Dietmar Werzner mit dem Stammbaum der Familie Hauschild. Die Unterlagen zur Geschichte der Hauschildschen Fabrik gehören zu den Höhepunkten der Sammlung des Hobby-Historikers aus Hohenfichte.
Foto: Ulli Schubert
Den Stammbaum dem Feuer entrissen
Ortschronist Dietmar Werzner hat zu DDR-Zeiten ein Dokument gerettet, das über Verbindungen der Fabrikantenfamilie Hauschild Auskunft gibt
Hohenfichte. Dietmar Werzner hatte in den vergangenen Wochen einiges zu tun - er musste die Arbeiten an den Bahnübergängen in seinem Heimatort Hohenfichte dokumentieren. Aber nicht, weil er ein Eisenbahnfreak wäre oder gar aus Selbstzweck. Er will die Veränderungen im Dorf für die Nachwelt aufbewahren.
"Mit meinem Umzug 1968 nach Hohenfichte habe ich begonnen, alles geschichtlich Interessante zu sammeln", erklärt der gelernte Werkzeugmacher, der bis Ende Dezember 2004 als Mechaniker in der Baumwollspinnerei in Hohenfichte arbeitete. Er konzentriert sich dabei auf Hohenfichte und Merzdorf, streift aber auch andere Orte wie Augustusburg, wenn historische Zusammenhänge bestehen.
Und solche Verbindungen sind ja gar nicht so selten, wie beispielsweise bei den Lustfischteichen, die gleich unterhalb seines Wohnhauses liegen und ihn auch als Angler und einstigen Leiter des Teichkollektivs lange Jahre beschäftigten. Im Nu nennt Werzner Jahreszahlen, erzählt und zeigt, was er alles zu diesem Thema gesammelt hat. Sogar einen Gondelbetrieb gab es auf den Teichen. "Das einstige Fischhaus ist das älteste erhaltene Gebäude in Hohenfichte", erklärt der Ortschronist.
Alle Unterlagen stecken in Klarsichthüllen. Diese sind in Ordern abgeheftet, die im Wohnzimmerschrank stehen: "Hier steckt das Kapital drin." Wie Recht er hat. Auf Fotos ersteht die jüngste Vergangenheit. Es ist noch kaum 50 Jahre her, als sein Vater und sein Onkel Stöcke spalteten und noch einige Jahre früher in Borstendorf ein Hochwasser wütete. Im Schachdorf ist Dietmar Werzner aufgewachsen, war sein Vater Herbert Lehrer und Mitglied der Fotogruppe. Allein diese Aufnahmen sind ein Schatz. Ergänzt durch Kindheitserinnerungen zeichnen sie ein farbenfrohes Bild des Lebens vor Jahrzehnten.
Es finden sich Zeitungsausschnitte und ganze Zeitungen von der "Volksstimme" bis zum "Roten Stern", der einstigen Betriebszeitung der in einem Kombinat zusammengeschlossenen Baumwollspinnereien, die es bis vor 20 Jahren gab.
Die Unterlagen zur Geschichte der Hauschildschen Fabrik, also der Baumwollspinnerei in Hohenfichte, bezeichnet Dietmar Werzner als Höhepunkt seiner Sammlungen. Dazu gehören ein Brief vom 19. April 1837, in dem die Firmenbesitzer darauf hingewiesen werden, tunlichst auf Qualität zu achten. Und ein Stammbaum der Hauschilds. "Ich habe diese und andere Dokumente sozusagen dem Schmiedefeuer entrissen", erzählt Werzner. Irgendwann zu DDR-Zeiten hatte man ein Archiv ausgeräumt und gemeint, diese Dinge würden nicht mehr benötigt. Reiner Zufall, dass Dietmar Werzner noch vorm Entzünden des Feuers beim Schmied vorbeikam.
Geschichten über Geschichten. "Wer weiß denn schon, dass der Gänsedieb einst im Glaspalast der Baumwolle in Hohenfichte stand. Die Nazis wollten die Bronzefigur gegen Kriegsende einschmelzen. Werkstattmeister Ernst Reichelt versteckte sie im Ballenlager. Als man sie viel später wieder aufstellen wollte, passte der Ort nicht zur nun herrschenden sozialistischen Ideologie. Die Skulptur fand schließlich 1952 ihren Platz auf der Unteren Schloßstraße in Augustusburg."
Bleibt die Frage nach der Zukunft der Aufzeichnungen, Fotos und Dokumente. "Ich hege die Hoffnung, dass vielleicht einer meiner vier Enkel die Arbeit fortführt", sagt Dietmar Werzner. Ein Mäzen, wie es die früheren Fabrikbesitzer oft waren, ist in Hohenfichte nicht zu entdecken. Und damit bleibt der Traum von einer Chronik wohl ein Traum.


