Foto: dapd

Ein Haus zum Nachdenken über Gewalt und Hass

Am Freitag eröffnet das neues Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden

Dresden (dapd). Zwei kleine Worte, "love" und "hate", flitzen im Eingangsbereich des Militärhistorischen Museums in Dresden hundertfach über eine Wand. Mal wird in der Videoinstallation ein "love" von einer paar "hates" umzingelt, mal überrennen Dutzende "loves" ein "hate". "Dass am Eingang eines militärhistorischen Museums eine Kunstinstallation und kein Panzer steht, ist ein Experiment", sagt der Wissenschaftliche Leiter und Kurator des Museums, Gorch Pieken. "Ich finde, es ist ein starkes Zeichen. Schließlich geht es in diesem Museum auch um Hass."

Unkonventionelle Ideen wie diese ziehen sich wie ein roter Faden durch das Museum, das am Samstag (15. Oktober) erstmals für Besucher öffnet. "Wir wollen zeigen, wie wichtig es für das politische Denken und Deuten ist, Militärgeschichte innovativ zu betrachten", sagt der Direktor des Museums, Oberst Matthias Rogg. Ein traditionelles Militärmuseum, das vor allem technische Errungenschaften präsentiert, ist nach Ansicht Piekens im heutigen Deutschland weder möglich noch nötig.

Das historische Gebäude in der Dresdner Albertstadt, in den 1870er-Jahren als Waffendepot erbaut, gehört seit 1990 der Bundeswehr. Zuvor hatte es das Armeemuseum der DDR beherbergt. 1994 fiel der Entschluss, das Haus zum Leitmuseum der Bundeswehr zu machen. Ein Gremium von Wissenschaftlern entwickelte das Konzept für eine völlige inhaltliche Neuausrichtung. Umgesetzt wurden die sowie ein umfassender Umbau des Hauses vom New Yorker Architekten Daniel Libeskind, bekannt unter anderem als Gestalter des Jüdischen Museums in Berlin, und zwei auf Museumsgestaltung spezialisierten Architektenbüros.

Entstanden sind auf 10.000 Quadratmetern zwei Museen in einem: Im Altbau wird die deutsche Militärgeschichte vom Mittelalter bis zu den heutigen Einsätzen der Bundeswehr thematisiert. Im neuen Anbau, der das alte Gebäude wie ein riesiger stählerner Keil durchschneidet, beschäftigen sich elf Themenparcours mit dem Militär und seinen Wechselwirkungen mit Politik, Gesellschaft und Kultur: "Tiere beim Militär" etwa zeigt, wie Tiere über Jahrhunderte militärisch benutzt wurden, vom Kampfelefanten bis zum Schaf, dem eine Mine ein Bein abgerissen hat. "Militär und Mode" beschäftigt sich unterdessen mit dem Einfluss von Uniformen auf die zivile Kleidung.

Dabei zeigt die neue Dauerausstellung mit ihren 10.500 Exponaten auch Stücke, die auf den ersten Blick nichts mit dem Militär, mit Hass und Gewalt zu tun haben - einem kleinen Zweig zum Beispiel, den ein Kind von einem Baum abgerissen hat. Der kleine Junge, ohne Spielzeugwaffen erzogen, habe ihn als Spielzeuggewehr genutzt, erklärt Pieken. "Das lässt uns nachdenken: Woher kommt Gewalt? Ist sie Teil von uns wie das Essen und das Trinken?"

Andere Exponate, die man auch in klassischen Armeeschauen finden könnte, werden aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet - so die V2-Rakete, mit der die Deutschen im Zweiten Weltkrieg Städte der Alliierten beschoss. Die Biografie des Entwicklers Wernher von Braun steht daneben, aber auch die eines KZ-Häftlings, der zum Raketenbau gezwungen wurde. Zugleich, sagt Pieken, habe die Rakete auch einen Bezug zum Standort des Museums: "Sie verschärfte den Luftkampf und hatte so direkte Auswirkungen auf Dresden."

Den Bezug zu Dresden griff auch der Architekt Libeskind auf. Der keilförmige Neubau sollte nicht nur eine leichte Antwort auf den strengen wilhelminischen Altbau sein, sagt Joachim Klein, Libeskind-Repräsentant für Europa. Er sollte auch von der Stadt aus deutlich zu sehen sein, die selbst sehr unter ihrer militärischen Vergangenheit zu leiden gehabt habe. Die Spitze des Keils zeigt, wie der Besucher von der Aussichtsterrasse im obersten Stock aus sehen kann, auf die im Februar 1945 zerstörte Innenstadt.

Es sei kein Militärmuseum mit Pathos entstanden, sondern ein Museum, das Distanz und Mitgefühl zugleich wecke, sagt Direktor Rogg. Das sei in dieser Form wohl nur in Deutschland möglich, einem Land, in dem zwei Diktaturen die Gesellschaft militarisiert hätten. Am Freitag wird das Museums in Anwesenheit von Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) feierlich eröffnet.

dapd

 
erschienen am 11.10.2011
© Copyright dapd Nachrichtenagentur GmbH
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern  
 
Videos