Das "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Im August 1992 wurde der Elfgeschosser, in dem zu dieser Zeit Asylbewerber untergebracht waren, drei Tage lang zum Schauplatz massiver fremdenfeindlicher Ausschreitungen.
Foto: Soeren Klement/dapd
Ermittlungen um Neonazi-Trio befeuern Debatte über Rechtsextremismus im Osten
Welche Rolle spielt die DDR? Eine Spurensuche
Chemnitz. Zwickau, Chemnitz, Jena. Hier fand der Terror Unterschlupf und Unterstützung. Ist der Rechtsextremismus im Osten ein anderer als im Westen? Johannes Staemmler ist in Dresden geboren. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich mit bürgerschaftlichem Engagement und dem Umgang der jungen, ostdeutschen Generation mit der DDR-Vergangenheit. Ulrike Nimz sprach mit ihm über Fremdenangst und eine wehrhafte Zivilgesellschaft.
Freie Presse: Herr Staemmler, ist der Rechtsextremismus ein ostdeutsches Problem?
Johannes Staemmler: Rechtsextremismus ist immer ein Problem, egal wo. Die Darstellung als "typisches Ostproblem" finde ich falsch. Einfalt ist nicht ortsgebunden. Die Medien neigen zu einer skandalisierenden Berichterstattung. Es wird zwar oft über Gewalttaten berichtet, aber nicht über den gesellschaftlichen Kontext, aus dem diese entstehen.
Freie Presse: Manche Experten behaupten, dass Rechtsextremismus im Osten eher historische Ursachen als soziale Gründe hat. Ist der Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern Produkt autoritärer Strukturen in der DDR?
Johannes Staemmler: Die Suche nach den Gründen für die Vorfälle ist immens wichtig, monokausale Erklärungen reichen aber nicht aus. Rechtsextremismus entsteht aus einem gesellschaftlichen Klima heraus, das von vielen Faktoren beeinflusst wird. Dazu gehört der ökonomische Niedergang nach 1989. Aber auch die Tatsache, dass es so etwas wie Nazis in der DDR offiziell nicht geben durfte.
Freie Presse: Sie meinen, dass keine tiefe Auseinandersetzung mit neonazistischen Tendenzen erfolgte. Wer negativ auffiel, war "Rowdy".
Johannes Staemmler: Genau das. Wer wiederum die Ursachen für Rechtsextremismus allein in der DDR sucht, bewegt sich auf einem schmalen Grat. Wir müssen differenzierter denken, wenn wir ein so komplexes Thema verstehen und behandeln wollen.
Freie Presse: Die Terroristen, die in Zwickau wohnten, wurden in den Wirren nach dem Mauerfall erwachsen. Viele Kinder und Jugendliche erlebten damals, wie ihre Heimat zur "Verliererregion" wurde. Welche Rolle spielen negative Nachwendeerfahrungen?
Johannes Staemmler: Die sind Teil des Puzzles. Aus unseren Treffen mit Vertretern der "Dritten Generation Ostdeutschland" wissen wir, dass uns Wendekinder die Erfahrung einer gewissen Orientierungslosigkeit eint, mit der manche nach der Wende besser umgehen konnten als andere. Ich glaube, dass man mit Blick auf bestimmte Regionen sogar von einer geteilten, tief sitzenden Enttäuschung sprechen kann. Nun werden nicht alle, die enttäuscht sind, zu Nazis. Aber wenn das Versprechen, dass hier und heute etwas Neues beginnt, nur von Arbeits- und Perspektivlosigkeit begleitet wird, kann das prägend sein. Besonders für Leute, die in dieser Zeit ihre Pubertät durchlebten. Wenn dann auch noch die Möglichkeiten, seinem Frust kreativ Ausdruck zu verleihen, nicht gegeben sind, ist der Schritt zu extremen Ansichten über die Welt naheliegend.
Freie Presse: Diese extremen Ansichten haben sich in der Zeit nach der Wende in Rostock und Hoyerswerda durch pogromähnliche Ausschreitungen gezeigt.
Johannes Staemmler: Die Ereignisse Anfang der Neunziger werden immer herausstechen, wenn es um das Thema "Ostdeutschland und Rechtsextremismus" geht. Was dort passiert ist, ist verachtenswert. Wenn ich an dieser Stelle nochmals von Verunsicherung in der Nachwendezeit spreche, meine ich das nicht verharmlosend. Aber die Erkenntnis, dass wir nicht mehr allein in einem Land sind, sondern auf dem Weg in eine fragmentierte Gesellschaft mit durchlässigen Außengrenzen, mag für manche Menschen noch immer bedrohlich wirken. Die geringe Erfahrung mit ausländischen Mitmenschen im Osten ist überhaupt ein wichtiger Faktor. In Sachsen, wo die NPD mit vielen Stimmen in den Landtag einzog, gibt es nur rund zwei Prozent Migranten. Rassismus ist eine Haltung, die durch Angst vor dem Fremden entsteht, nicht durch Erfahrungen. Diese Angst kann immer dort geschürt werden, wo sie nicht durch positive Erlebnisse mit anderen Kulturen abgebaut wird.
Freie Presse: Gerade die ländlichen Regionen Ostdeutschlands haben den Ruf, dass sich rechtsextreme Netzwerke dort teils ungestört entwickeln können. Gedeiht braunes Gedankengut in der Provinz tatsächlich besonders gut?
Johannes Staemmler: Die Orte, die durch die Medien regelmäßig als "Neonazi-Hochburgen" enttarnt werden, haben eines gemeinsam: Sie sind oft weiße Flecken auf der Landkarte. Schwache Kirchen, keine Gewerkschaften, wenige Vereine. Auch die demokratischen Parteien haben nie ernsthaft versucht, dort Fuß zu fassen. Irgendwann fragt dann niemand mehr nach der Gesinnung des Fußballtrainers. Man ist froh, dass er da ist.
Freie Presse: Was sagen Sie den Menschen, die behaupten, der Osten habe Nachholbedarf in Sachen Demokratie?
Johannes Staemmler: Zugespitzt könnte man sagen, dass die ehemaligen DDR-Bürger von ihrem Recht Gebrauch machen, sich nicht zu engagieren. Damals mussten sie, heute lassen es viele. Ich könnte jetzt die üblichen Forderungen aufstellen, dass sich Parteien und Privatleute bewegen müssen. Ich glaube aber, dass die Menschen wissen, dass sie sich mit ihrer Stadt oder Gemeinde auseinandersetzen müssen, um Teil einer kritikfähigen Gesellschaft zu werden, in der andersartige Meinungen nicht als Störung empfunden werden. Wenn sie sich nicht aus moralischer Überzeugung artikulieren, dann wenigstens aus Interesse am Ruf ihrer Heimat.
Freie Presse: Sprechen Sie aus Erfahrung?
Johannes Staemmler: Ja und nein. Ich komme aus Dresden und weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Teil der Bevölkerung nur seine Ruhe haben will. Und ich kenne die Angst, Nazis zu begegnen. Dennoch: Mir ist nie etwas passiert. Entsprechend kann ich manchmal kaum sagen, ob die Angst begründet war oder lediglich gut kommuniziert.
Freie Presse: Die politische Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Mordserie ist von Abwehrreflexen geprägt. Was denken Sie, wenn Sie hören: In unserer Stadt gibt es das nicht?
Johannes Staemmler: Leugnen ist kein praktikabler Ansatz. Ich kann mich noch an die Stimmen erinnern, die vor jeder Demo in Dresden gesagt haben: Wenn niemand gegen die Nazis demonstrieren würde, würde die niemand bemerken. Zu glauben, dass sich das Problem von alleine löst, ist grundfalsch. Das ist die Aussage einer nicht wehrhaften Zivilgesellschaft - einer Gesellschaft, die nicht gelernt hat, im Konflikt eigene Ansichten zu entwickeln und zu vertreten.
Freie Presse: "Die Dritte Generation Ost" hat sich der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit aus neuen Blickwinkeln verschrieben. Wird Rechtsextremismus künftig eine größere Rolle spielen?
Johannes Staemmler: Bisher hat er das nicht. Wir wissen aber, dass die Problematik auch etwas mit uns zu tun hat. Viele Vertreter unserer Generation haben ihre Heimatorte wegen Ausbildung oder Job verlassen. Viele haben Träume entwickelt, die sich in der ostdeutschen Provinz nur schwer umsetzen lassen. Durch unser Fortgehen haben wir solche Strukturen, wie eben beschrieben, begünstigt. Ich habe zwar Gesicht gezeigt gegen Rechts, aber im Grunde bin ich jetzt nicht mehr vor Ort. Ich denke oft: Was, wenn mein Weggehen Freiräume zurückgelassen hat, die andere nur zu gern füllen?
Freie Presse: Sie leben derzeit in Berlin. Ist die Rückkehr nach Sachsen keine Option?
Johannes Staemmler: Die ist schwer vorstellbar. Dazu ist die Welt zu spannend. Aber dagegen, dass die eigene Heimat wiederholt negativ wahrgenommen wird, kann ich auch aus der Ferne etwas tun. So wollen wir die Botschaft der "Dritten Generation Ostdeutschland" verstanden wissen: Auch wir sind Kinder der Wende, und wir sind keine Nazis geworden.
10:26 Uhr
djanke: Es geht hier nicht um eine Attacke auf die Wendeverlierer oder eine Anprangerung der eigenen braunen Eltern. Es geht um Verstehen und die Auseinandersetzung der 3.ten Generation junger Ostdeutscher, die ihre Kindheit in der DDR verbracht haben und sich nun im westlichen System zurechtfinden müssen und durch strauchelnde Eltern keine Unterstützung erfahren konnten. Im Rahmen der Rechtsextremismusdebatte um das Terrortrio aus Thüringen sind mehrere Artikel aufgetaucht, die einfach mal pauschal alle jungen Ostdeutschen zu Rechtsextremisten verurteilt haben. Dagegen wehrt sich Herr Staemmler als Vertreter einer großen Zahl junger Ostdeutscher, die nicht rechtsextrem geworden sind, trotz aller schwierigen Umstände nach der Wende. Er führt diesbezüglich seine eigene quasi Mitschuld auf, weil er ja selber weggegangen ist und eben Freiräume geschaffen hat, die durch rechte Jugendgruppen besetzt werden konnten, weil andere alternativ Angebote für Jugendliche fehlten. Statt linke oder alternative Jugendgruppen aufzubauen, sind die meisten einfach weggegangen, statt zu bleiben, die Rechten sind geblieben oder kamen erst dazu und breiteten sich immer mehr aus. Sie sollten vielleicht mal ein bisschen mitdenken, bevor sie sich hier angegriffen fühlen und uns junge Ostdeutsche verdammen, weil wir angeblich keine Ahnung haben. Wir haben genauso ein Recht uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen wie sie und das lassen wir uns nicht nehmen, auch wenn sie der Meinung sind, dass wir nur kleine Wesen sind, die absolut unwichtig unser Leben leben dürfen. Unser Anliegen ist es auch vielmehr eine neue Ausrichtung in die Debatte zu bringen und das pauschale Bild des rechten Ostens zu revidieren, wir Jungen sind nicht alle rechts. Was machen sie denn, damit im Osten nicht alle rechts sind, sich aufregen. Meinen sie, dass das reicht? Da ist eine öffentliche Debatte schon besser und dazu hat Herr Staemmler mit seinem Interview sehr gut beigetragen.
13:48 Uhr
Matthias1: Was für eine gigantische Selbstüberschätzung:
Da geht ein Abiturient nach Westberlin, um dort zu studieren. Aber er meint ernsthaft, er sei so unglaublich wichtig, so unersetzbar, dass er sagt: "Ich denke oft: Was, wenn mein Weggehen Freiräume zurückgelassen hat, die andere nur zu gern füllen?"
Kaum ein wirklich wichtiger Politiker aus dem Osten würde derart überheblich über die eigene Rolle sprechen, würde sich für so prägend halten, wie dieser Junge, der kurz nach Beendigung der Schule aus Dresden wegging. Dass Größenwahn neuerdings das Erfolgsrezept gegen rechts sein soll, habe ich noch nie gehört. Ich finde das Interview hier eigentlich nur peinlich, ein Anlass zum "Fremdschämen". Wieso es das "Top-Thema" dieser Zeitung sein soll, was sich irgendein Student denkt, der sich offenbar für ein ganz großes Geschenk an Dresden hält, welches nun leider der Stadt fehlt, ist nicht nachvollziehbar.
13:34 Uhr
Matthias1: Solche Bübchen braucht das Land?
Ich glaube das nicht. Sogenannte Politik-"Wissenschaftler", die kaum der Schulbank entwachsen sind und nun der Generation ihrer Eltern vorwerfen, dass die eigene Generation so braun ist, wie sie ist. Die Aussagen des sogenannten Wissenschaftlers scheinen so banal, dass er dafür die "goldene Binse" verdient hätte - jede Hausfrau mit Achte-Klasse-Abschluss aus dem Osten weiß ebenso gut, wie der Osten tickt. Dafür brauche ich keinen Studenten von der FU Berlin.
Warum geht der sich hier krampfhaft darstellende Bube denn nicht diejenigen an, die den Fremdenhass geschürt haben? Wo bleibt die Auseinandersetzung mit SPD-Politikern wie Sarrazin (dessen Türkenhass in Buch- und Zeitungsveröffentlichungen vorliegt) oder Müntefering (der ausländische Investoren im Wahlkampf gern als Heuschrecken diffamiert und damit an die Ungeziefer-Vergleiche der braunen Zeit anknüpft). Aber da unser Polit-Student offenbar Karriere machen will, attackiert er lieber die Generation der Wende-Verlierer als die Verantwortlichen in den Großparteien beim Namen zu nennen. Wir haben nicht nur ein fünf-Prozenz-Problem namens NPD, wir haben ein Problem mit einem Verfassungsschutz und mit etablierten Parteien, die latentem Rechtsextremismus und Fremdenhass nicht nur nichts entgegengesetzt, sondern teilweise jahrelang damit Stimmung gemacht haben.