Verändern ihr Licht im Klang: Leuchtstoffröhren in der Installation von Erwin Stache in der Galerie des Chemnitzer Weltechos. Foto: Matthias Zwarg
Eine Welt aus Klang und Spiel im Weltecho Chemnitz
Künstler Erwin Stache macht aus fast allem Musik
Chemnitz. "Die Welt ist Klang", hatte Joachim-Ernst Behrendt einst postuliert - wenn dies ein Künstler in seinem Werk umgesetzt hat, dann ist es der im Erzgebirge geborene Erwin Stache. Die Ausstellung mit seinen Klangobjekten im Weltecho wirkt zunächst wie ein nüchternes Produktionslabor - in dem nichts produziert wird. Ein paar Leuchtstoffröhren, die nicht leuchten, stehen senkrecht im Raum, darüber kleine Lautsprecher, die vorerst keinen Laut von sich geben. Dazu ein Fernsehgerät mit dem Standbild einer geflickten Straße.
All diese Objekte erwachen erst zum Leben, wenn man sie bedient: wenn man an den grauen Schaltknöpfen dreht, das Schwungrad vor dem Bildschirm anschiebt, wenn man sich auf ein Spiel einlässt. Dann schwillt ein Surren, Rauschen, Oszillieren, Flirren an, flackern die Leuchtstoffröhren auf, verändern ihr Licht im Klang, und je nach Geschick wird aus dem unstrukturierten Rausch so etwas wie eine richtige Melodie. Die wird bei dem zweiten Objekt bestimmt vom Flickenteppich auf der ausgebesserten Straße von Brandis, Landkreis Leipzig, (wo Erwin Stache lebt) nach Machern oder auch von Berlin nach München oder eben "Von B nach M und zurück" (was der Ausstellung den Titel gab). Die verfüllten Schlaglöcher geben die Komposition ab für verschiedene Töne, die der Ausstellungsbesucher durch seine Einwirkung selbst erzeugen kann.
Erwin StacheFoto: Matthias Zwarg
Flucht in die Musik
Für diese interaktiven Installationen, für klingende Skulpturen ist Erwin Stache inzwischen beinahe weltberühmt. Stache wurde 1960 in Schlema bei Aue geboren, studierte in Leipzig Physik und Mathematik, nahm aber auch Orgel- und Klavierunterricht. "Eigentlich", sagt er, "wollte ich Wissenschaftler werden, aber nicht Staatswissenschaftler", und so sei er dann "in die Musik geflüchtet". Mit Erfolg.
Instrumente hat er schon als Fünfzehnjähriger gebaut, erinnert er sich - aus einem Besenstiel und Nägeln, über die Metallzungen in einer Art Automatismus strichen. Oder er ließ einfach Murmeln auf Zithern fallen. Schon frühzeitig verwendete er Fundstücke für seine Instrumente, und er setzte auf Interaktion, Beteiligung und überraschende Momente. Stache schickte später Menschen mit rollenden Keyboards über Wiesen, entwickelte klingende Sackkarren, deckte eine Tafel, deren Geschirr beim Anheben Worte und Geräusche von sich gibt, entwickelte automatische Orchester, ließ Waschmaschinenprogrammscheiben klingen, er arbeitete mit Holzkästen, metallenen Bodenhülsen (für Gartenzäune zum Beispiel), Gittern, Telefonen, Anrufbeantwortern, mit und ohne elektrischen Strom - im Grunde gibt es nichts, was Erwin Stache nicht zum Klingen bringen kann. Eine seiner ständig hörbaren Installationen: Im Turm des Jutta-Parks Höfgen-Kaditzsch rauscht es, wenn man die Turmtür bewegt - und zwar immer mal anders.
Erwin Stache hat auch "richtig" in einer Kirche Orgel gespielt, zweimal war er Mitglied in Bands - bei Peter "Cäsar" Gläser (ehemals Renft) und bei Zenit - aber "jeweils nur ein Jahr, denn das war gesundheitsschädigend". Er macht selbst Theater, arbeitet mit Dichtern und Schauspielern wie Wolfgang Krause-Zwieback zusammen, und er entwickelt immer wieder Klangprojekte mit Kindern und Jugendlichen.
Die andere Seite der Dinge
In Chemnitz ist er schon mehrfach aufgetreten - im Vox, im Weltecho und auch in den Kunstsammlungen bei einer Performance zur Erinnerung an Carlfriedrich Claus.
Erwin Stache spielt mit den Dingen, oft sind es ganz alltägliche Gegenstände, die er zum Klingen und damit zum Erzählen bringt. Er will spielen, will sich, wie er sagt, "auch selbst austricksen, den Dingen eine andere Richtung, eine Wendung geben", sagt er. Sein Spiel ist mehr als Spielerei - gerade weil es den Spieltrieb weckt, dazu anregt, etwas zu tun, das man sonst nicht tut - zum Beispiel Ausstellungsgegenstände berühren - und weil es den Dingen eine andere Bedeutung gibt. So wie die geflickte Straße mit ihren mehr oder weniger regelmäßigen Asphaltflächen im Weltecho zur Partitur wird, obwohl sie eigentlich nur ein holpriger Beleg (oder Belag) der Mühsal aller Wege ist, so zeigen sich in Staches Installationen viele Dinge von einer anderen Seite, offenbaren Eigenschaften, die man nicht erwartet oder ihnen nicht zutraut. Was für die Welt hoffen lässt, der man manches ja auch nicht zutraut.
Die Ausstellung im Weltecho Chemnitz, Annaberger Straße 24, wird bis 10. August gezeigt, Dienstag bis Freitag 17-21 Uhr.