Kultur
"Ich verletz mich für die Dichtung"
Eva Strittmatters Kunst als Lyrikerin ist das eine - Ihr Anteil an Erwin Strittmatters Werk das andere - Nur sie kann ihn ermessen
Chemnitz. Jeder Journalist fragt sich ab und zu, wie viele gute Texte er geschrieben hat. Richtig gute! Preisverdächtige! Texte, die aktuell sind und zugleich ewig Bestand haben. Texte, die sprachlich nichts zu wünschen übrig lassen. Texte, die aufklären. Texte, die den Leser fesseln, von Anfang bis Ende. Von diesen Texten behält der Schreiber ganze Passagen im Kopf, auf jeden Fall die Überschrift, und er vergisst nie, wie sie zustande kamen.
"Allein im Garten der Amseln" war so ein Text, erschienen am 3. Mai 1997 in der Ostseezeitung. Ein Portrait von Eva Strittmatter, deren Buch "Der Schöne" gerade erschienen war und die jetzt, am 8. Februar, ihren 80. Geburtstag begeht. Der Artikel war top, nichts zu deuteln, kein Komma falsch. Allergrößtes Lob in der Redaktion. Ich als Autorin wusste aber nicht, ob ich mich freuen sollte. Denn die Lyrikerin selbst hatte ihn, nun ja, nicht umgeschrieben. Das nicht. Aber sie hatte einen Satz gestrichen und ein paar Worte geändert. Wenige Worte, allerdings entscheidende Worte, machten meinen soliden Text erst perfekt. Ich war beeindruckt. Diese kleinen Korrekturen - sie zeigten mir eine Meisterschaft beim Umgang mir dem Wort, die für mich sicher unerreichbar bleiben wird: Eva Strittmatters Meisterschaft.
Auch heute noch bin ich mir nicht sicher, ob ich Eva Strittmatter am meisten durch dieses Erlebnis kennen lernte oder durch ihre Gedichte oder durch meinen Besuch in Schulzenhof, der dem Artikel vorausgegangen war. Unvergesslich wird er mir bleiben. Obwohl ich viele ihrer Gedichte gelesen hatte, war ich aufgeregt wie nichts. Mit gutem Grund: Ich kannte nicht ein Buch von ihrem Mann, Erwin Strittmatter. Weder Tinko, noch Ole Bienkopp, nicht den Wundertäter, nicht die Laden-Trilogie, gar nichts. Ich hatte mich an seinem Werk versucht, mehrfach sogar. Aber es ist mir nicht gelungen, je ein Buch zu Ende zu lesen. Ich besaß dennoch den Mut, nach Schulzenhof zu fahren. Hieß es nicht, Eva Strittmatter habe ein Leben im Schatten des großen Dichters geführt und dagegen aufbegehrt? Also würde sie es mir schon nicht übel nehmen, dass ich nicht sein, sondern nur ihr Werk kannte. Darüber wollte ich schließlich mit ihr reden.
Es war naiv. Sie mag es als Dreistigkeit empfunden haben. Denn: Ihre Kunst als Lyrikerin ist das eine. Das andere ist ihr Anteil an Erwin Strittmatters Werk, den ich nicht kannte, nicht ermessen konnte. Ich spürte im Gespräch, dass ich sie verletzt hatte - eben weil ihr Anteil erheblich gewesen sein muss. So viel habe ich dann damals geschrieben: "Ihre Ehe war immer auch Arbeitsgemeinschaft. Sie war stets die erste Leserin und Kritikerin. Erst wenn sie zustimmte, konnte er weiterarbeiten."
Ich beschrieb das Haus, in dem sie miteinander wohnten. Eva Strittmatter lebte in den Erdgeschoss-Räumen: kochte in der kleinen Küche, kümmerte sich um die Kinder, beantwortete Erwins Post, bewirtete Gäste in der großen Diele, konnte sich selten zurückziehen. Und brachte doch das Ihre zu Papier: Gedichte, Essays, Briefe, Kinderbücher.
Erwin Strittmatter residierte über all dem. Für ihn war die obere Etage des Gebäudes gebaut worden, als Arbeits-, Wohn- und Schlafraum, mit siebzehn Fenstern in alle Himmelsrichtungen, direkt nach Süden eine große Loggia. Hier konnte er sich konzentrieren, sein Leben verdichten, hatte den Blick frei, immer über den Alltag hinauszuschauen.
Und obwohl sich das Leben auf Schulzenhof jahrzehntelang nach Erwins Takt richtete und seinen Bedürfnissen entsprechend eingerichtet war, ist die Sache nicht so einfach gewesen, wie sie scheint. Als Eva Strittmatter ihn kennen lernte, war sie 22, er 39. Er hatte schon einen Namen, hatte schon den Ochsenkutscher geschrieben. Sie gehört zu jenen Menschen, die Herausforderungen suchen und annehmen. Je unerreichbarer, desto besser. Und Erwin? Schien seine Leistung nicht unerreichbar? Damals, Anfang der 1950er Jahre. Kaum einer forderte diese Frau so heraus wie er. Unbewusst, mit seiner beherrschenden Art und mit seiner Schreib-Weise.
Zum Geburtstag erscheint ein neuer Band mit Gedichten von ihr. Konzentriert zeigt er die Spannung zwischen Leben und Poesie - als Motiv und Preis der Gedichte. Mancher empfindet beim Lesen der Zeilen vor allem Melancholie: den sanften Schmerz, den der fühlt, der eine traurige Herausforderung annimmt und besteht.
Von Eva Prase
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