Leserstimmen zur Rathausgestaltung

"Neubau als Fremdkörper"

Die vorgestellten drei Möglichkeiten der Fassadenumgestaltung Umbau, Nachbau oder Neubau verstärken mich in meiner Auffassung, dass nur ein Nachbau - mit modernen Mitteln - infrage kommen kann. Ein Umbau (Sanierung) der jetzigen Fassade wird nur eine teure Kosmetik. Die eigenwillige Fassade der tschechischen Freunde beziehungsweise Ingenieure ist Geschichte und steht bestimmt nicht unter Denkmalschutz. Die Plauener Bürger wurden nicht gefragt. Wir mussten sie erdulden, wir haben sie ertragen, aber erfreut hat sie uns nie. Doch als negatives Beispiel war sie immer gut. Ein Neubau wird auch wieder ein Fremdkörper im historischen Bestand bleiben. Allerdings hat der Architekt mehr und moderne Möglichkeiten, seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen. Er kann wieder mit viel Glas arbeiten, diesmal in senkrechter Form, er kann mit Beton, Ziegel, Putz, Naturstein, Holz oder Kunststoffen arbeiten. Er muss in die vorhandene Stahlkonstruktion eingreifen. Trotzdem ist ein Neubau an dieser Stelle nicht angebracht - es wird ein Umbau mit modernen Mitteln. Man kann es drehen und wenden wie man will, der Nachbau ist für mich prädestiniert. Es soll nicht nur das Prestigeobjekt des Oberbürgermeisters oder ein Denkmal des Architekten werden, das wird es sowieso, es soll doch auch das Renommee-Objekt für die Plauener Bürger, für die Stadt Plauen werden. Die Fassaden der Müller-Drogerie oder des neuen Landratsamtes durften und dürfen nicht angetastet werden. Das ist gut so. Jetzt ist die Möglichkeit vorhanden, die historische Fassade des Rathauses wieder herzustellen. Diese Möglichkeit sollte man unbedingt nutzen. Das "Neue Rathaus" muss wieder (s)ein Gesicht bekommen. Dass das Gebäude mit modernsten Mitteln gebaut wird, ist selbstverständlich.

Rolf Mende

 

"Sparsamkeitsprinzip gilt"

Wenn ich mir die Diskussionsbeiträge zu den gemachten Vorschlägen ansehe, könnte man glatt den Eindruck bekommen, wir würden in einer prosperierenden Großstadt zu wirtschaftlichen Hochzeiten leben. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Stadt verliert immer weiter an wirtschaftlicher Bedeutung, sie schrumpft sich der sechzigtausender Einwohnergrenze entgegen. Außerdem vergeht kein Tag, an dem uns nicht erzählt wird, dass wir über unsere Verhältnisse leben und gefälligst den Gürtel enger schnallen müssen. Von dem völlig unbeeindruckt tut man jetzt so, als hätte man volle Kassen und gibt sich dem Größenwahn hin - erst Hortenkaufhaus, jetzt Rathaus, das für die jetzige Stadt eh schon überdimensioniert ist. Das betriebswirtschaftliche Gebot lautet daher: Wenn kein Geld da ist, kann auch keines ausgegeben werden. Muss man doch welches ausgeben, dann nach dem Sparsamkeitsprinzip.

Thomas Thiele

"Brüche zeigen"

Alles hat seine Zeit und sein Gewicht. Wir leben nicht mehr im vergangenen Jahrhundert, und das Plauener Rathaus ist nicht die Dresdener Frauenkirche. Plauen ist eine Stadt, die mit Rückbau und Abriss Wohnungsleerstand und Häuserverfall begegnen muss. Das Dilemma beginnt bereits im Zentrum. Plauen braucht keine teuren historischen Nachbauten. Die Stadt braucht dringend neue Industrie, neues Leben, den Zuzug und die Rückkehr vieler (möglichst junger) Menschen. Ich wünsche mir deshalb, dass sich der Stadtrat für eine Variante des Um- oder Neubaus entscheidet, die mit angemessenen finanziellen Mitteln realisiert werden kann. Ich bin mir sicher, Architekten verstehen es, Brüche zu zeigen und dennoch gewichtiges Altes und transparentes Neues mit gestalterischen Mitteln in spannende Beziehungen zu bringen.

Ingrid Hartmann

 

"Glaskuppel-Idee gut"

Es sollte ein weitgehender Nachbau realisiert werden. Weitgehend deshalb, da die Raumaufteilung und die Lichtverhältnisse den heutigen Erfordernissen entsprechen sollten. Von den Architekten wird der "Zeitgeist" der Architektur, wie er auch in der Bildenden Kunst besteht, in der Diskussion betont. Man möchte also eine moderne Architektur in die erhalten gebliebene Eingangsfront integrieren. Wenn man die Fotos vom Urzustand mit der jetzigen Glasfassade vergleicht und dazu die optisch ansprechende umgebende Bebauung im Blick hat, kann es nach meinem Dafürhalten nur den Nachbau als optimale Lösung geben. Was die Belichtung der Räume angeht, schließe ich mich der Meinung des Lesers Ulrich Riedel (Glaskuppel) an. Was die Finanzierung betrifft, sollte den Plauener Bürgern ein oberer einstelliger Millionenbetrag die Verschönerung ihrer Innenstadt wert sein.

Frank Grünert

 

"Derzeit lacht Deutschland"

Ich bin der Meinung, dass das Rathaus in seiner historischen Form wieder gebaut werden sollte. Über den jetzigen Bau lacht Deutschland. Wer weiß, was ein Neubau für ein Lacher wird. In vielen deutschen Städten gibt es wunderschöne Rathäuser, die auch das Stadtbild prägen.

Werner Hartmann

 

"Gesichtsverlust stoppen"

Aus meiner Sicht kommt nur ein Nachbau des Rathauses in der Ansicht von 1922 infrage. Allerdings bezieht sich dieser Vorschlag nur auf die möglichst identisch zu gestaltende Hülle. Beim Ausbau des Inneren sollte das Funktionale sowie aus jeglicher technischer Sicht Moderne und Sinnvolle im Vordergrund stehen. Begründung: Plauen befindet sich auf dem Weg der Entwicklung von einer Vogtland-Metropole zu einer gesichtslosen sächsischen Allerwelts-Kleinstadt. Es droht der Verlust von Identität und Alleinstellungsmerkmalen. (Die Gardinen sind bereits verschwunden, die Spitzen führen nur noch ein Schattendasein.) Das Gesicht Plauens wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Aber weder zu sozialistischen Zeiten noch nach 1990 ist es den Verantwortlichen gelungen, mit dem gleichen Engagement wie dem der Stadtväter und Vermögenden zur Zeit der Jahrhundertwende etwas Unverwechselbares wiedererstehen zu lassen. Während sich andere Städte auf ihre historischen Wurzeln besannen, passierte diesbezüglich in Plauen nicht viel. Das Schlossareal blieb ruinenhaft, auf Flächen wie dem ehemaligen zweiten Plauener Einkaufszentrum, dem Neustadtplatz, oder auf dem Topfmarkt wächst Unkraut beziehungsweise es wird geparkt. Die beiden Marktplätze werden nach wie vor von einzelnen verfallenden Häusern umrandet. Jede Gestaltung der Front des Haupteingangs des Rathauses wird, falls man sich nicht für einen Nachbau entscheiden sollte, ein weiterer Schritt in die zunehmende Gesichts- und Bedeutungslosigkeit Plauens sein.

Rainer Grämer

 
erschienen am 19.01.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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