Büro Agrocent-Mitarbeiterin Antje Hentschel behält vom Büro aus den Überblick, was sich auf dem Firmengelände abspielt. Mit diesem System wurde auch der Traktorendiebstahl aufgezeichnet.

Foto: THOMAS FRITZSCH

Venusberg: Suche nach effektivem Schutz vor Dieben

Unternehmen im Gewerbepark werden in regelmäßigen Abständen von Einbrechern heimgesucht

Venusberg. Zwei Monate nach dem bislang beispiellosen Traktoren-Diebstahl auf dem Gelände der Firma Herpich Landtechnik reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatten professionelle Diebe vier neue beziehungsweise neuwertige Fahrzeuge der Marke John Deere sowie zwei selbstfahrende Teleskoplader im Wert von etwa 310.000 Euro auf Sattelzügen verladen und weggebracht.

Hinsichtlich der dahinter stehenden kriminellen Energie, ist dieser Diebstahl zwar einzigartig, aber bei weitem nicht der einzige in dem Venusberger Gewerbepark. Erst in der zurückliegenden Woche wurden aus einem Steinbrecher 450 Liter Diesel gezapft. Schaden laut Polizei: rund 650 Euro. Schon mehrfach haben es Treibstoffdiebe auf die großen Tanks der im Gelände stehenden schweren Technik abgesehen. In der Nacht zum 17. April wurden aus drei Lkw 500 Liter Kraftstoff gestohlen. In der darauffolgenden Woche fehlten erneut 150 Liter.

Von weiteren Einbrüchen weiß Jens Dageförde, Geschäftsführer der Agrocent Landhandelsgesellschaft. "Angefangen hat es vor einem Jahr in der Nacht zum 19. Juni", erinnert er sich. Unbekannte hebelten das Werkstattfenster auf, nahmen einen Akkuschrauber und ein Schweißgerät mit. "Die Einbrecher gingen idiotisch vor, ließen das Anschlusskabel vom Schweißgerät liegen und den zum Schrauber gehörigen Akku", beschreibt der Geschäftsführer. Seitdem habe es immer wieder Zwischenfälle gegeben. Etwa in der Nacht zum 8. Juli 2011. Auf dem Autohausgelände in der Nachbarschaft schlachteten Unbekannte einen BMW aus, demontierten Räder, Scheinwerfer und diverse Motorsteuerungsteile.

Obwohl in den Betrieben immer wieder eingebrochen wird, mag Polizeisprecherin Heidi Hennig von der Direktion Chemnitz-Erzgebirge nicht von einer Häufung der Fälle sprechen. In anderen Gewerbegebieten innerhalb des Direktionsbereiches sei das schließlich nicht anders. "Wenn sie leichte Beute wittern, dann kommen Diebe aller Couleur. Das sind nicht immer die Gleichen", fügt Hennig hinzu.

Jens Dageförde schaut inzwischen argwöhnisch, wenn vor seinem Unternehmen Fahrzeuge mit ausländischem Kennzeichen halten. Einmal ging er sogar hin, fragte die Insassen harsch, was sie hier wollen. "Ich habe natürlich kein Wort verstanden", sagt Dageförde. Später erfuhr er, dass die Tschechen in dem Auto lautere Absichten verfolgten: Sie wollten nur die ersten bei der Sperrmüllentsorgung sein, um die besten Stücke zu ergattern.

"Mittlerweile kriegst du eine Macke, wenn du Fremde siehst", gibt der Agrocent-Chef zu. Dabei sei nicht einmal bewiesen, dass die Täter über die Grenze kommen. Dageförde weiß nur, dass die Traktorendiebe sehr professionell vorgingen. Weil die Maschinen zum Verladen über Agrocent-Betriebsgelände fuhren, konnte er die Aufnahmen seines Video-Überwachungssystems auswerten. Zu sehen darauf ist auch ein Streifenwagen. Die Ordnungskräfte waren laut Dageförde von einem Zeugen gerufen worden, der am Gewerbepark vorbeigefahren war und etwas Verdächtiges bemerkt hatte. "Die Streife war dreimal da, fuhr sogar bis ans Tor heran. Die Beamten bemerkten wohl nichts, weil die Diebe clever reagierten und in dieser Zeit ruhig hielten", vermutet Dageförde. Möglicherweise wäre es anders gekommen, wenn einer der Polizisten ausgestiegen wäre. "Aber leider regnete es zu dem Zeitpunkt." Einen Vorwurf macht der Geschäftsführer den Beamten deswegen nicht. Auch über eine fehlende Polizeipräsenz klagt er nicht: "Die Streifenwagen fahren hier relativ häufig vorbei."

Allerdings verstehe er nicht, dass Täter gleich wieder auf freiem Fuß kommen, wenn sie schon einmal gefasst werden. Er spielt er auf einen Diebstahl im Winter in einem Gelenauer Autohaus an. Obwohl die Polizei damals die mutmaßlichen Täter gestellt hatte, wurden sie einen Tag nach ihrer Festnahme vom Haftrichter wieder entlassen. "Denen passiert einfach zu wenig. Da stimmt am System etwas nicht", bemerkt Dageförde.

Opfer In der Nacht zum 4. April haben Unbekannte von dieser Stelle vier Traktoren gestohlen. Gerald Jäkel denkt nun wie andere Firmeninhaber über schärfere Sicherheitsvorkehrungen nach.

Foto: Thomas FRITZSCH/Archiv

Auch Gerald Jäkel bringt dieser Fall auf die Palme. "Warum sperrt man die nicht ein? Die Leute haben doch nichts zu verlieren. Die kommen immer wieder", sagt der Herpich-Juniorchef. Von den Ordnungshütern fühlt er sich im Stich gelassen: "Bei Fußballspielen rücken ganze Hundertschaften von Einsatzkräften an. Und wenn wir sie einmal brauchen, sind sie nicht da."

Obwohl die Versicherung den Schaden bezahlt hat, beschäftigt ihn der Traktoren-Diebstahl noch immer: "Jeden Morgen fahre ich mit gemischten Gefühlen hierher und bange, dass nicht wieder eingebrochen wurde." Der Familienbetrieb beschäftigt 28 Mitarbeiter. "Da musst du jeden Tag rudern, um die Leute zu ernähren." Jäkel denkt darüber nach, eine Selbstwehrgruppe zu bilden, die nachts patrouilliert. Die Venusberger aus der Nachbarschaft will er sensibilisieren, Verdächtiges zu melden. "Auf die Polizei kann man sich ja nicht mehr verlassen", sagt er verbittert.

Auch Jens Dageförde hat sich über schärfere Sicherheitsvorkehrungen Gedanken gemacht. Zu den vorhandenen sechs Überwachungskameras sollen zwei weitere hinzukommen. Über einen eigenen Wachschutz sei mit den anderen Firmen zudem beraten worden. "Im Moment tun wir uns aber noch schwer, weil jeder in der Vergangenheit schon in Sicherheitstechnik investiert hat." Immerhin kämen mit dieser Lösung monatlich 700 bis 1000 Euro auf jede Firma zu.

Eine Ausgabe, die auch für Jens Weigelt, Geschäftsführer des Limex-Baustoffwerkes, gut überlegt sein will. Den durch Kleinkriminalität auf dem Betriebsgelände entstehenden Schaden beziffert er auf etwa 3000 Euro jährlich. In jüngster Zeit wurde bei der Limex dreimal Diesel aus Kraftstofftanks gestohlen. Zwei Einbrüche gab es im Büro. Die Täter müssen sich gut ausgekannt haben und schreckten auch nicht davor zurück, das Gelände nachts bei laufender Produktion aufzusuchen. Insofern stellt sich für Weigelt die Frage nach der Wirksamkeit eines Wachschutzes.

 
erschienen am 13.06.2012 ( Von Mike Baldauf )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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