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70 Einsatzkräfte stürmen Wohnungen im Vogtland
Spektakuläre Polizeiaktion im Vogtland
Wenn nicht gerade Zirkusleute oder Schausteller in Reichenbach Station machen, wirkt der Volksfestplatz der nordvogtländischen 20.000-Einwohner-Stadt verlassen. Eingerahmt vom Stadtpark und von Ziegelbauten aus Zeiten aufstrebender Industrie liegt das gut einsehbare Areal. So ist es auch am 22. Juni.
Nur zwei junge Männer stehen in der hereinbrechenden Abenddämmerung auf dem unbefestigten Platz herum und scheinen auf etwas zu warten. Dann geht alles ganz schnell: 21.15 Uhr fährt ein Mercedes vor, vier Männer springen heraus, rennen los, prügeln auf die beiden jungen Männer ein und bedrohen sie mit vorgehaltenen Pistolen.
Am Donnerstag nun hat die Polizei das aggressive Quartett und einen weiteren Verdächtigen in einer spektakulären Aktion festgenommen. Beamte stürmten morgens zwischen 7.30 und 8 Uhr die Wohnungen der fünf Tatverdächtigen in Reichenbach, Auerbach, Falkenstein und Mylau. Vier der Männer deutscher, griechischer, serbischer und libanesischer Herkunft im Alter von 21 bis 27 Jahren wurden überwältigt, davon drei in ihren Wohnungen. Einer wollte gerade seine Wohnung betreten, als ihn bewaffnete Polizisten in Empfang nahmen. Beim fünften war es am heikelsten: Den Auerbacher erwischte ein Spezialeinsatzkommando (SEK) des Landeskriminalamtes Sachsen an einer Tankstelle in Falkenstein. Er saß als Beifahrer im Mercedes eines vermutlich Unbeteiligten.
Insgesamt 70 Polizisten waren an der seit Wochen vorbereiteten und vom Auerbacher Revierleiter Peter Ungethüm geführten Aktion beteiligt. Polizeisprecher Oliver Wurdak begründete am Donnerstag den massiven Einsatz mit der Gefährlichkeit der Verdächtigen. "Wir konnten nicht ausschließen, dass sie bewaffnet sind und Widerstand leisten", erklärte Wurdak, dem die Erleichterung deutlich anzumerken war. Der Tatvorwurf lautet erpresserischer Menschenraub und wiegt schwer: Bei Verurteilung drohen mindestens fünf Jahre Haft. Am Abend teilte Wurdak mit, dass der Haftrichter den Haftbefehl gegen einen verdächtigen Griechen gegen Auflagen ausgesetzt hat.
Die mutmaßlichen Täter sollen an jenem 22. Juni in Reichenbach ihre Opfer geschlagen und mit Waffen bedroht haben. Mit einem fuhren die Männer in die zehn Kilometer entfernte ostthüringer Stadt Greiz und erzwangen von dem 22-Jährigen die Herausgabe einer größeren Bargeldmenge. Vorher hatten sie gedroht, ihn zu töten. Schließlich setzten die Tatverdächtigen ihre Opfer derart unter Druck, dass diese zunächst über den Vorfall schwiegen. Doch ein Zeuge hatte das Geschehen beobachtet, das ihn an einen Mafia-Krimi erinnerte. Er brachte den Stein ins Rollen. "Ohne ihn hätten wir davon vermutlich nichts erfahren", betonte Wurdak und wünschte sich, dass dieses couragierte Beispiel Schule macht.
Doch was hinter dem rigorosen Vorgehen steckt, dazu halten sich Polizei und Staatsanwaltschaft bedeckt. "Die Ermittlungen zum Fall und insbesondere zum Motiv dauern an", heißt es in einer am Donnerstag verbreiteten Erklärung. Auch ob es eine Verbindung zu dem am 11. Januar von fünf bewaffneten Vermummten auf eine Mylauer Spielothek verübten Überfall gibt, sei unklar. Wurdak hält einen Streit im Drogenmilieu für möglich, "aber dafür gibt keine belastbaren Hinweise".
Vermutungen gibt es schon. So gilt das Vogtland als Transitraum für die Einfuhr tschechischer Drogen. Erst vor zwei Wochen ging ein im Raum Plauen/Hof operierender Rauschgifthändlerring hoch. Laut Polizei sollen die sechs Männer mindestens 40 Kilogramm Marihuana und 1,5 Kilogramm der synthetischen Droge Crystal verkauft haben. Das Landgericht Zwickau hat im Juni zudem eine siebenköpfige Bande vogtländischer Drogendealer zu hohen Haftstrafen verurteilt.


