Kultur

Bremer Schünemann Verlag wird 200 Jahre alt

Traditionshaus ist noch heute an seinem Stammsitz ansässig


Foto: ddp

Bremen (ddp-nrd). Eigentlich wäre Seniorverleger Carl Eduard Schünemann lieber Physiker geworden. Weil sein Vater das jedoch für "brotlose Kunst" hielt, stieg er Anfang der 1950er Jahre in fünfter Generation in den Familienbetrieb, den Bremer Schünemann Verlag, ein. Das Traditionshaus mit seinem Buch-, Kunst-, Sprachzeitungs- und Zeitschriftenverlag ist noch heute in seinem Stammsitz an der Weser ansässig. Am 14. Februar wird der Schünemann Verlag 200 Jahre alt und ist damit einer der ältesten noch am Gründungsort bestehenden Verlage Deutschlands.

Auf die Anfänge angesprochen, winkt der 86-jährige Seniorverleger ungeduldig ab. "Das steht alles in der Chronik", sagt er. Danach ist sein Ururgroßvater Carl Heinrich Schünemann (1780-1835) ein junger aufstrebender Kaufmann aus Lübeck gewesen, dem der Bremer Senat 1810 die Fabrikation und den Vertrieb von Spielkarten genehmigte.

Seine Ankunft in Bremen wird in der Chronik wie folgt geschildert: "Brrr! Die Pferde ruckten noch kurz im Geschirr, dann hielt die vierspännige Postkutsche vor dem Stadtpostamt an der Katharinenstraße. Ein hochgewachsener Mann mit kurz geschnittenem, leicht lockigem Haar und Backenbart stieg aus und klopfte sich den Staub der Hamburger Chaussee vom dunklen Gehrock, zupfte den hohen weißen Kragen und den Binder zurecht und setzte den schwarzen Zylinder auf."

Zu dieser Zeit hatte Bremen rund 30 000 Einwohner und war von den Franzosen besetzt. Mit dem Kauf der Spielkartenfabrik schuf Carl Heinrich Schünemann die Grundlage für den Aufbau des Druck- und Verlagsunternehmens. Seinem Sohn Gustav Bernhard (1815-1865) gelang es später, eine der ältesten deutschen Zeitungen, die "Bremer Wöchentlichen Nachrichten", zu übernehmen. In den folgenden Jahrzehnten expandierte das Unternehmen unter der Führung der dritten und vierten Generation von Schünemännern, die mit der patentierten Entwicklung des "Trini-Tiefdrucks" nach Angaben des Verlags als Pioniere der Drucktechnik gelten.

Mit dem Eintritt in die Geschäftsführung 1954 begann für den heutigen Seniorverleger, wie er selbst sagt, seine interessanteste Zeit. "Ich habe mich nicht nur um die Technik gekümmert", erinnert sich der 86-Jährige. "Meine Aufgabe war es auch neue Kunden zu akquirieren, denn die Vorkriegskunden gab es nicht mehr." So reiste Carl Eduard Schünemann III. nach eigenen Angaben rund 20 Jahre quer durch Europa und Amerika. Um an einen wichtigen Auftrag heranzukommen, habe er sogar den Jagdschein gemacht, erzählt er rückblickend.

Seine wohl schwierigste Zeit erlebte der Seniorverleger dann aber 1974. Damals habe die Firma vor dem Aus gestanden und nur durch den Verkauf der Bremer Nachrichten einschließlich der Druckerei gerettet werden können. "Bis dahin hatten wir fast 800 Mitarbeiter", sagt Schünemann. "Danach sind wir zu einem ganz kleinen Betrieb geworden." Heute sind in dem Traditionsunternehmen, das der 86-Jährige gemeinsam mit seinem Neffen Hermann Schünemann und seiner Enkelin Julia Kracht-Schünemann führt, 42 Mitarbeiter angestellt.

Einmal im Monat setzen sich die drei Generationen Schünemann zum Brainstorming zusammen. "Der Buch- und Zeitschriftenmarkt hat sich aufgrund eines veränderten Lesebedürfnisses in den vergangenen Jahren stark gewandelt", erklärt Hermann Schünemann. Der 47-Jährige sieht darin nach eigenem Bekunden eine Chance, denn weil die Firma klein sei, könne sie schnell auf Veränderungen reagieren.

"Manchmal sind die Ideen ganz naheliegend", berichtet Kracht-Schünemann. So habe der Verlag beispielsweise immer schon Regionalia oder Bremensien veröffentlicht - früher allerdings nur für Erwachsene. Seit neuestem gebe es diese Bücher nun auch für Kinder. Kracht-Schünemann ist die erste Frau an der Spitze des Verlages. Eigentlich interessierte sie sich eher für Kunstgeschichte. "Mein Großvater hat dann das Gleiche zu mir gesagt wie sein Vater damals zu ihm, als er Physiker werden wollte, nämlich dass das eine brotlose Kunst sei", erzählt die 31-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz und lächelt.

(ddp)


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