Im ersten Lebensjahr suchen sich Dohlen einen Partner, mit dem sie lebenslang zusammenbleiben.  
Im ersten Lebensjahr suchen sich Dohlen einen Partner, mit dem sie lebenslang zusammenbleiben.

Foto: Nabu/Archiv

Vogel des Jahres 2012: Ordnungsliebe bekommt der Dohle nicht

Dohle galt früher als Bote der Finsternis - Heute ist sie bedroht - Sie findet kaum noch Nistplätze

Hohenstein-Ernstthal. Der Vogel des Jahres 2012 - die Dohle - droht in Westsachsen zu verschwinden. Um Hohenstein-Ernstthal und Umgebung macht der Rabenvogel schon lange ganz einen Bogen. Bis in die 1980er- Jahre war die Dohle häufig in deutschen Städten anzutreffen. "Die größten Bestände im Landkreis gab es in Zwickau und Limbach-Oberfrohna", erklärt Jens Hering von der Naturschutzbehörde im Landratsamt. Als sogenannter Gebäudebrüter sucht sich die Dohle Mauerlöcher oder Dachkästen an Kirchen, alten Fabriken oder auch Wohnhäusern um ihr Nest zu bauen. Doch in den vergangenen Jahren haben die Ornithologen stark rückläufige Bestände festgestellt. So gab es noch in den 1990er-Jahren 125 Brutpaare in Limbach-Oberfrohna. Heute sind es noch 39.

Dass die Städte immer schöner werden, mit weniger Ruinen und dafür mehr blank sanierten Häuserfassaden, gefällt zwar dem Mensch, doch nicht der Dohle. "Wenn ein Haus saniert wird, kommt die Dohle nach dem Winter zurück und findet ihren Brutplatz nicht mehr", sagt Hering. Darum verpflichtet das Bundesnaturschutzgesetz Hausbesitzer mit Dohlen-Untermieter dazu, nach einer Sanierung Nistkästen anzubringen, damit der Vogel wieder einziehen kann. "Manche betrachten Dohlen an ihrem Haus als Glücksbringer, andere bringen das nur mit Lärm und Schmutz in Verbindung." Einladen ließe sich die Dohle aber nur sehr schlecht. Da der Vogel seinem Brutplatz lange treu bleibt, "macht es nur Sinn, Nistkästen aufzuhängen, wo schon Dohlen sind."

Aber nicht nur die vielen Sanierungen tragen Schuld am Verschwinden der Dohle. Auch unter dem menschlichen Ordnungssinn auf Feldern und Grünflächen leidet sie. "Die Dohle ist ein ganz großer Verlierer", sagt Hering. Normalerweise fliegt sie auf Grünflächen um Würmer, Schnecken oder Insekten zu picken. Aber durch die intensive Landwirtschaft gehe der Artenreichtum der Bodenfauna massiv zurück. Auch der Einsatz von Insektiziden oder Laubsaugern in Städten vertreibe die Nahrung des schwarzen Vogels. "Dadurch sind die Jungen unterernährt", erklärt Hering. Außerdem lägen anstelle von vier bis sechs nur noch ein bis zwei Eier im Nest.

Traurig macht Hering, dass in vielen Köpfen noch alte Vorurteile aus dem Mittelalter herrschen. Die Dohle galt als Unglücksbringer und Bote der Finsternis, weil ihre Nester Schornsteine verstopften, was unglückliche Folgen hatte. Dabei sei die Dohle eine der intelligentesten heimischen Vogelarten. "Es wurde bereits beobachtet, dass die Vögel Walnüsse bei rot an Ampeln legen und die bei grün anfahrenden Autos als Nussknacker nutzen", berichtet Hering. Gerade in den Wintermonaten sind hierzulande riesige Trupps von schwarzen Vögeln zu beobachten. "Daraus schließen die Menschen, dass es viele von ihnen gibt", sagt Hering. In so einem Trupp von bis zu 1000 Vögeln seien aber maximal 200 Dohlen, der Rest seien Saatkrähen. "Außerdem sind das Vögel, die hier überwintern aber weit im Osten brüten. Das sind nicht unsere Bestände." Normalerweise verbringen die hiesigen Vögel ihrerseits den Winter weiter westlich - mit Ausnahme der sächsischen Dohlen.

"Unsere Dohlen sind in der Regel Standvögel, das heißt, sie sind das ganze Jahr über am Brutplatz anzutreffen", erklärt Dieter Kronbach, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Beringungszentrale Hiddensee aus Limbach-Oberfrohna. Die Vögel schlafen nach der Brutzeit und im Winter zusammen mit anderen Krähenvögeln in sogenannten Schlafgesellschaften in Parkanlagen. "Ab März sind sie dann ständig am Brutplatz." Der Vogelkundler setzte sich zum Beispiel dafür ein, dass in dem Turm auf dem Dach des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Nistkästen angebracht wurden. "Vor der Sanierung gab es hier 30 Paare, heute sind es noch fünf", erklärt Kronbach und blickt etwas besorgt zu den Vögeln, die dort oben in der Sonne sitzen.

 
erschienen am 12.02.2012 ( von Jana Peters )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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