Günter Berger ärgert sich, dass das akustische Signal an Ampeln oft nicht funktioniert oder, wie an der Ampelkreuzung Poststraße/Bismarckstraße, schlecht zu hören ist.
Foto: Mario Hösel
Ampeln in Rochlitz sind für Blinde kreuzgefährlich
An mehreren Anlagen ist das akustische Signal schlecht hörbar oder fehlt
Auf dem rechten Auge sieht Günter Berger nichts. Links kann der 83-Jährige lediglich grobe Konturen erkennen. Wer seine Augen schließt, kann annähernd erahnen, wie verloren sich der Rochlitzer fühlt, wenn er im Verkehrsdickicht an einer Straßenkreuzung steht. Und bleibt dann der lebenswichtige Signalton der Fußgängerampel wie an der Ecke Poststraße/Bismarckstraße auch noch aus, "kann das für Sehbehinderte lebensgefährlich sein", sagt Berger.
Diese Ampel ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Die automatisch aktivierten Warnsignale sind Auslaufmodelle. Stattdessen müssen Sehbehinderte zusätzlich einen kleinen Schalter unter dem meist gelben Ampel-Knopf zweimal drücken, damit sie ein Ton auf die Grünphase hinweist. Die Begründung für die neue Technik klingt etwas bizarr: Über die subtilen Pieptöne hätten sich vermehrt Anwohner beschwert, bestätigt auch Torsten Gruner vom Blinden- und Sehbehindertenverband Döbeln: "Das ist eine Kompromisslösung." An stark befahrenen Straßen wäre ihm ein automatischer Ton jedoch lieber. Aber auch der zusätzliche Knopf habe Vorteile. Gruner erklärt: "Oft weisen Rillen auf den Tasten darauf hin, dass in der Straßenmitte eine Insel oder Straßenbahn ist. Diese Infos fehlen bei automatischen Ampeln."
Doch es gibt auch Ampeln, an denen gar keine Signale ertönen. Beispiele gibt es in Rochlitz mehrere. Das markanteste ist die Ampel an der Lindenallee/Ecke Friedhof. Sehbehinderte müssen beim Queren der stark befahrenen Bundesstraße auf das akustische Leitsystem verzichten. "Für uns wäre es sicherer, wenn alle Ampeln die Hinweistöne aussenden. Unsere Forderung wurde aus finanziellen Gründen abgelehnt. Hier spart man am falschen Ende", kritisiert Torsten Gruner.
Die Chefin des Behindertenbeirates des Landkreises Mittelsachsen ist auch darum der Ansicht, dass "Behinderte in unserer Gesellschaft einen schweren Stand haben und oft benachteiligt werden." Teilweise werde übersehen, dass "es nicht um Extrawürste für uns geht", sagt Annett Heinich.
In Rochlitz stehen die meisten Ampeln an Bundes- und Staatsstraßen. Der Sprecher des verantwortlichen Landesamtes für Straßenbau und Verkehr sieht keine Sicherheitsrisiken. Ronald Krause verweist auf zusätzlich nachgerüstete Vibrationstaster. "Die Lautstärke der akustischen Signale wird außerdem entsprechend dem Umweltlärm automatisch geregelt", ergänzt er. Volker Ziegert vom Rochlitzer Ordnungsamt sieht ebenfalls keinen Handlungsbedarf. Die Beschwerde von Günter Berger sei die einzige.
Annett Heinich sind die Standards oft nicht hoch genug. Bei guter Planung sei der finanzielle Mehraufwand zudem relativ gering. Klamme öffentliche Kassen sind für sie kein Argument dafür, auf Sicherheit zuverzichten. Verkehrsexperten drängen ebenfalls auf akustische Signale an Ampelanlagen. Werner Hoffmann von der Verkehrswacht: " Das unüberhörbare Signal ist wichtig."

