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Dresdner Bericht in Jenaer Bombenwerkstatt

NSU-Mann Uwe Mundlos hat sich für die Hinrichtung eines sächsischen Neonazis 1995 interessiert - mindestens.

Von Tino Moritz
erschienen am 11.06.2014

Dresden. Der Fall produzierte jede Menge Schlagzeilen. "Sven S. ermordet, weil er V-Mann war?", fragte die "Bild"-Zeitung am 15. November 1995 auf Seite 1. "Ein Verräter hat nur eines verdient - den Tod. Grausame Lehre der Rechtsradikalen. Sven S. war einer von ihnen. Doch er wollte aussteigen", hieß es auf Seite3 über den 24-jährigen Skinhead, der grausam misshandelt wurde, bevor er durch Messerstiche in den Hals starb. Nachdem tags drauf auch noch der Tod seines zwei Jahre jüngeren Bruders Michael bekannt wurde, sprach das Blatt vom "2. Rache-Mord der Neonazis". Eine Sichtweise, von der sich die Lokalreporter allerdings ziemlich schnell lösten - so wie es offenbar auch die Ermittler taten. Wahlweise war alsbald die Rede von Waffengeschäften mit der "Russenmafia" oder Drogendeals mit der "algerischen Mafia".

Aufgeklärt ist der Fall der Dresdner Brüder Silbermann freilich immer noch nicht - und auch deshalb im Januar 2013 von den sächsischen Ermittlern ans Bundeskriminalamt (BKA) übersandt worden. Die Bundesländer hatten nach Bekanntwerden des jahrelang unentdeckt gebliebenen NSU-Terrors ihre ungeklärten Todesfälle noch einmal nach Anhaltspunkten auf rechtsextremistische Hintergründe durchforstet. "745 Sachverhalte zu 849 Opfern" unterzog das BKA nach eigenen Angaben von gestern einem Datenabgleich.

Dazu gehörte eben auch der Fall Silbermann, der sogar direkte Berührungspunkte zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) aufweist. Der "Spiegel" berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass in der vom Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bis zu ihrem Abtauchen Anfang 1998 als Bombenwerkstatt genutzten Garage in Jena ein Zeitungsartikel zum Dresdner Doppelmord entdeckt wurde - ohne dass die Fahnder das zum Anlass nahmen, nach Querverbindungen zu suchen. Nach Auffliegen des Trios knapp 14 Jahre später sagte ein früherer Freund von Mundlos laut "Spiegel" aus, dass dieser vor seiner Flucht einmal mit ihm über "eine Sache" in einem "Stadion in Dresden" gesprochen habe, "wo eine tote Person gefunden wurde". Mundlos habe "von einem V-Mann" gesprochen und der BKA-Zeuge den Eindruck gehabt, dass er den Toten persönlich kannte.

Die Leiche von Sven Silbermann war im November 1995 auf dem Gelände eines Dresdner Sportvereins gefunden worden. Zeugenaussage und Zeitungsartikel allein können freilich keine Beweise für eine Teilnahme des damals 22 Jahre alten Mundlos an einer Vergeltungsaktion von Rechtsextremisten sein.

Laut "Spiegel" wollen Nachbarn damals acht dunkel gekleidete "Glatzen" gesehen haben, die in der Tatnacht auf dem Hof des Hauses, in dem die beiden Brüder gewohnt hatten, aus zwei Autos gestiegen seien. Ein paar Wochen nach dem Tod sollen dann Kriminalisten zur Identifizierung von Svens Handschrift mit einem seiner Schulhefte bei Verwandten aufgekreuzt sein - das in einem Waldstück bei Chemnitz gefunden wurde. Bei Chemnitzer Kameraden fand das NSU-Trio gut zwei Jahre später Unterschlupf.

Nach BKA-Angaben steht die abschließende Bewertung noch aus. "Ob der Fall Silbermann einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund hat, dafür betrachtet eine Arbeitsgruppe beim BKA nochmals das Umfeld des Opfers", sagt Innenministeriumssprecher Martin Strunden. Die Grünen im Landtag haben bereits eine neue Anfrage an die Regierung gestellt. Und die Linke-Abgeordnete Kerstin Köditz findet: "Der jetzt diskutierte Fall unterstreicht nachdrücklich, dass das Trio auch schon vor dem Untertauchen bundesweit vernetzt war und die Annahme der Bundesanwaltschaft, es handle sich um Einzeltäter, grundfalsch ist."

 
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