Kultur

Vom "edlen Wilden" zum Sarotti-Mohr

Das Georg-Kolbe-Museum widmet sich in einer Berliner Sonderschau der "Aneignung des Fremden in der Moderne"


Berlin. Eine amerikanische Zementfirma machte 1886 Schlagzeilen, als sie fünf Farbige nach Berlin anreisen ließ, um diese zu Reklamezwecken einen Musterabschnitt der Landsberger Straße pflastern zu lassen. Andere Unternehmen warben für ihre Produkte mit mobilen Plakaten, deren Träger möglichst "irgendeine auffallende Persönlichkeit, ein Neger, Türke, Chinese usw." sein sollte, wie es in einem Leipziger "Lehrbuch für kaufmännische Propaganda" von 1899 heißt. Exotisches brachte Aufmerksamkeit: Konnte man doch wenige Jahre zuvor den Blick auf "einen echten Neger", wie die Leipziger Illustrierte Zeitung 1885 schreibt, höchstens "in den großen Städten auf dem Kutschbock eines Prinzen" erhaschen.

Unmittelbar und unverfälscht?

Mit der bemerkenswerten Schau "Wilde Welten" widmet sich das Georg-Kolbe-Museum in Berlin nun der "Aneignung des Fremden in der Moderne". Das Besondere daran: Das Haus konzentriert sich nicht nur auf die Kunst, sondern gibt auch Einblicke in die Alltagskultur des deutschen Kaiserreiches. Natürlich sind Brücke-Künstler vertreten, die in den Masken und Figuren aus Afrika und der Südsee ihr Ideal der Einheit von Leben und Kunst verwirklicht sahen. "Unmittelbar und unverfälscht", wie sie es forderten, waren diese Bildnisse der "edlen Wilden", die noch nicht durch die Zivilisation verdorben waren.

Die Ateliers von Ernst Ludwig Kirchner in Dresden und Berlin glichen exotischen Wohnhöhlen, wie Fotos belegen. Und in seinem Haus In den Lärchen bei Davos fertigte er Möbel und Türpfosten im Stil der Südsee-Insulaner. Pechstein reiste zu den Palau-Inseln, Nolde nach Neuguinea - und schnitzte auf der Überfahrt Figuren aus Brennholz. Doch nicht nur die Sehnsucht nach Unschuld trieb Maler und Bildhauer an. Manche suchten wie Richard Haizmann oder Otto Freundlich auch nur neue Formen und fanden sie bei den seinerzeit als primitiv geltenden Kulturen der südlichen Erdhalbkugel. Selbst Georg Kolbe holte sich einen "Somali-Mann" als Modell ins Atelier. Auch, weil der mit seinem dunklen Teint geradezu wirkte "wie eine Bronzeplastik". So zumindest schreibt der Mäzen Theodor Reinhardt in einem Brief an den Bildhauer Hermann Haller.

"Eigenartige Menschenkinder"

Nicht nur Künstler waren fasziniert. Zoo-Pionier Carl Hagenbeck etwa machte sein Geld mit Völkerschauen, nachdem sein Tier-Geschäft ins Stocken geraten war: Gegen einen Obolus konnten Besucher im Tierpark oder bei Gastspielreisen "fremde Rassen" bestaunen. "50 wilde Kongoweiber" gab es da zu sehen, wie ein Plakat reißerisch warb. Und als Hagenbeck mit Nubiern durchs Land tourte, sollen Frauen regelrecht "nubiertoll" geworden sein. Konkurrenz blieb nicht aus, und so mancher Schausteller half bald nach, um "immer neue eigenartige Menschenkinder", wie die Illustrierte Zeitung schrieb, ausfindig zu machen. Das "Amazonencorps aus Dahomel" etwa entpuppte sich schon bald als Fälschung.

Die Inszenierungen des Wilden sagen weniger über die fremde Kultur aus als über den überheblichen Blick des Europäers. Das Fremde galt in der kolonialen Gesellschaft nicht als gleichwertig, wie in der Ausstellung Bilderbücher und Werbeplakate anschaulich verdeutlichen. Exemplarisch findet das seinen Ausdruck im Kindchenschema des dienenden Mohren, mit dem für Kaffee, Kakao oder Schokolade geworben wurde. Es steht für das "kindliche Gemüt des Negers" und taucht als stereotype Projektion immer wieder auf. Der 1918 von Julius Gipkens entworfene Sarotti-Mohr ist nur die bekannteste dieser Figuren. Erst 2004 erfuhr er übrigens eine politisch korrekte Umdeutung: Seine Haut ist seitdem heller und Werber propagieren, er sei ein "jonglierender Magier der Sinne".

Service

Die Ausstellung "Wilde Welten. Aneignung des Fremden in der Moderne" im Berliner Georg-Kolbe-Museum ist noch bis 5. April zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.


Von Welf Grombacher

Erschienen am 04.03.2010

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
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