Angela Merkel am Montag in der Redaktion der "Freien Presse", mit Chefredakteur Torsten Kleditzsch und Geschäftsführer Ulrich Lingnau (v. r.).
Foto: Uwe Mann
Merkel: Maßlosigkeit darf es nicht geben
Die Bundeskanzlerin im Gespräch über Top-Verdiener, drohende Altersarmut im Osten und ein mögliches NPD-Verbot
Chemnitz. Noch vor der Wahl im September will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit der FDP einen Vorschlag für Mindestlöhne vorlegen. Bei der Begrenzung der Spitzenverdienste setzt sie auf Brüssel. Mit ihr sprachen Udo Lindner und Torsten Kleditzsch.
Freie Presse: Deutsche Top-Manager verdienen im Jahr 8 bis 17 Millionen Euro. Auf der anderen Seite müssen 1,4 Millionen Arbeitnehmer vom Staat bezuschusst werden, um über die Runden zu kommen. Muss eine freie Gesellschaft diese Unterschiede ertragen?
Angela Merkel: Maßlosigkeit darf in einer freien und sozialen Gesellschaft nicht sein. Deswegen unterstütze ich beispielsweise Pläne in der EU, die zum Teil extrem hohen Bezüge in der Finanzwirtschaft zu begrenzen. Bei den Niedrigeinkommen ist für mich ganz klar: Wir brauchen Lohnuntergrenzen, die die Tarifpartner bestimmen, aber keine gesetzliche Lösung, wo die Politik für alle Regionen und alle Branchen das gleiche festsetzt. Wir haben solche Lohnuntergrenzen für viele Wirtschaftszweige schon eingeführt. Ich sehe aber auch, dass zum Beispiel hier im Raum Chemnitz/Erzgebirge viele Löhne gar nicht an Tarife gebunden sind. Gerade hier brauchen wir einen Mechanismus, mit dem der Staat die allgemeinverbindliche Vereinbarung einfordert, die dann ein Gremium mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern aushandelt. Und ich arbeite daran, dass wir hierbei in dieser Legislaturperiode auch noch vorankommen.
Freie Presse: Sie trauen das Ihrem Regierungspartner FDP noch zu?
Angela Merkel: Ich nehme wahr, dass die FDP wie wir erkennt, dass Löhne von unter vier Euro nicht hinnehmbar sind und nichts mit sozialer Marktwirtschaft zu tun haben.
Freie Presse: Im Detail ist sich aber auch Ihre Partei nicht einig, wie genau die Lohnuntergrenze festgelegt werden soll. Die Stimmen sind vielfältig. Wie wollen Sie damit der SPD Paroli bieten, die mindestens 8,50 Euro für alle fordert?
Angela Merkel: Lohnuntergrenzen, die regionale Unterschiede und Branchenbesonderheiten berücksichtigen, sind vernünftiger als ein politisch festgelegter Einheits-Mindestlohn.
Freie Presse: Aber Ihre Botschaft ist kompliziert. 8,50 Euro für jeden ist einfach ...
Angela Merkel: Die Menschen verstehen sehr wohl, dass wir den Unterschieden zwischen den Branchen und Regionen mit einer einheitlichen Zahl nicht gerecht werden und unser flexibles Konzept besser ist.
Freie Presse: Sollte man auch bei den Spitzenverdienern nach politischen Begrenzungen suchen?
Angela Merkel: Es ist gut, dass in den großen deutschen Unternehmen - und das ist eine Besonderheit in Europa - Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten mit über die Managergehälter entscheiden. Auch dass diese Gehälter jetzt veröffentlicht werden müssen, ist ein Stück mehr Transparenz, das wir erreicht haben. Darüber hinaus finde ich es sehr gut, dass die EU jetzt einen Vorschlag erarbeitet, wie nicht mehr allein die Aufsichtsräte, sondern auch die Aktionärshauptversammlungen die Spitzengehälter festlegen können.
Freie Presse: Ein solches Modell wurde gerade in der Schweiz per Referendum beschlossen. Also ein richtiger Weg?
Angela Merkel: Zunächst einmal verstehe ich sehr gut, wenn Menschen über manche Gehälter, die völlig aus dem Rahmen fallen, nur noch den Kopf schütteln können und wollen, dass das aufhört. Es hat sich leider gezeigt, dass es nicht ausreicht, dies ausschließlich der Selbstregulierung der Wirtschaft zu überlassen. Auch wenn wir hier in Deutschland wegen der Mitbestimmung der Arbeitnehmer eine etwas andere Situation haben als in anderen Ländern, bin ich dafür, dass wir dieses Thema auf europäischer Ebene anpacken.
Freie Presse: Vor zehn Jahren hat Ihr Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) seine Agenda 2010 vorgestellt, die in die sogenannten Hartz-Reformen mündete. Haben diese Reformen die Unterschiede in Deutschland weiter vergrößert?
Angela Merkel: Als Union haben wir diese Reformen unterstützt, die natürlich ihre positiven Wirkungen entfaltet haben. Wir haben heute viel mehr Menschen in Beschäftigung. Es sind nicht mehr fünf Millionen arbeitslos wie bei meinem Amtsantritt vor über sieben Jahren, sondern noch rund drei Millionen - immer noch zu viele, aber doch ein großer Fortschritt, der gelebte soziale Sicherheit für viele Menschen mit Arbeit bedeutet. Die größere Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt war notwendig, um viele Menschen aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Aber da, wo mit einzelnen Instrumenten, etwa der Leiharbeit, Missbrauch getrieben wird, müssen wir sehr aufmerksam sein und reagieren.
Freie Presse: Das Empfinden ist ein anderes: Selten ist so viel über Ungleichheit gesprochen worden wie in diesen Tagen.
Angela Merkel: Darüber immer wieder zu sprechen, ist für eine Gesellschaft wichtig. Gleichzeitig bin ich dafür, die positiven Entwicklungen für viele Menschen und ihre Familien nicht aus den Augen zu verlieren. Wir alle zusammen - Bürger, Unternehmen, Gewerkschaften und Politiker - können stolz sein, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit solche Erfolge erreicht zu haben.
Freie Presse: Die niedrigen Löhne und die lange Zeit hohe Arbeitslosigkeit lassen besonders für den Osten Deutschlands Altersarmut in größerem Umfang erwarten. Sie haben noch für diese Legislaturperiode eine Gesetzesinitiative angekündigt, um das Problem zu mildern. Wie weit sind Sie damit gekommen? Wie könnte eine Regelung aussehen?
Angela Merkel: Wir arbeiten daran. Beschlossen haben wir in der Koalition bereits, dass jeder, der lebenslang gearbeitet und dazu privat vorgesorgt hat, dafür eine Rente oberhalb der Grundsicherung erhalten soll. Wie genau das gesetzlich geregelt werden kann, darüber wird derzeit gesprochen.
Freie Presse: Gerade im Osten mit seinen lückenhaften Erwerbsbiografien wird es aber schwierig werden, die Bedingung von 40 oder 45 Arbeitsjahren zu erfüllen.
Angela Merkel: Darauf weisen auch die ostdeutschen Ministerpräsidenten hin. Wir werden deshalb prüfen, ob wir eine Sonderregelung dafür finden. Schließlich können die Menschen nichts dafür, in welchem Teil Deutschlands sie gelebt und gearbeitet haben.
Freie Presse: Sie unterstützen diese Forderung nach einer Sonderregelung?
Angela Merkel: Ich lasse prüfen, ob wir eine Sonderregelung dafür finden können.
Freie Presse: Ein zweites Thema, das unsere Region besonders betrifft, ist das der Terrorzelle NSU und die daraus erwachsene Debatte um ein erneutes Verbotsverfahren gegen die NPD. Die Länder haben es bereits beschlossen, die Bundesregierung prüft noch. Können Sie eigentlich noch nein sagen?
Angela Merkel: Die Bundesregierung bildet sich unabhängig ein Urteil. Der Bund hat im Übrigen einen großen Anteil am Antrag der Länder, denn er hat ganz überwiegend das Material zusammengetragen, auf das sich der Verbotsantrag der Länder gründet. Bis Ende März wird die Bundesregierung ihrerseits entscheiden, wie sie sich verhält.
Freie Presse: Aber wenn Sie so richtig überzeugt wären, wären Sie mit der Prüfung mit Sicherheit schneller.
Angela Merkel: Ich finde, dass die Bundesregierung sich sehr schnell ein Urteil gebildet haben wird, wenn es bis Ende März erfolgt. Es sollte sich außerdem niemand der Illusion hingeben, damit allein ließen sich die rechtsextremistischen Feinde der Demokratie bekämpfen. Es bleibt ganz wichtig, dass wir Tag für Tag aufs Neue für Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, für Zivilcourage und gegen Fanatismus und Rassismus auftreten.
Freie Presse: Was wäre mit einem Verbot erreicht?
Angela Merkel: Dort, wo die NPD aktiv ist, ist es für die Bürger natürlich schwer erträglich, dass die NPD nach Wahlen auch noch staatliche Gelder für ihr Treiben bekommt. Dem könnte ein Verbot begegnen. Dennoch wäre der Rechtsextremismus als Haltung damit noch nicht aus den Köpfen der Menschen heraus. Dagegen müssen wir Demokraten im Alltag immer wieder Stellung beziehen, klar und eindeutig.
15:10 Uhr
f1234: @Jothade:
Pkt. 1: Gebe ich Ihnen recht. Diese Zustände sind untragbar. Da wäre ein gesetzlicher Mindestlohn sicher hilfreich.
Pkt. 2: Wer sind bei Ihnen die "oberste Stufe"? Wenn Sie damit Investmentbanker meinen, die Millionenboni für Luftbuchungen erhalten, stimme ich Ihnen zu. Wenn ein Winterkorn 17 Mio erhält, wenn sein Unternehmen 15 Milliarden Gewinn mit realen Produkten eingefahren hat und er dieses mit den Eigentümern vorher ausgehandelt hat, dann nein.
Pkt. 3: Da widerspreche ich Ihnen. Es gibt keinen statistischen Beleg dafür, dass der Mittelstand signifikant absteigt. Was allerdings gefährlich scheint, ist, dass es schwerer wird, in diesen Mittelstand zu gelangen (Befristung, Praktika...). Da müsste der Gesetzgeber auch eingreifen.
Pkt. 4: Da stimme ich Ihnen im ersten Teil zu. Dass der Staat diese Geschenke danach wieder zurücknimmt, ist bedauerlicherweise meistens nicht der Fall.
Pkt. 5: Das der Armutsbericht hier etwas beweist, wage ich zu bezweifeln. Insbesondere, wenn man an anderer Stelle liest, dass es den Menschen in Deutschland noch niemals so gut ging wie heute. Und wenn die Steuereinnahmen dieses Staates im letzten Jahr wieder einen neuen Rekord aufgestellt haben, so beweist das mir, dass die Eigentümer sehr wohl ihrer Grundgesetzpflicht nachkommen. Von asozialen Ausnahmen mal abgesehen.
Wo Sie allerdings aus dem Grundgesetz ableiten, dass der Staat verpflichtet ist, Wohlstand für Jeden zu garantieren, bleibt Ihr Geheimnis. Meines Wissens hat er Chancengleichheit zu garantieren. Und dies tut er im Wesentlichen auch. Das würde dann wohl auch besser zu Ihrem Abschlußzitat passen.
14:53 Uhr
berndischulzi: f1234: Irgendwie mit dem Lesen Probleme? Oder mit dem Verständnis des geschriebenen Wortes bzw. Satzes?
14:06 Uhr
f1234: @berndischulzi: Naja, habe ich mir schon denken können: Substanzloses Geschwafel über gefühltes Unrecht.
Natürlich haben Sie sich nie die Mühe gemacht, eine Urteilsbegründung gelesen zu haben. Geschweige dem, sie auch verstanden zu haben. Sie kennen ja die Wahrheit auch so. Da ist es einfacher, nur die Headline der BILD-Zeitung nachzuplappern...
13:52 Uhr
Jothade: Wieder eine vielleistige Diskussion, die mir zeigen, dass dieser Staat vielleicht doch noch nicht am Ende ist und - zumindestens im Kreise der Kommentatoren - offenbart, dass die vielzitierte Politikverdrossenheit noch nicht alle in der Gesellschaft getroffen hat.
Vielleicht können wir in dem allgemeinen "Wahlkampflärm" gemeinsame Punkte festhalten:
1. Die Einkommen der "unteren Stufe" sind vielmals so niedrig, dass die BezieherInnen trotz 40-Stunden-Woche davon nicht ohne zusätzliche staatliche Unterstützung leben können.
2. Die Einkommen der "obersten Stufe" haben vielmals den Bezug zur Realität verloren.
3. Die Schere zwischen den Einkommensgruppen war noch nie so weit offen, die überwiegende "Mitte" der Einkommensbezieher nähert sich seit mehr als 20 (!) Jahren eher der unteren Gruppe.
4. Die politische Führung dieses Staates ist nur vor Wahlen gewillt, "Geschenke" an das Wahlvolk auszuschütten - um diese dann NACH der Wahl in geeigneten Form unter anderem Namen wieder zurück zu nehmen.
5. Die u.a. im aktuellen "Armutsbericht" nachgewiesene Tendenz der "Einkommens-Schere" lässt nicht nur vermuten, sondern BEWEIST zweifelsfrei, dass die Rechtsvorgaben im Artikel 14 Absatz 2 unseres Grundgesetzes, und zwar
"EIGENTUM VERPFLICHTET. SEIN GEBRAUCH SOLL ZUGLEICH DEM WOHLE DER ALLGEMEINHEIT DIENEN"
von den Vermögenden in unserer Gesellschaft geflissentlich überlesen und kaum noch beachtet wird.
Ich muss deshalb f1234 deutlich wiedersprechen:
Dieser Staat ist schon allein auf der Grundlage des Grundgesetzes verpflichtet, die Verhältnisse so zu gestalten, dass JEDES Mitglied unserer Gesellschaft in Abhängigkeit zu seiner Tätigkeit nicht unterhalb der Armutsgrenze leben muss.
Zumindestens lege ich so den Artikel 14 aus.
Ein deutscher Richter kann mir ja gern erklären, worin da mein Denkfehler besteht.
Und an dieser Stelle komme ich auf die (für mich) positiven Argumente von f1234 zu sprechen:
Nehmt die Möglichkeiten unseres Staates wahr und werdet "politisch" tätig und arbeitet an der positiven Veränderung unserer Gesellschaft mit: Der/Die Eine zumindestens durch sein/ihr "Kreuzchen" an der richtigen Stelle bei der Wahlbögen, der/die Andere durch seine/ihre aktive Mitarbeit bei den demokratischen Parteien, Vereinen oder sonst wo auch immer!
.. ich habe vor ca. 20 Jahren mal einen Spruch eines Bayern gehört, der mir - trotz fehlendem Glauben an irgendeine göttliche Macht - besonders viel gibt:
"... erbitte von Gott Hilfe für Deine Arbeit - aber erwarte nicht, dass ER sie für Dich übernimmt!"
12:23 Uhr
berndischulzi: Oh Mann, lange nicht mehr erlebt, daß jemand so blauäugig durch´ s Land stiefelt.
In eine Partei eintreten? Haben Sie vielleicht mal Diskussionen zwischen den Mitgliedern und den Führungsentagen verfolgt? Die an der Spitze machen doch meistens etwas ganz anderes als die Basis. Ein normales Parteimitglied ist nichts anderes als ein Wasserträger oder Steigbügelhalter. Und nur das hier keine falschen Vorstellungen aufkommen, ich war mal in so einer Partei!!! Nie wieder!!
Sie wollen ein Beispiel für , sage ich mal, befangene Rechtsprechung? Gern.
Sie sollten sich vielleicht mal mit den Rechsstreitigkeiten gegen die überhöhten Preise der Energieversorger auseinander setzen. Nachdem es anfänglich doch Urteile im Sinne der Verbraucher gab, ist das in der letzten Zeit ins Gegenteil gekippt. Es wurde anscheinend etwas zu viel der Gerechtigkeit, denn an der Ausgangslage hat sich nichts geändert. Wie gesagt, ich habe wohl lediglich Glück gehabt, viele andere nicht.
Und das Kartellamt, was Sie vielleicht in dem Zusammenhang auch im Kopf haben, das kann man gleich vergessen. Das ist nichts als ein zahnloser Tiger und ein Feigenblatt. Kennen Sie das Statment zu den Treibstoffpreisen? Wenn Sie etwas über die Funktion des Kartellamtes wissen wollen, dann sollten Sie sich das mal zu Gemüte führen. Sehr amüsant war auch die Antwort, die ich von diesen Leuten in diesem Zusammenhang bekommen habe.
Ich bin jedenfalls nicht für Illusionen. Und nichts anderes ist das, wenn man irgend einem Politker glaubt. Und da bin ich sehr höflich........