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Ausstellung über Outsider Art rückt manische Produktion in den Fokus

Schirn zeigt Kunst von Psychiatriepatienten und Außenseitern

Frankfurt/Main (dapd). Der Schreiner Karl Junker begann 1889 mit dem Bau seines Wohnhauses in Lemgo. Zwei Jahre später zog er ein, doch mit der Arbeit war er lange nicht fertig. Zeit seines Lebens schnitzte und drechselte Junker Möbel für sein großes Heim, das er ganz allein bewohnte. Er verkleidete Außen- und Innenmauern mit Schnitzereien, das Treppenhaus ist komplett aus Holz, in ein Zimmer stellte er das Modell für ein Gebäude, das an ein italienisches Rathaus mit Campanile erinnert. Junker hatte Italien einige Jahre lang bereist. Das mehr als zwei Meter hohe, mit Engeln, Quadrigen und einer Vielzahl von Figuren verzierte Gebilde steht in den kommenden drei Monaten nicht im Junkerhaus am Stadtrand von Lemgo, sondern in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. In den nordrhein-westfälischen Kleinstadt galt Junker bis zu seinem Tod im Jahr 1912 als Sonderling. In der Schirn befindet er sich als einer von 14 beteiligten Künstlern der Ausstellung "Weltenwandler - Die Kunst der Outsider" in guter Gesellschaft.

Auf Junkers Schnitzereien stoßen die Besucher ziemlich am Ende der Ausstellung. Bis dahin haben sie unter anderem Madge Gills Zeichnungen von Frauen in einem roten Kleid auf einem meterlangen Bogen Papier gesehen, Henry Dargers Zeichnungen von misshandelten Mädchen und Zwillingsschwestern und Aloïses Bilder von blonden Frauen mit übernatürlich großen blauen Augen. Die Hausfrau aus London, der Hilfsarbeiter aus Chicago und die Näherin aus Lausanne litten an psychischen Krankheiten und verbrachten viel Zeit in Krankenhäusern. Über Karl Junker wurde spekuliert, ob er Anzeichen einer schizophrenen Störung zeigte.

Erstmals in Deutschland thematisiere eine ganze Ausstellung die sogenannte Outsider Art, sagte Kuratorin Martina Weinhart am Donnerstag. Darunter verstehe man nicht allein Kunst von Psychiatriepatienten, sondern allgemein von Außenseitern des Kunstbetriebs. Direktor Max Hollein sagte, bei Outsider Art handle es sich um "keinen Stil, keine Gruppe und keine Erscheinung einer bestimmten Epoche". Die Arbeiten seien "außerhalb der Kunstszene und der Gesellschaft entstanden" und zeichneten sich durch "ungeheure Kreativität" aus. Jeder Outsider habe "einen eigenen Kosmos" geschaffen.

Um dies in der Ausstellungsarchitektur abzubilden, habe sich die Schirn entschlossen, insgesamt nur 14 Künstler auszustellen und nicht eine große Überblicksaussstellung mit Dutzenden Outsider-Künstlern seit dem 19. Jahrhundert, erläuterte Weinhart: "Zentral ist die manische Produktion. Die Werkgruppen sind sehr dicht und beeindrucken allein durch ihre schiere Masse." Indem jedem Künstler ein eigener Raum eingeräumt werde, könnten die Besucher ihren Wahn nachvollziehen. "Dadurch kommt man dem Wesen dieser Kunst nah", sagte Weinhart.

Der Besuch in der Ausstellung zeigt allerdings, dass dies nur bedingt funktioniert. Lediglich Madge Gill und der Österreicher August Walla, dessen Wandmalereien den bekannten deutschen Gegenwartskünstler Jonathan Meese beeinflusst haben, werden in fast geschlossenen Räumen präsentiert. Die Werke der anderen Künstler werden oft nur durch Zwischenwände getrennt. Der Wahn eines Adolf Wölfli, der Anfang des 20. Jahrhunderts wohl als erster Geisteskranker auch als Künstler wahrgenommen wurde und dessen akribischen Zeichnungen von Notenpartituren und bekreuzten Männerköpfen Teil des regulären Kunstmarkts sind, wird so noch deutlich. Wer Auguste Forestiers geschnitzte Reiter- und Seemannsfiguren oder die kokonartigen Skulpturen der am Down-Syndrom erkrankten Judith Scott, dem drängt sich eine Manie nicht unbedingt auf.

Besonders schwer fällt es, sich in die "Healing Machine" des US-amerikanischen Farmers Emery Blagdon einzufühlen. Blagdon stopfte eine 74 Quadratmeter große Scheune mit rund 600 Traumfänger-ähnlichen Skulpturen und 100 Gemälden voll. Von ihnen sollte heilende Kraft, vor allem gegen Krebserkrankungen, ausgehen. Die Eltern und drei Schwestern von Blagdon starben an Krebs - der Künstler, der sich selbst als Forscher sah, letztlich auch. In der Schirn hängt nur eine kleine Auswahl um eine Stellwand herum. Ein Raumgefühl kommt so nicht auf.

Die Ausstellung läuft bis 9. Januar 2011. Geöffnet ist die Schirn dienstags und freitags bis sonntags von 10 bis 19, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt sechs Euro.

dapd

 
erschienen am 23.09.2010
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