Tipps vom Verfassungsschutz
Sachsens Schlapphüte lieferten der Polizei 2001 eine Spur zum Terror-Trio
Chemnitz. Die Mordserie, zu der sich die "Zwickauer Zelle" bekannt hat, hätte vielleicht keine zehn Opfer fordern müssen. Im Oktober 2001, nach dem vierten Mord, war die Polizei einer Festnahme des Terror-Trios Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt wohl so nah wie nie zuvor. Davon ist Volkmar Wölk, Rechtsextremismus-Experte der Linken in Sachsen, überzeugt. Bei einer Razzia gegen ein illegales Skinhead-Konzert in einer Chemnitzer Gartensparte entkamen rund 50 Teilnehmer unerkannt. Sie durchbrachen einen Kordon, den die Polizei um die Gaststätte "Sommerlust" gelegt hatte. "Bislang ging man davon aus, dass sich einige Teilnehmer der Identifizierung entzogen, weil sie fürchteten, der Fortführung der verbotenen deutschen 'Blood and Honour'-Division überführt zu werden", sagt Wölk. Nach allem, was man jetzt wisse, sei wahrscheinlich, dass auch NSU-Mitglieder zugegen waren.
Die Polizei hatte den Tipp bekommen, in dem Gartenlokal, das sich als rechte Residenz etabliert hatte, finde eine Geburtstagsfeier statt, die angesichts ihrer Dimensionen eher ein Neonazi-Konzert sei. Prompt wurden 90 Polizisten aus Chemnitz, Zwickau, Leipzig und Dresden zum Großeinsatz abgeordnet. Zahlenmäßig sahen sie sich dennoch unterlegen. Rund 270 Skinheads reisten an, zum Teil von weit her, etwa aus Brandenburg und Thüringen. Als das Einsatzkommando Zutritt zum Lokal forderte, wurde dieses verbarrikadiert. Während die Polizei das Haus umstellte, grölte man drinnen verfassungswidrige Parolen. Rund 50 Skins brachen aus und demolierten Zäune, um sich mit den Latten den Weg freizuschlagen. Ein Großteil wurde gefasst, doch konnte man nur von 217 Neonazis die Personalien feststellen. Szene-Aussteiger bestätigten, dass das Terror-Trio mehrfach illegale Konzerte in Chemnitz besuchte. "Bei so einer Gelegenheit lernten sie den Chemnitzer Helfer kennen, der sie bei sich wohnen ließ und dessen Ausweis sie nutzten, um sich einen Pass zu besorgen", sagt Wölk. Der jetzt in Dresden wohnende Max Florian B. gehört zum Verdächtigenkreis. Was zur Konzert-Razzia noch vorhanden sei, habe man dem BKA übergeben, sagt die Chemnitzer Polizeisprecherin Heidi Hennig, betont aber, nach zehn Jahren sei ein Großteil der Unterlagen vernichtet.
Ihren Tipp hatte die Polizei seinerzeit übrigens vom Landesamt für Verfassungsschutz. Damit steht die sächsische Behörde derzeit besser da als ihr Pendant in Thüringen. Dort, so schreibt die "Berliner Zeitung" unter Berufung auf Sicherheitskreise, arbeitete der Verfassungsschutz 1998 nach Abtauchen des Trios nämlich der Zielfahndung des LKA eher entgegen. Das Landesamt habe seinen V-Mann "Otto", alias Tino B., Chef der Neonazi-Organisation "Thüringer Heimatschutz" über seine Observation durch die Polizei informiert. Mitunter hätten Verfassungsschützer sogar Polizisten verfolgt, die Tino B. hinterher fuhren. Zum Teil wurde das gestern vom Thüringer Landesamt dementiert. Nach eigenen Angaben versuchte der Verfassungsschutz dem untergetauchten Trio über Tino B. 2000 Mark für neue Pässe zukommen zu lassen - ein Köder, um die verlorene Spur wieder aufzunehmen.