Manfred Fischer in seiner ehemaligen Garage - ein Bild aus alten Tagen. Er musste sie räumen, weil ihm das Grundstück nicht gehört, auf dem sie steht. Heute hat er Hausverbot.
Foto: Ellen Liebner/Archiv
Der Garagen-Streit von Plauen
Rentner zieht wegen Pachterhöhung vor Gericht
Plauen. Alles nur wegen einer Garage. Den Satz so stehen zu lassen, wäre zu einfach. Rentner Manfred Fischer hat viel Geld ausgegeben, um die Garage nicht zu verlieren. Und er hat sich gestritten. Mit einer Rentnerin, mit Juristen, und vielleicht auch kurz mit Menschen aus seiner Gemeinschaft, die alles über sich ergehen ließen. Weil sie aufgegeben haben. Aber davon erzählt er nichts. "Es geht um Gerechtigkeit und meine Ehre", sagt Fischer, wenn man ihn fragt, weshalb er das macht.
Durch den Streit hat er Lebensqualität eingebüßt. Helene Schmidt*, mit der er wegen der Garage im Clinch liegt, erzählt das auch von sich. "Das ist Schikane", sagt sie, und: "Dieser Mensch lässt mir keine Ruhe." Um zu verstehen, warum Manfred Fischer, 67, um die Garage kämpft, muss man die Geschichte von Männern wie ihm kennen. Sie gehört zur Geschichte der DDR. Garagen in Neubaugebieten waren damals Mangelware. Und sie waren Statussymbole wie heute teure Autos und Designer-Möbel.
"Wir haben damals 15 Jahre auf ein Auto gewartet. Also brauchten wir auch was, um es unterzustellen", erzählt Fischer. Damit der Trabi keinen Kratzer bekommt.
Fischer kam 1978 an seine Garage im Seehausgebiet, weil der Vorbesitzer gestorben war. Er kaufte sie für knapp 3000 DDR-Mark. Sie liegt drei Gehminuten von seiner Wohnung, Erstbezug, entfernt, vom Balkon aus kann er sie sehen. Gebaut wurde sie sechs Jahre davor auf fremden Boden. Das war üblich so, die DDR wollte schließlich nicht mehr Grundbesitzer als nötig haben. Allein auf städtischem Land stehen in Plauen rund 3300 Garagen. Die Besitzer zahlen Pacht.
Das Seehaus-Grundstück mit Fischers Garage gehörte einem Steinmetz, der dort seinen Betrieb hatte. 1972 ließ der Steinmetz-Senior seinen Obstgarten roden und verpachtete das Grundstück einem Dutzend Männern, die dort mit den eigenen Händen Garagen bauten, sich mühsam Baustoffe zusammenkratzten.
"Jetzt sitze ich auf diesen Garagen. Mein Schwiegervater und mein Mann würden sich im Grab umdrehen, wenn die wüssten, was hier läuft", sagt Helene Schmidt, 71. Sie ist die Erbin. Die Sorgen begannen mit einem neuen Gesetz. "Schuldrechtsanpassungsgesetz" nennen es die Juristen. Es trat vor vier Jahren in Kraft und besagt, dass Grundeigentümer den Leuten, die auf ihrem Boden Garagen stehen haben, jederzeit kündigen können. Helene Schmidt nahm es als Anlass, die Pacht zu erhöhen. In der DDR zahlten die Garagen-Besitzer 20 Mark im Jahr, im neuen Jahrtausend waren es fünf Euro pro Monat. "Eine ortsübliche Summe", erklärt Fischer. Viel blieben der Steinmetz-Witwe nicht davon, Grundsteuer und Straßenreinigung abgezogen. Also wollte sie die Pacht verdreifachen, anpassen an Stellplatz-Gebühren in Plauen.
Sie rechnete nicht mit Manfred Fischer: Er ist einer, der sich nicht einschüchtern lässt. Der notfalls auch Richtern seine Meinung geigt. Fischer stellte sich an die Spitze der Garagengemeinschaft. Er handelte Helene Schmidt auf zehn Euro runter, traf sich mit seinen Leuten in einem Raum des Hausfrauenbundes und sprach Strategien ab. "Ich bin falsch beraten worden damals und habe später 7,5o Euro vorgeschlagen", sagt die 71-Jährige dazu.
Aber da waren sie und Fischer schon verkracht. Er bekam die Kündigung, eine Räumungsklage und Hausverbot. Bis heute haben sieben der zwölf Männer ihre Garage verloren. Die fünf Übrigen nahmen die verdoppelte Pacht hin. "Wir halten noch zusammen. Die Gemeinschaft steht hinter mir", sagt Fischer. In der DDR Garagennachbar gewesen zu sein - das schweißt zusammen. Die Männer verbrachten viel Zeit dort. Fischer erzählt, wie sein Sohn seine MZ aufbaute und den alten Trabi, den sie "Kugelblitz" nannten, weil der so rund war. Auch auf ein Bierchen traf man sich. Das einfach aufgeben? Nachdem er 600 Euro fürs Dachdecken reingesteckt hatte?
Er stellte sich vor seine Männer und ging zum Anwalt. Hoffte, dass die Kündigung nicht rechtens ist, weil er Glied einer Gemeinschaft ist. Da gibt es keine Sonderbehandlung. Er verlor mit Pauken und Trompeten. Vor Gericht interessierte es nicht, dass Garagen ein Juwel im DDR-Alltag waren. Die Gemeinschaft - juristisch nicht existent, weil sie kein eingetragener Verein ist. 1400 Euro kostete ihn der Prozess. "Ich bin enteignet worden. Das war nicht rechtens."
Und er hat weiter gemacht. Diese Woche saß er wieder im Amtsgericht Plauen, in einem der kleinen Säle, in dem Streitereien wie diese ausgefochten werden. Diesmal kämpfte er um Entschädigung, wie sie auch andere aus der Gemeinschaft erhielten. Der Richter rang mit seiner Geduld: "Was ich von Ihnen nicht mehr hören will, ist der Satz: ,Das ist nicht rechtens.'" Die Anwälte der zerstrittenen Rentner einigten sich auf 1050 Euro Entschädigung. Zufrieden? "Nein", sagt Fischer. Prozess- und Anwaltskosten abgezogen, blieben ihm 150 Euro. Auch die Witwe hatte sich anderes erhofft. 500 Euro wollte sie geben. Beim Prozess war sie nicht dabei, sie verkraftet den Rummel nicht.
Ein anderer Ex-Garagen-Besitzer überlegt, ob er auch klagt. Er hat die gleiche Garage und bekam nicht einmal halb so viel Entschädigung.
Helene Schmidt hätte lieber die alten Obstbäume wieder.
*Der Name wurde von der Redaktion geändert.


11:39 Uhr
gelöschter Nutzer: Der Skandal ist doch vielmehr, dass Garageneigentümer auf fremden Grund und Boden so leicht enteignet werden können und dann lange um die ihnen zustehende Entschädigung kämpfen müssen. Die Grundstückseigentümerin vermietet ja schließlich die enteignete Garage weiter und erzielt Erträge. Die Obstbäume hätten sicher nicht so hohe Erträge erwirtschaftet! Demzufolge ist dem ehemaligen Garageneigentümer ein enormer Schaden entstanden, den er gerichtlich geltend gemacht hat. Herr Fischer war Eigentümer der Garage und hat das Grundstück, die Fläche wo die Garage drauf steht, vom Eigentümer des Grundstückes gepachtet. Das war zu DDR-Zeiten übliche Praxis und ist auch heute noch weit verbreitet Das ist ein entscheidender Unterschied und hat nichts mit Stellplatz - oder Garagenmieten zu tun.
23:35 Uhr
gelöschter Nutzer: Ist es nicht ein Skandal, dass hier ein Garagennutzer für so wenig Garagenmiete im Monat vor Gericht zieht??? Die derzeitigen Mietpreise sind für Stellplätze mit ab 25 ?/Mt als normal üblich und abschließbare Garagen erheblich bzw. bei ca. 35 ?/Mt viel viel höher!!! Was will Herr Fischer? Einen kostenfreie Garage für sein Lieblingsspielzeug in der heutigen Zeit??? wie soll das gehen?