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Ausstellung dokumentiert Flucht nach Orkan "Katrina"
Auswandererhaus zeigt Schau über Einwohnerverlust in New Orleans
Bremerhaven (ddp-nrd). 350 Schubladen reihen sich in einem Baugerüst neben-, hinter- und übereinander. Es sind rosafarbene, verschnörkelte oder auch massive Relikte, die zu Zeugnissen von Schicksalen nach einer Naturkatastrophe geworden sind. Die US-Künstler Jana Napoli und Rondell Crier sammelten im verwaisten New Orleans zwei Monate nach dem Wirbelstrum "Katrina" aus Häusern, Bürotürmen und Geschäften gespülte Schubladen. Aus diesen Erinnerungsstücken an die geflohenen Bewohner entstand ihr Kunstwerk "Floodwall". Es bildet den Mittelpunkt der Sonderschau "Nach der Flut die Flucht. New Orleans - die ausgewanderte Stadt" im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, die am Montag startet.
Die Ausstellung erzähle die Geschichte einer Naturkatastrophe, die eine ganze Stadt und die in ihr lebenden Menschen veränderte, sagt Museumsdirektorin Simone Eick. Menschen in New Orleans kannten Wirbelsturmwarnungen und Evakuierungen. Doch "Katrina" habe neue Maßstäbe gesetzt. Am 29. August 2005 fegte der Hurrikan direkt über die Stadt. Danach sei binnen weniger Stunden nichts mehr gewesen, wie es vorher war, sagt die Direktorin.
Die Deiche brachen sofort, zahlreiche Stadtteile versanken in den Fluten, fast 2000 Menschen starben. Lediglich 180 000 der ehemals 450 000 Bewohner kehrten bis heute nach New Orleans zurück, sagt Eick. Auch drei Jahre nach der Flutwelle wirke die Stadt verlassen und verwaist. "Das quirlige Leben im French Quarter oder die zahlreichen Touristenströme täuschen nicht darüber hinweg, dass die Menschen fehlen", sagt Eick. "Nur zehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt sind drei Jahre nach der Katastrophe ganze Viertel noch immer nicht aufgebaut."
Die Sonderschau zeigt anhand von Fotodokumenten und wissenschaftlichen Fakten eine chronologische Darstellung. Dokumentiert werden aber auch viele Einzelschicksale sowie die Sichtweisen der Zurückgekommenen und Dagebliebenen. Gefilmte Augenzeugenberichte sollen emotionale Einblicke geben. "Wir haben viele Menschen getroffen im New Orleans des Wiederaufbaus: Schriftsteller und Künstler, Politiker und Aktivisten, Rechtsanwälte und Historiker", sagt Andreas Heller, Gesellschafter des Auswandererhauses. Sie berichten in Filmporträts darüber, wie und wo sie die Flut erlebt haben. Sie erzählen von der Flucht auf Häuserdächer, von Plünderern und über Rettungen per Helikopter.
Das Werk der Künstler Napoli und Crier lässt dagegen der Fantasie der Betrachter viel Raum. Der Inhalt der Schubladen verrate "viel über Leben und Schicksal der ehemaligen Besitzer", sagt Napoli. Das, was ein Mensch unter Socken verstecke, sei das Aussagekräftigste, was man in einem Haushalt über einen Menschen herausfinden könne. Jede Schublade transportiere ihre eigene Aussage und vermittele die Geschichte einer persönlichen Tragödie - dem Verlust des eigenen Zuhauses, das stets Geborgenheit symbolisiere, analysiert die Künstlerin.
Erstmals widmet das Auswandererhaus eine Sonderausstellung einem tagespolitischen Thema: Der Bedrohung der weltweiten Küstenbewohner durch Überflutung als Folge der Erderwärmung, sagt Eick. "New Orleans ist das eindruckvollste Beispiel für die Flucht von Menschen vor dem Wasser", sagt Eick. "Das ist nur der Anfang", ergänzt sie. Migrationsforscher und Klimaexperten seien sich einig: Die Zahl der Menschen, die aus den Küstengebieten ins Landesinnere wandern und so zu Binnenmigranten werden, werde in den nächsten Jahren weltweit stark zunehmen.
"Die sozialen und geopolitischen Probleme, die in New Orleans aufgetreten sind, spiegeln nur die zukünftigen Herausforderungen für alle Küstenregionen wieder", betont Eick. Konzepte müssten frühzeitig entwickelt werden, um die Folgen der Binnenmigration auffangen zu können.
(ddp)