Schade um die Blüten: Bis Donnerstag musste Friedhelm Irlbeck seine Haselnuss zurückschneiden, sonst hätte der Verpächter einen Hausmeisterservice damit beauftragt. Gleich daneben steht das Bienenhaus.
Foto: Thomas Michel
Vermieter verdirbt Crimmitschauer Bienen den Speiseplan
Imker soll Hasel zurückschneiden - Frühblüher gilt als einer der ersten Futterlieferanten
Crimmitschau. Jahrzehnte standen sie da, neben dem Bienenhaus in Friedhelm Irlbecks Garten in Crimmitschau: Haselnusssträucher. Einst gepflanzt, damit die Bienen nicht direkt ins Nachbargrundstück fliegen, sondern zu den blühenden Zweigen. Doch nun hat der Imker die Sträucher zurückschneiden müssen, und das mitten in der Blüte. "Dabei liefert die Hasel mit das erste Futter für Bienen", sagt er. Seine 20 Bienenvölker leben zwar am Sahnpark, doch die Crimmitschauerin Saskia Rector hat drei ihrer Völker im Bienenhaus untergebracht. "Sehr schade", findet die 36-Jährige die Anordnung, denn Bienen fänden eh zu wenig Futter.
Angeordnet hatte den Rückschnitt die Crimmitschauer Wohnungsgesellschaft (CWG), die das Grundstück verpachtet. Nachbarn hätten sich über zu wenig Licht im eigenen Garten beklagt. "Wir wollen keinen Kahlschlag", sagt Mitarbeiterin Katrin Prager. Aber für Gartenanlagen gelten Vorschriften, müssen Bäume und Sträucher regelmäßig gestutzt werden. Bei einer Begehung 2012 habe Friedhelm Irlbeck zugestimmt.
Womit er aber nicht gerechnet hat, war die Frist, die ihm plötzlich gesetzt wurde, sagt er. Ende Januar kam ein Brief von der CWG. Inhalt: Schneide er die Haselnusssträucher nicht bis 28. Februar zurück, werde das eine Hausmeisterfirma erledigen - auf Irlbecks Kosten. "So kann man doch nicht mit Leuten umgehen", sagt er. Dennoch hat er sich an die Frist gehalten, bis auf wenige Zweige die Haselnuss abgesägt. Die schlägt wieder aus, sagt er. Aber da haben die Bienen jetzt nichts davon. Und der Ärger hat auch kein Ende gefunden: Auf dem Gelände stehen noch Nadelbäume, die laut CWG gekürzt werden müssen.
Katrin Prager nennt es Wildnis, Irlbeck eine Oase. Seit den 1970er- Jahren ist er Pächter, hat Obstwiese und Gemüsegarten angelegt, Molche im Teich, im Baum eine Schaukel. "Ich war immer naturverbunden, aber durch die Bienen nimmt man die Natur intensiver wahr." Saskia Rector bestätigt: "Imker sehen die Natur anders." Gemähte Straßenränder bedeuten für manche Ordnung, für sie aber weniger Pflanzen, die Bienen anfliegen könnten.
"Wollen wir eine glattgebügelte oder strukturierte Landschaft?", umfasst Ronald Peuschel von der Grünen Liga Westsachsen das Grundproblem. Seit 2010 gilt das Gesetz zur Vereinfachung des Landesumweltrechts. Zwar ist noch Schutzzeit ab 1. März, aber viele Bäume dürfen seither ohne Antrag gefällt werden. "Das Abschneiden von Büschen und Bäumen ist durch die Aufweichung außer Kontrolle geraten, was wir sehr kritisch sehen", sagt er.
Friedhelm Irlbeck indes hofft, dass der Streit nun ein Ende hat. "Man lebt nur einmal, da sollte man die Sonnenstunden genießen."
Die Westliche Honigbiene ist nicht nur das kleinste, sondern laut Deutschem Imkerbund auch das drittwichtigste Nutztier hinter Rind und Schwein. Rund 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen seien auf die Bestäubung angewiesen. Pro Tag besuche eine Biene bis zu 3000 Blüten.
Im Jahr 2011 besaßen die etwa 3500 Imker im Freistaat Sachsen 34.170 Bienenvölker, die 1192 Tonnen Honig erzeugten, berichtet das sächsische Landwirtschaftsamt. Pro Volk wurden 34,9 Kilogramm Honig geerntet.
Um über den Winter zu kommen, müssen die Bienen im Herbst gefüttert werden, etwa mit Zuckerwasser. Dann bilden sie eine Traube, um im Inneren die Temperatur hoch (bei etwa 20 Grad Celsius) und die Königin am Leben zu erhalten. Sobald die Außen-Temperatur etwa 10 Grad Celsius erreicht und die Sonne scheint, kommen die Bienen für erste Reinigungsflüge raus. Sind Pollen verfügbar, beginnt der Brutbetrieb.
Durch Mono-Kulturen finden die Bienen laut Imkerbund vor allem im Spätsommer zu wenig Futter. Er empfiehlt Garten- und Balkonbesitzern die Anpflanzung von Bienenweide, also nektar- und pollenreichen Pflanzen. www.deutscherimkerbund.de


14:45 Uhr
wuehlmaus: Wegen der fleißigen Bienchen ist es doch auch verpönt, Maikätzchen zu pflücken. Warum gibt es keine ähnliche Regelung für andere frühblühende Bäume?
Und wenn die Hasel blüht, hat sie doch noch längst keine Blätter, die Schatten verbreiten.
Die Bienen haben es wegen zuviel Chemie auf Feldern eh immer schwerer. Bei vielen Imkern sind letzten Winter ganze Völker eingegangen. Hoffentlich hatte Einstein nicht recht mit seiner Prognose, nach dem Aussterben der Bienen hätte der Mensch noch vier Jahre...
17:59 Uhr
LKirchner: Ein derartiges Vorgehen von Grundtsücksbesitzern und Verpächtern ist kein Einzelfall. In den vergangeen Wintern und insbesondere in der letzten Fällperiode hat sich auch Freiberg deutlich gelichtet. Wie Herr Peuschel von der Grünen Liga es treffend formuliert: "[...] außer Kontrolle geraten [...]"
Dieser Fehlentwicklung liegen überzogene Sicherheitsbedenken, mangelnde Wertschätzung gegenüber über unseren Mitgeschöpfen, das fehlende Wissen über die Ursachen des lebensunfreundlichen Stadtklimas sowie das mangelnde Verantwortungsbewusstsein für das Gesamterscheinungsbild einer Siedlung bzw. Stadt zugrunde. Oft spielen Wohnungsgesellschaften hierbei keine rühmliche Rolle... So auch in Freiberg.
In Hinblick auf die schwarz-gelbe Regierungskoalition könnte man zynisch gesagt: Es ist doch Volkes Wille.
Doch sie wissen nicht was sie tuen...