Straßendebatte bringt Kontrahenten zusammen
Podiumsdiskussion zeigt: Es gibt keine innerstädtischen Ersatzlösungen
Freiberg. Die Podiumsdiskussion des Aktionsbündnisses "Pro Ortsumgehung Freiberg" hat am Mittwochabend im Städtischen Festsaal die Kontrahenten der Straßendebatte zusammengebracht. Nicht nur unter den weit über 150 Zuschauern gab es Befürworter und Gegner des Verkehrsprojekts. Die Veranstalter hatten sich kurzfristig entschlossen, auch einen Vertreter der Bürgerinitiative "Pro Wald" aufs Podium zu holen. "Wir wagen das Experiment - herzlich willkommen, Jörg Thümmler." So begrüßte Moderator Holger Reuter, Baubürgermeister und Straßenbefürworter, den Gegner des Projekts in der Runde.
72.000 schafft kein Kreisverkehr
Gibt es wirklich Alternativen zur Freiberger Ortsumgehung? Rainer Ebersbach, Sachverständiger für Tief und Straßenbau, verwies beim Thema des Abends auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Für die B 101 und die B 173 in Freiberg gelte: Wegen ihrer überregionalen Bedeutung ist die Führung in bebauten Gebieten problematisch. "Eine Trasse außerhalb der Ortslage ist hier die Regellösung", sagte Ebersbach. Als Beispiel nannte er die Kreuzung Brander Straße/Karl-Kegel-Straße mit einer täglichen Gesamtbelegung von 72.000 Fahrzeugen, davon je 25.000 Kfz in beiden Richtungen auf der Brander Straße. Die staugeplagte Strecke sei auch mit dem größten Kreisverkehr nicht zu bewältigen, rechnete er vor.
In der nachfolgenden Diskussion erteilte Mario Klippstein von der Aqua Saxonia GmbH auch der Idee einer Tieferlegung der Fahrspuren unter Eisenbahnbrücken, etwa auf der Olbernhauer Straße, eine Absage. Dort kommt es regelmäßig zu Stau, weil Laster die halbe Gegenfahrbahn mitbenutzen müssen, um unter dem Rundbogen hindurch zu kommen. "Wir müssten die Straße anderthalb Meter tiefer legen", erläuterte Klippstein. Die Folgen: Anrainer kämen nicht mehr an ihre Grundstücke. Zudem steige das Straßengefälle auf einer ohnehin abschüssigen Strecke gefährlich an. Und schließlich drohten jahrelange Genehmigungsverfahren und Streitigkeiten mit der Deutschen Bahn. Sein Fazit: "Hier wird viel Geld versenkt ohne viel Effekt."
Freibergs Finanzbürgermeister Sven Krüger sprach von der Bedeutung der Umgehungsstraße für den Wirtschaftsstandort Freiberg. Die gute Erreichbarkeit der Gewerbegebiete müsse gewährleistet sein, die Wirtschaft rechne mit einer Zunahme des Lkw-Verkehrs. Aber auch die Schichtbusse würden von den Beschäftigten nicht im erhofften Umfang angenommen. "Das Auto ist unverzichtbar", betonte Krüger.
Stadtrat Klaus Stürzebecher (Sportinitiative) sprach von Chancen für die Innenstadt, wenn die Ortsumgehung einmal Entlastung bringen sollte. Seine Idee: ein Ring um die Altstadt, der nur in eine Richtung zu befahren wäre. "Dann wäre eine durchgehende Radfahrspur machbar." Zugleich hofft Stürzebecher, dass dann auch "der grüne Ring um die Innenstadt" wächst.
Zweifel an den Zahlen
Würde "Pro Wald" die Ortsumgehung zugunsten eines verbesserten Radwegesystems im Stadtzentrum ertragen? Diese Frage beantwortete BI-Sprecher Jörg Thümmler mit einem klaren Nein. Neue Lösungen in der Innenstadt seien auch ohne Ortsumgehung machbar. Thümmler stellte vorgetragene Zahlen zur Verkehrsbelegung infrage. So sei die Fahrzeugbelastung etwa auf der Brander Straße nach jüngsten Zählungen nur halb so hoch. Er warnte davor, in dieselbe Falle zu tappen wie die Stadt Dresden, die den Verkehr auf Neubaustrecken mit 30 bis 40 Prozent zu hoch angesetzt habe. "Die Baukosten sind weg, die Unterhaltungskosten bleiben auf Dauer." Thümmler fragte: "Warum wird die Trasse durch den Hospitalwald bevorzugt?" Und gab selbst den Ausblick: "Wenn diese Trasse fällt, ist die Umgehung generell gestorben."



19:59 Uhr
Krocodil: Ich habe die Podiumsdiskussion am 18.01. im Städtischen Festsaal selbst miterlebt. Der Versuch, mit solchen Veranstaltungen die dringend notwendige Lösung für den Freiberger Verkehr voran zu bringen, ist nicht hoch genug einzuschätzen. 22 Jahre nach der Wende ist hier immer noch nichts passiert, eigentlich eine Schande für Freiberg, wenn man sich im Lande umsieht. Es wird sicher keine Lösung geben, welche es allen Betroffenen Recht macht. Aber eine bei dieser Veranstaltung vorgetragene Auffassung eines Vorsitzenden einer Freiberger BI, die von Herrn Thümmler, ist m.E. reif für die Wahl zum Unwort oder Unzitat des Jahres 2012. Herr Thümmler ist der Meinung, dass man das für den Bau einer Ortsumgehung für Freiberg notwendige Geld unmöglich von unseren Landsleuten aus den alten Bundesländern verlangen könnte, da diese selbst genug Verkehrsprobleme, wie etwa im Rhein/Main-Gebiet oder im Ruhrgebiet hätten (Originalzitat!) Er spricht damit den Freibergern und Umländlern das Recht ab, eine vernünftigen Lösung ihrer Verkehrsprobleme zu verlangen (wie etwa in Kesselsdorf oder Zwickau geschehen) und unterschlägt, dass diese Bürger auch schon 22 Jahre Steuern und Soli zahlen! Vielleicht ist erst ein Bürgerentscheid analog Stuttgart 21 erforderlich, um demokratische Entscheidungen zu treffen und den Verwaltungsrichtern eine weitere Entscheidungshilfe zu geben.