gelben Säcke sind ungenügend

In 60 Einzeltests haben Experten der TU Chemnitz drei Generationen von Mülltüten getestet

Stollberg/Chemnitz. In der Schule ist ein "Ungenügend" eine Sechs. Durchgefallen, schlechter geht es nicht. Genau dieses Fazit haben Experten der TU Chemnitz in einem anderthalbtägigen Test an gelben Säcken aus dem Erzgebirgskreis gezogen. Jeweils 20 Proben von Mülltüten dreier Herstellungsgenerationen - und zum Vergleich eine Aldi-Einkaufstüte - wurden auf ihre Zugfestigkeit längs und quer geprüft. "Sowohl die neuen als auch die alten Mülltüten erfüllen die vom Dualen System Deutschlands (DSD) gestellten Anforderungen. Aber: Diese Anforderungen sind aus unserer Sicht ungenügend", sagt Thomas Härtig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Fördertechnik und Kunststoffe der TU Chemnitz.

Mehr Qualitätskennwerte nötig

Doch er und sein Team gehen noch einen Schritt weiter. "Wir empfehlen DSD, die Anforderungen bezüglich der Festigkeit und Dicke der Mülltüten zu verschärfen. Das heißt: dickere Tüten, die auch belastbarer sind als die derzeitig 0,15 Newton pro Millimeter", so Härtig. Und: DSD sollte in den Ausschreibungen künftig weitere Kennwerte hinzufüen - zum Beispiel Durchstoßverhalten oder Weiterreißwiderstand.

Einer der Bürger, die mittlerweile von den schlaffen DSD-Mülltüten nur noch genervt sind, ist Uwe Illig. Der Stollberger aus dem Ortsteil Mitteldorf hatte in einem ersten Bericht von "Freie Presse" öffentlich die Qualität kritisiert. Anhand von gelben Säcken aus drei Generationen, die über die Jahre in den Sammelstellen ausgegeben wurden, hatte er die immer mangelhaftere Nutzbarkeit der Tüten verdeutlicht. Er fragte sich zudem, ob es denn nicht eine verbindliche Mindestnorm für gelbe Säcke gebe. Erst nach mehrfacher Anfrage von "Freie Presse" hat DSD nun die zwingend einzuhaltenden Parameter genannt (siehe obige Grafik).

Laut deren Sprecher Norbert Völl gelten diese Mindestnormen in ganz Deutschland gleichermaßen. Wann diese in der Vergangenheit geändert wurden - oder ob dies in Zukunft geschieht - dazu wollte der Sprecher keine Stellungnahme abgeben.

Fünf Millionen Säcke im Kreis

Hintergrund: DSD hat nach eigener Aussage die Republik in viele Entsorgungsgebiete aufgeteilt und dort über Ausschreibungen Firmen unter Vertrag genommen, die sich um die Wertstoff-Müllfraktion kümmern. Im Entsorgungsgebiet Erzgebirgskreis macht dies die Kreislaufwirtschaft Grübler. Der Leiter, Andreas Grübler, bestätigte bereits vor Tagen, dass die Qualität der Säcke über die Jahre immer schlechter geworden ist. Laut Grübler hätten die Hersteller der Müllbeutel mit höheren Materialkosten zu kämpfen, wollten aber auch preislich attraktiv bleiben. Fünf Millionen Stück entsorge er im Jahr - neben 90.000 gelben Tonnen. Bis 2014 laufe sein Vertrag mit DSD.

Damals hatte Grübler die Frage verneint, ob sich kurzfristig an der Qualität der Säcke etwas ändere. "Bis 2014 werden wir keine anderen Säcke kaufen. Denn sonst müsste ich neu kalkulieren, es würde teurer."

Die Experten der TU Chemnitz sehen dagegen Handlungsbedarf und bieten Hilfe an. So sagt Professor Michael Gehde, Leiter der Professur Kunststoffe und Chef von Thomas Härtig, er und seine Mitarbeiter könnten Hersteller und Auftraggeber der Tüten bei "der Prozessoptimierung und Materialauswahl behilflich sein."

 
erschienen am 25.01.2012 ( Von Jan Oechsner )
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