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Fremdenfeindlichkeit und Gewalt werden in dem Stück "Andorra" eindringlich thematisiert.

Foto: Matthias Zwarg

Behutsame Adaption von "Andorra" bereichert Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz

Die Schuld der Unschuldigen

Von Matthias Zwarg
erschienen am 19.02.2013

Chemnitz. Nein, sie haben "nichts gewusst", sie "konnten nichts dagegen tun", und ja, eigentlich sind sie hilfsbereit und weltoffen. Bevor die etwa 60 Zuschauerinnen und Zuschauer im sehr gut besuchten Weltecho am Sonntagabend die eigentliche Geschichte in dem Stück "Andorra" erfuhren, hatten sich die Andorraner jedenfalls schon einmal gerechtfertigt und jede Schuld für das tragische Geschehen von sich gewiesen.

Das Stück "Andorra" des Schweizer Autors Max Frisch - er lebte von 1911 bis 1991 - wurde 1961 uraufgeführt, hat mit dem realen Kleinstaat in den Pyrenäen nichts zu tun (obwohl man es dort in vielen Geschäften kaufen kann). Es gilt als eines der wichtigsten und umstrittensten Nachkriegsstücke in Europa, das sich am Beispiel des vermeintlich jüdischen Jugendlichen Andri mit Judenfeindlichkeit, Fremdenhass und Gewalt in der Gesellschaft auseinandersetzt. Das Chemnitzer Freie Institut für Bildung hat das Stück für seine Aufführung im Rahmen der Tage der jüdischen Kultur gegenüber dem Original leicht gekürzt und am Ende stark verändert - vorteilhaft; ebenso wie die Cello-Improvisationen von Ulrich Thiem. Im Sinne Max Frischs stellen die Laiendarstellerinnen und -darsteller der von Celia Rothe geleiteten, von Christian Feister technisch betreuten Inszenierung die namenlosen Figuren als Typen dar. Nur Andri hat einen Namen, wird von Marsel Engler einfühlsam, um Selbstbewusstsein ringend gespielt. Der kluge, aber selbstgerechte Arzt (hervorragend: Christian Strohm), der begriffsstutzige, immerhin sich mitschuldig fühlende Pater (Thomas Hüttel), der neidische Geselle (Robert Rothe), der Jemand (quirlig: André Schenkel), der Lehrer (Roman Pilz), die Mutter (Carolin Menzer), die Senora vom feindlichen Volk der "Schwarzen" (Peggy Wächtler), der Soldat (Maik Bräuer), der hartherzige Tischler (überzeugend Chris Münster) machen sich allesamt mitschuldig, bis es am Ende unter den Augen des "Judenschauers" (Wolfram Ette) zur Katastrophe kommt. Sie unterstellen dem vermeintlichen Juden Andri, dass er eben "anders" und "nicht zu ändern" sei, projizieren ihre eigenen Ängste und Konflikte auf den Fremden, der ihnen im Grunde beinahe wehrlos ausgeliefert ist und dem nur die Märtyrerrolle bleibt. Nein, fremdenfeindlich seien die Andorraner gar nicht, wird immer wieder im Brustton der Überzeugung versichert, "kein Volk ist so beliebt wie die Andorraner", die Frieden, Freiheit und Menschenrechte geradezu gepachtet hätten. Das ist teilweise schon in Max Frischs Text etwas plakativ angelegt, wird aber von der Schauspieltruppe überzeugend und ohne erhobenen Zeigefinger gespielt. Entstanden ist so eine sehenswerte Inszenierung, die Fragen nach Opfern und Sündenböcken in einer Gesellschaft, die auf ihre weiße Weste - im Stück sind es weiße Wände - bedacht ist, eindringlich neu stellt.

Das Programm der Tage der jüdischen Kulturfinden Sie im Internet unter:www.tdjk.de

 
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