Ein Volltreffer zerstörte in den letzten Kriegstagen die Eingangsseite des Rathauses vollständig. 
Ein Volltreffer zerstörte in den letzten Kriegstagen die Eingangsseite des Rathauses vollständig.

Foto: Archiv Stadtverwaltung

Umbau, Neubau oder Nachbau?

Leserstimmen zur Diskussion um das Rathaus

Plauens erste Adresse soll neu gestaltet werden. Die Bürger sind deshalb zur Diskussion aufgerufen. Nach der Veröffentlichung des Aufrufs in der Samstagsausgabe der "Freien Presse" haben sich bereits viele Leser beteiligt.

"Auch alten Ratssaal wiedererrichten"

Ich war bei der Präsentation der Gestaltungsvorschläge von Architekt Silvio Lux im Ratssaal anwesend und von seinen Vorschlägen und der Betrachtung sehr begeistert. Eigentlich bin ich persönlich für die Grundrichtung Nachbau, um die alte Dachlandschaft und die Repräsentation des Gebäudes im Stadtbild wieder herzustellen. Diese Vorstellung umfasst auch die Wiederherstellung des alten Ratssaales und des Eingangsbereiches. Plauen hat durch die Spitzenindustrie eine lange Tradition, für die sich vor allem Touristen interessieren. Die vielen Führungen, die wir zur Stadtgeschichte machen, bestätigen immer wieder, dass die Touristen (auch viele Schülergruppen) sich speziell für das historische Plauen interessieren. Aus diesem Grund war mir die Wiederherstellung der historischen Variante wichtig. Die Argumente, die von Silvio Lux aufgeführt wurden, lassen aber auch andere Denkrichtungen zu, die vielleicht besser dem Zeitgeist entsprechen und auch immer ein Zeitzeugnis der Zerstörung geben werden. In diesem Sinne vertraue ich ganz auf die Entscheidungsvariante des Stadtrates, der in einem demokratischen Prozess die Bürgermeinung mit einbinden will. Was allerdings die Entscheidungsfindung nicht primär beeinflussen sollte, das sind die Finanzen. Denn wenn jetzt neu über die Fassadengestaltung befunden wird, sollte das eine repräsentative Variante werden, die auch in 100 Jahren noch Bestand hat.

Margitta Schier

 

"Modern ja, aber geschickt angepasst"

Anfang des 20. Jahrhunderts bekam Plauen ein stattliches neues Rathaus. Es wurde mit dem historischen Bau meisterhaft verbunden: auf der Herrenstraße durch Zurücksetzen des Neubaus und auf der Rathausstraße durch zwei Anpassungsgebäude. Diese Grundidee wünschte ich mir auch für die Gestaltung des Eingangs: modern ja, aber architektonisch geschickt an den Baukörper angepasst.

Günter Böhm

 

"Bestehende Fassade sanieren"

Ich bin für eine Sanierung der schon lange desolaten Fassade über dem Haupteingang. Mein Vorschlag an den Stadtrat: Die verschlissene und unansehnliche Glasfassade entfernen und durch eine neue ersetzen. Mit heutigen Materialien und zeitgemäßer Architektur lässt sich der Haupteingang des Rathauses erheblich aufwerten und die Energiebilanz verbessern. Meiner Ansicht nach ist eine Glasfassade kein Widerspruch zum baulichen Umfeld. Beginnend bei der Glas-Stahl-Konstruktion der Straßenbahnhaltestelle am Tunnel über die Stadt-Galerie, das Kaufhaus Wöhrl, den Bau ehemals Bäckerei Börner neben dem Nonnenturm bis hoch zur Fassade des Reisebüros Otto haben wir moderne Glaskonstruktionen, mit denen die Fassade des Rathauses korrespondiert. Eine Beschränkung auf nur die Fassade wäre die billigste aller Varianten und der heutigen Kassenlage angemessen. Sie würde dem Denken der Planer der 1970er Jahre entsprechen - vom Altmarkt her Mittelalter, dann Neuzeit und am Haupteingang Gegenwart. Im Inneren sollte man alles belassen und in späteren, besseren Zeiten herangehen und verändern. Schließlich werden keine neuen Räume benötigt, wie der OB zum Ausdruck brachte.

Eckhard Wacker


Das Rathaus nach seiner Einweihung 1922.
Das Rathaus nach seiner Einweihung 1922.

Foto: Archiv Stadtverwaltung

"Alt und modern verknüpfen"

Als Vorstandsmitglied des Fördervereins des Vogtlandmuseums ist man geneigt, der Historie das Wort zu reden. Jedoch bin ich auch der Meinung in einer Zeit der knappen Kassen der Kommunen eine Variante zu wählen, die eine optisch vernünftige Verknüpfung der alten Bausubstanz mit moderner Architektur auch den Plauener Bürgern gerecht werden sollte. Auf keinen Fall darf durch eine integrierte Glasfassade der Eindruck eines "Gewächshauses" entstehen. Die schräge Variante hat sich als unvorteilhaft herausgestellt.

Wolfgang Ernst

 

"Offene Bauweise zerstört Gesamtbild"

Unser Favorit ist die Grundrichtung Nachbau, weil das für uns eine wohltuende harmonische Einheit bildet. Neue Baulichkeit und offene Bauweise zerstören für unser Verständnis das Gesamtbild und symbolisieren für uns in diesem Falle keine Einheit, keine Einigkeit.

Christine und Bernd Merkel

 

"Neue Front als Bau des 21. Jahrhunderts"

Die Rekonstruktion des Rathauses und die Diskussion von Grundrichtungen für den Ersatzneubau der Frontseite werden von mir sehr begrüßt, denn zu einer schönen Stadt Plauen gehört auch ein attraktives Rathaus. Das Neue Rathaus wurde für eine Stadt von 120.000 Einwohnern errichtet. Daher teile ich die Meinung vieler Fachleute, der Funktion der Frontseite grundsätzliche Bedeutung beizumessen. Altes Rathaus aus dem 16. Jahrhundert und Neues Rathaus, errichtet Anfang des 20. Jahrhunderts, bilden eine Symbiose. Daher könnte ich mir die neue Frontseite als Baulichkeit des 21. Jahrhunderts mit dem Plenarsaal als Funktion und als Bindeglied zwischen den beiden Flügeln des Neuen Rathauses vorstellen. Dies würde vielleicht auch eine ökonomisch vertretbare Lösung sein.

Lothar Nagler

 

"Was heute hipp ist, ist morgen hässlich"

Ich bin pro Wiederherstellung der historischen Fassade von vor 1945. Man macht es sich zu einfach, das ehemalige Plauener Rathaus einfach als wilhelminischen, neoklassizistischen Kasten, der einer Wiederherstellung nicht würdig wäre, einzustufen. Das fände ich schade. Es käme der Herangehensweise der DDR-Ideologie nahe. Mit solchen Gebäuden oder auch der Industriearchitektur dieser Epoche müssen wir Sachsen uns identifizieren. Innerhalb Sachsens sehe ich unser Rathaus in einem Konsens in einer Reihe der sächsischen Rathausneubauten der späten Kaiserzeit zusammen mit Dresden, Leipzig, Chemnitz und vielen kleineren Städten wie Werdau oder Falkenstein. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir auch dieses Niveau erreichen würden, in dem wir unser Rathaus wieder mit seiner beeindruckenden Pracht, die es aber im vollem Umfange nur mit der Wiederherstellung der zerstörten Teile erreicht, aufwerten. Das hätte Plauen verdient, hatte es doch im letzten Krieg zu viel verloren. Mit Varianten, die es Architekten ermöglichen sich zu verwirklichen, indem ihre eigenen Ideen realisiert werden, wird es wieder nur ein neues Kapitel des Herumexperimentierens geben. Ein Hauptargument ist zudem der stetige Wandel der Baumode. Was heute hipp ist, finden Generationen nach uns einfach nur hässlich. Die historische Fassade wird sicher langfristig gesehen die bessere Wahl sein. Das Gebäude wirkt wieder wie aus einem Guss und nicht wie ein Sammelsurium verschiedener Baustile.

Andreas Hiltscher


Bauarbeiten für die Neugestaltung Anfang der 1970er Jahre.
Bauarbeiten für die Neugestaltung Anfang der 1970er Jahre.

Foto: Archiv Stadtverwaltung

"Pro Neubau, Debatte nach Wettbewerb"

Schwarz-Weiß-Malerei ist fehl am Platze, besonders beim erstmaligen konkreten Erfassen der Problematik. Hier geht es ums Äußere, das Innere obliegt den Experten. Es bietet sich der Mittelweg an, modern entsprechend dem Zeitgeist - der Zeit nach der Wende mit ihrer pluralistischen Varianz der Meinungen: Grundrichtung Neubau, der ebenso öffentlich nach Architektenausschreibung diskutiert werden sollte.

Hans-Joachim Kreisig

 

"Für Bürgerbefragung mit Stimmzettel"

Zu dem erforderlichen Umbau der Fassade des Rathauses bitte ich um eine Bürgerbefragung mit Stimmzettel im Bürgerbüro. Für mich als Plauener kommt nur die originalgetreue Fassade von vor 1945 infrage. Man sollte nicht wieder den Fehler der Vorgänger wiederholen. In Plauen gibt es einige Beispiele, wo alte Fassaden erhalten beziehungsweise wiederhergestellt wurden. Das Rathaus sollte doch ein Schmuckstück bleiben. Es gibt Zeitzeugen, die wissen, dass die abgetragenen Fassadenteile vom alten Rathaus im Neundorfer Steinbruch lagern.

Siegfried Dreise

 

"Acht Stunden beobachtet werden?"

Es ist notwendig und zeitgemäß, das Hauptportal des Rathauses neu zu gestalten. Dabei müssen Altes und Neues harmonieren und den Anforderungen kommunaler Bedürfnisse gerecht werden. Herr Lux sprach in seinen Ausführungen wiederholt von Transparenz und Offenheit des Gebäudes und der entstehenden Arbeitsräume. In Bezug auf das Gebäudes als solches teile ich die Meinung des Architekten, jedoch nicht auf die offene Gestaltung der Arbeitsräume. Was steckt hinter dem Gedanken: offen und transparent - durchsichtig? Wo beginnt Arbeitsschutz, und wo hört er auf? Es ist wichtig, für Angestellte auch Schutzräume zu schaffen. Wer möchte denn acht Stunden ständig auf die Finger geschaut bekommen und beobachtet werden? Aus beruflicher Erfahrung stelle ich fest, dass der Anstieg von psychischen Erkrankungen auch eine Entwicklung des ständig wachsenden Druckes ist.

Thilo Grimm

 
erschienen am 09.01.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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