Im BSZ "Julius Weisbach" in Freiberg werden neuerdings angehende Industriekaufleute unterrichtet. Im Bild BWL- Lehrerin Claudia Kaltofen vor der Klasse 11 mit der Firmenpräsentation einer Schülerin.
Foto: Eckardt Mildner
Berufsschule tickt wie ein Unternehmen
Schülerzahlen sinken, aber Schulleiter und sein Team nehmen das nicht einfach hin
Freiberg. Die Berufsschulen stecken mitten im Umbruch. Die Schülerzahlen gehen zurück, einige Fachklassen sind gefährdet, die Berufsfachschule erweist sich als Ladenhüter - und das Berufliche Schulzentrum (BSZ) "Julius Weisbach" reagiert darauf: Frank Wehrmeister und seine Mitstreiter setzen auf unternehmerisches Denken und neue Wege. "Wir müssen in Nischen eindringen, um die sinkenden Schülerzahlen ein Stück weit abzufangen", sagt der 46-jährige Schulleiter.
Baubereich: nur noch Grundstufe
Denn die Berufsausbildung ist kein Selbstläufer mehr. Vor vier Jahren zählte das BSZ 1950 Schüler in 98Klassen bei ungefähr 100 Lehrern. Heute sind es 1450 Schüler in 72 Klassen mit rund 90 Lehrern (einige in Teilzeit). Automobilkaufleute werden gar nicht mehr ausgebildet. Im Baubereich gibt es nur noch eine Grundstufe, bedauert Wehrmeister. Die künftigen Maurer müssen jetzt zur Ausbildung ins erzgebirgische Oelsnitz fahren. Völlig weggebrochen ist die Berufsfachschule. Niemand will offenbar mehr chemisch-technischer Assistent werden. Folge: In den Chemiekabinetten herrschte zunächst gähnende Leere. Auch der flache Neubau, in dem die Metaller ausgebildet werden, könnte besser ausgelastet sein.
Doch das BSZ hat aus der Not eine Tugend gemacht. Mit Schuljahresbeginn startete in Freiberg eine Landesfachklasse für Werkstoffprüfer. Dort lernen 20 junge Leute - vom Hauptschüler bis zur Hochschulabsolventin. Hintergrund: Bisher pendelten die sächsischen Lehrlinge zur Berufsschule ins fränkische Selb oder nach Halle/Saale. "Manche Unternehmen hatten deshalb Schwierigkeiten, Azubis zu finden", erinnert sich Klassenlehrer Michael Scholz. Deshalb machte er sich für eine Ausbildung in Freiberg stark - unterstützt vom Schulleiter. "Es ist eine Möglichkeit, dem Fachkräftemangel in diesem Bereich entgegenzuwirken", sagt Wehrmeister und hofft, dass der Beruf dadurch noch bekannter wird. Bei Land, Schulamt und den Kammern stießen sie auf offene Ohren. Doch einige Firmen beäugten das Projekt kritisch, zumal es sich um eine anspruchsvolle und teure Ausbildung handelt.
Die Freiberger ließen sich aber nicht beirren, sondern legten unternehmerisches Denken an den Tag und suchten Unterstützer. Jetzt stellt die TU Bergakademie Freiberg ihr Schülerlabor zur Verfügung. Die Nossener Firma Hegewald und Peschke wiederum bietet an, dass ihr Anwendungslabor für die Ausbildung genutzt werden kann. "Wir brauchen junge Fachkräfte. Je besser sie ausgebildet sind, umso besser ist es für uns - dazu wollen wir unseren Beitrag leisten", begründete Volker Peschke, einer der beiden Geschäftsführer des 50 Mitarbeiter zählenden Unternehmens. Auch der Landkreis als Träger der Berufsschule ist gefordert, in die neue Ausbildung zu investieren: Rund 25.000 Euro kostet allein der neue Härteofen zur Wärmebehandlung, der auf der Wunschliste der Schule steht.
Betriebe überzeugt
Neuland betrat das BSZ auch, um die Ausbildung für Industriekaufleute wieder zu beleben. Eine Berufsschullehrerin ging von Betrieb zu Betrieb und versuchte viele Unternehmer zu überzeugen, dass sie wieder junge Leute in diesem Bereich ausbilden - mit Erfolg. Jetzt gibt es wieder eine Klasse. Der Einsatz hat sich also gelohnt.


