Professor Jörg Schneider (r.) mit Studenten an der Grabungsstelle in Oberhof.
Foto: Frank/TU Bergakademie Freiberg
Freiberger Forscher finden 295 Millionen Jahre alte Zähne von Haifischen
Spektakuläre Funde am Ortsrand von Oberhof bestätigen: Wir leben gerade in einer Zwischeneiszeit
Oberhof/Freiberg. Wo sich heute die Thüringer Stadt Oberhof am Rennsteig erhebt, hat vor 295 Millionen Jahren ein großer See gelegen. Es war die Zeit, in der die Kontinente noch nicht durch Meere getrennt waren und der Thüringer Wald eine Art Bindeglied zwischen Nordamerika und Osteuropa darstellte. Von vergleichbaren Seen weiß die Wissenschaft in der Pfalz, in Böhmen und in Südfrankreich. Es waren die letzten Seen im Perm - und damit in einer Zeit, in der sich auf der Erde ein dramatischer Wandel von einem feuchten zu einem trockenen und heißen Klima vollzog. Die Seen trockneten aus, die Lebewesen starben.
Das Gebiet um das heutige geologische Naturdenkmal Lochbrunnen am Ortsrand von Oberhof ist deshalb schon ab 1875 in den Fokus der Forschung gerückt und seit den 1970er-Jahren für Wissenschaftler der TU Bergakademie Freiberg von großem Interesse. In den vergangenen zwei Wochen waren erneut 15 Experten und Studenten hier auf einem etwa 50 Meter langen Grabungsfeld zugange, um eine zehn Meter hohe Gesteinswand freizulegen und nach Überresten von Tieren und Pflanzen zu suchen. Am Freitag wurde das Projekt abgeschlossen.
"Wir sind auf spektakuläre Fossilienfunde gestoßen", berichtete der Leiter der Forschungsgruppe, Professor Jörg Schneider von der Fakultät für Geowissenschaften, Geotechnik und Bergbau der Bergakademie. Dabei handle es sich unter anderem um Nachweise von etwa zehn Meter hohen Nadelbäumen in der Art der heutigen Zimmertanne, um Baumfarne, Funde von kleinen Krebsen, Tausendfüßer, die Skelette von molchähnlichen Amphibien sowie um Skelettreste und Zähne von Süßwasserhaien, "allerdings kleine Kerle von etwa einem Meter Länge", schmunzelt der Freiberger Paläontologe. Am einstigen Seeufer sei man auf kleine Fährten von Sauriern gestoßen, die man sich vorstellen müsse wie Warane. "Die große Vielfalt der Funde ist eine Besonderheit für Europa", urteilt der Fachmann.
In der Summe handle es sich um mehrere hundert Überreste einer teils gut erhaltenen Fauna und Flora, ist auch Ralf Werneburg, Leiter des Naturhistorischen Museums Schloss Bertholdsburg in Schleusingen (Thüringen), begeistert. Dort sollen nach umfassender Analyse die besten Funde präsentiert werden. Allerdings würden bis dahin noch ein bis zwei Jahre vergehen. Die Grabung ist laut Werneburg Teil eines langfristigen Projekts des Museums mit der Bergakademie Freiberg. Die Grabungsteilnehmer haben damit ein Fenster weit zurück in die Vergangenheit aufgestoßen. "Es wurden Schichten des einstigen Sees untersucht", sagte Ralf Werneburg. Es seien sogar Süßwassermuscheln und die Überreste von 0,5 Zentimeter großen Quallen gefunden worden. Dies sei außergewöhnlich: "Quallen bestehen zum größten Teil aus Wasser und haben sich kaum über die Zeit erhalten."
Der Freiberger Wissenschaftler Schneider weist noch auf einen anderen Zusammenhang hin. "Der Versteinerte Wald von Chemnitz ist fast in derselben Zeit, also auch vor 290 bis 300 Millionen Jahren entstanden. Man muss sich dieses Gebiet wie eine Oase vorstellen, ein Feuchtgebiet mit einem dichten Wald, während rundherum schon steppenartiges Klima herrschte." Dieses Bild von Chemnitz passe zeitlich zu der Seenlandschaft in Thüringen. "Zieht man die geografische Linie weiter Richtung Frankreich im Westen und Russland im Osten, verstehen wir, wie sich die Lebenswelt damals zusammengesetzt und verändert hat." Ab Herbst würden die ersten Studenten in Russland, 400 Kilometer östlich von Moskau, graben. Für sie seien solche Einsätze hervorragende praktische Trainingsmöglichkeiten, so Schneider.
Den Nutzen für die Allgemeinheit sieht er darin, dass Schritt für Schritt Erkenntnisse erlangt würden, wie sich die Erde und ihre Lebewesen über Hunderte Millionen Jahre entwickelt haben und wie sich die Erde weiter entwickeln wird. "Wir sind jetzt in einer Zwischeneiszeit. Über Millionen Jahre hinweg wachsen wir wieder in ein Trockenklima hinein. Aber wir reden da nicht über 10.000 oder 100.000 Jahre", relativiert Jörg Schneider.

