Hier trauert Jens Beierlein um seinen Sohn. 
Hier trauert Jens Beierlein um seinen Sohn.

Foto: Ellen Liebner

Erst den Sohn verloren, dann auch noch die Wohnung

In wenigen Tagen jährt sich der schwere Unfall auf der B 92 in Plauen - Trauer lässt die Behörden kalt

Plauen. In der Vitrine mit den Spielzeugautos und den kleinen Gips-Engeln liegt ein Zettel. Kariertes Papier, bekritzelt mit Kinderschrift. "Antrag auf Wiener. Marcus Beierlein" steht drauf. Der Junge liebte solche Botschaften, weil er wusste, dass sein Vater dann lächelte. Also schrieb er einen Zettel, als Papa Würstchen machen sollte.

Es war der letzte Zettel. Marcus Beierlein starb vor einem Jahr bei einem Fahrradunfall auf der Bundesstraße 92 in Plauen. Er wurde vor den Augen seines alleinerziehenden Vaters von einem Auto überfahren.

Seitdem muss Jens Beierlein nicht nur mit der Trauer fertigwerden, sondern auch mit den Behörden. "Ich habe Schulden. Das ist das, was ich nie wollte." Beierlein, arbeitslos, brach eine Trauma-Therapie ab, musste umziehen, hatte mit dem Gericht zu tun und bekommt von den Ämtern den letzten Strohhalm verwehrt - eine Reha zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Nur über Ostern hatte man etwas für ihn: Er sollte kostenlos ein paar Tage in einem Gasthof aushelfen. Das lehnte Beierlein ab.

Seit ein paar Tagen lebt er in einer neuen Wohnung. Weil sein Sohn tot ist, kürzte ihm das Hartz-IV-Amt das Mietgeld. Das ist üblich bei solchen "Veränderungen". Nachdem die Zeitungen berichtet hatten, machten sie im Fall Beierlein eine Ausnahme. Statt eines halben Jahres zahlten sie für ein Jahr die volle Miete. Das ist jetzt um.

Der Plauener Rechtsanwalt Oliver Bittmann wollte den fehlenden Mietanteil für ein weiteres Jahr übernehmen. Doch Beierlein sagt, dann hätte er das Problem nur hinausgezögert. Bittmann habe versprochen, stattdessen die 400 Euro Mietkaution zu zahlen. Zurzeit ist er im Urlaub. "Ich hoffe, das klappt", sagt Beierlein, 47. Für den Umzug lieh er sich 500 Euro - Schulden.

Die neue Wohnung, ein Drama für sich. Für eine Person zahlt das Amt nur noch 166 Euro Kaltmiete im Vogtlandkreis, und solche Schnäppchen sind kaum zu finden in Plauen. Jens Beierlein hatte kein Glück, als er suchte. Um umziehen zu dürfen, musste er das Gericht einschalten. Per einstweiliger Verfügung sorgte Bittmann dafür, dass die Hartz-Behörde Geld für eine Wohnung zahlt, die 35 Euro teurer ist.

Marcus ist in jedem Zimmer. Überall hängen Fotos, und im Wohnzimmerschrank steht sein Geburtskärtchen. Das erste Bild des Marcus Beierlein, gerade drei Kilo schwer. Das letzte Bild ließ sich der Vater über die Brust tätowieren, es war ein Geschenk von Freunden. "Ich trage ihn im und auf dem Herzen." Er schluckt Schlaftabletten und Beruhigungspillen. Die Therapie in der Dresdner Traumaklinik brach er von selbst ab. Eine Woche habe er ohne Behandlungsplan da gesessen und der Arzt, dem er seine Geschichte erzählte, ging tags darauf in Urlaub.

Selbst seine Psychotherapeutin weiß nicht mehr weiter mit Jens Beierlein. Er muss raus, arbeiten, sagt sie ihm. Aber wo arbeiten, wenn einen keiner will? Vor elf Jahren erkrankte der Fleischer an Krebs, wurde gesund und ist seitdem arbeitslos. Auch Marcus' Mutter habe die Familie damals verlassen.

Er bewirbt sich auf alles. Hausmeister, Hilfsarbeiter, Fleischer. "Die meisten sagen nicht mal ab." In Plauen könnte er eine berufliche Rehabilitation bei einem Bildungsträger machen. Er würde weiter Hartz IV bekommen und tagsüber lernen, wie man Fliesen legt. Obwohl er bettelt, wollen weder Hartz-Behörde noch Rentenversicherung die Reha bezahlen. Wegen seiner Kranken-Vorgeschichte fühlt sich keiner für ihn zuständig, belegen Briefe.

Der Unfall-Fahrer wurde indes für unschuldig erklärt. Während des Überholens war er mit dem Jungen zusammengestoßen. "Ich hätte mir gewünscht, dass er sich mal bei mir meldet", sagt der Vater. Für seinen Sohn blieb ein Hartz-IV-Begräbnis im Gemeinschaftsgrab.

 
erschienen am 07.08.2011 ( Von Manuela Müller )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
3
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  • 08.08.2011
    10:56 Uhr

    TomNbg: Traumata sind ein Grund von einer Umzugsaufforderung abzusehen, da hier eine der wenigen Ausnahmen vorliegt, die hierfür das SGB vorsieht. Hier ist ein Umzug nämlich nachweislich NICHT zumutbar. U.a. Prinzip des sicheren Ortes bei der Traumatherapie.

    Ein erzwungener Umzug erzeugt ein neues Trauma. Und Traumata haben die Unart sich gegenseitig zu verstärken.

    Das ist auch der Grund, warum ich nach dem fremdverursachten Tod meiner von mir gepflegten Mutter im Jahr 2006 noch immer in der alten Wohnung bin. Man versucht zwar immer wieder einen Umzug zu erzwingen, aber mein Körper reagiert dann jedes Mal so heftig psychosomatisch, dass schnell klar ist, dass es nicht geht. Und dann ist wieder für längere Zeit Ruhe.

    In dem Fall hätte man unbedingt mit der Begründung der Unzumutbarkeit eines Umzugs den Umzug verhindern müssen und normalerweise auch können.

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  • 08.08.2011
    09:58 Uhr

    crashy9708: Andere Länder, andere Sitten und doch ein Deutschland?

    Wohl kaum, wenn ich DAS lese!
    Richtig ist, dass es Regelungen für die Größe des Wohnraumes für Bedürftige gibt.
    Komisch finde ich aber, dass nur noch die Kaltmiete gezahlt wird, denn auch weitere Kosten für die Wohnung werden übernommen oder hat Plauen seine eigenen Hartz-IV-Bescheide gedruckt?
    Neuerdings werden ja alle Kosten für Unterkunft und Heizung in den Bedarf eingerechnet. Außerdem braucht sich Herr B. nicht wie ein Hund aus der Wohnung treiben lassen, denn für 500,- EURO bekommt man keinen vernünftigen Umzug. Er ist nicht verpflichtet, seinen Hausrat selbst zu verpacken und wenn es an diese Kosten für einen sicheren und auch versicherungs-rechtlich abgesicherten Umzug geht; dann sind 500,- EURO eh zu wenig - es sei denn die Firma beschäftigt 1-EURO-Jobber.
    ... und die Umzugskosten kann das Amt übernehmen, wenn es die Weisung erlassen hat!
    http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/keine-umzugskosten-spedition-bei-hartz-iv-4152.php
    Mir ist auch unverständlich, wenn ich letzteren Artikel unter http://www.freiepresse.de/LOKALES/VOGTLAND/PLAUEN/Buergerarbeit-weckt-Hoffnung-auf-Festanstellung-artikel7716029.php lese und gleichzeitig bekommt Herr B. keinen Job?
    Wenn es um Leistungskürzungen geht, dann werden die JC ganz schnell aktiv, wenn es aber um die Vermittlung geht, dann hat jeder MA eine ganz besonders lange Leitung - und das bundesweit und ohne Ausnahme! Wer von diesen Angestellten sägt schon gerne an dem Stuhl, auf dem er selber sitzt?

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  • 07.08.2011
    14:49 Uhr

    chefkoch62: oh menno!!!ganz ehrlich sowas soll und darf nicht passieren! in einem land wo es möglich ist das millionen und aber millionen einfach auf kosten des steuerzahlers verprasst werden.
    mir tut dieser mann nur noch leid.
    was ist los mit diesem system?ist es wirklich nötig wegen "peanuts"noch weitere wunden zu reissen?
    verdammt nochmal ich sage dazu nur:armes deutschland!!!!schäme dich!

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