Ausstellung über Volkskunst und Erotik in Darmstadt
Landesmuseum zeigt "Liebe, Lust und Frust" - Kolle-Grußwort im Katalog
Foto: ddp
Lorsch (ddp-hes). Mit Erotik und Sexualität aus kulturhistorischer Sicht beschäftigt sich ab Sonntag eine Ausstellung des Darmstädter Landesmuseums. Die Schau "Liebe, Lust und Frust" in der Volkskundlichen Außenstelle im hessischen Lorsch richtet den Fokus gleichermaßen auf Leben und Lieben der einfachen Leute, wie auf die erotischen Freuden und Ängste von Adel und Bürgertum. "Die Zeitspanne reicht vom 16. bis zum 21. Jahrhundert", erklärt Kurator Walter Stolle. "Die rund 200 Exponate dokumentieren ein Wechselspiel zwischen Scham und Frivolität."
"Die Abbildungen waren oft gepfeffert", erläutert Volkskundler Stolle, "gleichzeitig haben die Besitzer der Objekte die Darstellungen stets unter Deckelchen, Klappen oder in Schubern versteckt". Gelegentlich seien besondere Mechanismen entwickelt worden, um ein Betrachten der Obszönität nur ausgewählten Augen - und nicht womöglich der eigenen Gattin - zu ermöglichen. "Wir haben beispielsweise ein Gabinetto Secreto eingerichtet", berichtet Stolle: "Einen versteckten Raum, in dem Erotika diskret aufbewahrt wurden."
Das Spektrum der Exponate reicht von phallischen Flaschen, erotischen Taschenuhren und Sexspielzeug über Reizwäsche bis hin zu frivolen Scherzartikeln. Auch im Biedermeier habe es nie an Obszönitäten gemangelt, sagt der Volkskundler und verweist auf die in der Ausstellung gezeigten pornografischen Zeichnungen für Soldaten. Dass sie im Tornister mitgeführt wurden, wussten auch Kirche und Staat - die sonst rigide Aufsicht führten. "Mit der Ausstellung wollen wir zusammen mit den Objekten die Hintergründe ans Licht bringen", sagt der Kurator.
Stolle hat auch Dachziegel gefunden, in deren Ton vor dem Brennen erotische Darstellungen graviert wurden. "Für Dachdecker ist markiertes Material als Abzählhilfe nichts Ungewöhnliches." Da die Ziegel nach dem Brennen oft durch Frauenhand gingen, hinterließen die Arbeiter gern einen frivolen Gruß - zu dessen Entgegennahme die weiblichen Angestellten sozusagen verpflichtet waren. "Lagen die Tonstücke erst mal auf dem Dach, sah sie nur der Herrgott", sagt Stolle mit einem Schmunzeln.
Die Schau will außerdem die kirchlichen und volkstümlichen Bräuche um Eheanbahnung und Hochzeit beleuchten. "Die jeweilige Kleidung, so wollte es die Kirche, gab stets Auskunft über die erotische Vergangenheit der Braut." Unterwäsche wird ebenso zu sehen sein. "War sie im Schritt zu öffnen, hatte das nicht nur Sittsamkeit als Grund", sagt Ethnologe Stolle. Bei kinderreichen Familien hatten die Eltern das Schlafzimmer nicht immer für sich allein. Für ein kurzes erotisches Zwischenspiel sei bestimmte Unterwäsche einfach "praktisch" gewesen, erläutert er.
Prüderie und Liberalisierung hätten sich in der Geschichte stets abgewechselt, berichtet Stolle. "Knappe Zeiten brachten immer eine Einengung, einen Rückschritt." Der Ethnologe sieht dazu auch in der Gegenwart eine Parallele. "In einer Krise stoßen zum Beispiel der Kreationismus oder die Piusbruderschaft auf höhere gesellschaftliche Akzeptanz." Weniger öffentlich verbreite sich dagegen das "pornografische Angebot" im Internet. Kinder und Jugendliche seien dem "schutzlos ausgesetzt", sagt Stolle. Auch dieses Thema sei Gegenstand der Ausstellung.
Mit "Liebe, Lust und Frust" will die Volkskundliche Sammlung des Darmstädter Landesmuseums eine Reihe fortführen, die sich mit "Kernthemen des menschlichen Zusammenlebens und deren vermeintlichen Tabus" beschäftigt. Ziemlich tabulos habe sich in den 60er-Jahren der Publizist Oswalt Kolle mit Sex und Erotik medial auseinandergesetzt, erinnert sich Stolle. "Für unseren Katalog hat er mit seinen 80 Jahren jetzt ein Grußwort geschrieben", freut sich der Kurator.
(ddp)
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