Foto: ddp

Kippenberger in der "Schäm-dich-Ecke"

Ausstellung mit Selbstporträts in Baden-Baden beleuchtet Persönlichkeit von Künstlergrößen

Baden-Baden (dapd). An der Wand hängt ein Anzug ohne Knöpfe. Daneben steht in einer Ecke versteckt ein Mann, der sich den Besuchern nur von hinten zeigt. "Martin, ab in die Ecke und schäm dich" heißt die lebensgroße Skulptur des Künstlers Martin Kippenberger, mit der er sich selbst porträtiert hat. Sie gehört zu den in der Kunsthalle Baden-Baden gezeigten Werke zum Thema "Jeder Künstler ist ein Mensch! Positionen des Selbstporträts".

Auf die Idee zu dieser etwas anderen Art der Ausstellung kamen Kunsthallen-Direktorin Karola Kraus und Kurator David Riedel durch Kippenbergers Umkehrung eines bekannten Spruches der Künstlerlegende Joseph Beuys, nämlich dass jeder Mensch ein Künstler sei. Vom 11. September bis 21. November eröffnet die Kunsthalle in Baden-Baden den Blick auf den Menschen im Künstler. "Karola Kraus und ich haben eine bewusst subjektive Auswahl getroffen, im Zentrum steht das erneute Interesse von Künstlern am Selbstporträt seit den 60er Jahren", betont Riedel.

Ob Gemälde, Fotografie, Video, Installation oder Skulptur - in jedem der rund 30 ausgewählten Werke zeigt sich der Künstler als scheues Wesen. Er versteckt sich hinter Masken, schlüpft in Rollen oder verschwindet in der Abstraktion. "Die Künstler erzählen etwas über sich, ohne sich direkt zu zeigen", erklärt Riedel und verweist auf Imi Knoebels "Selbstporträt mit Pappkarton". Die Arbeit scheint direkt vom Dachboden zu stammen: in Kartons staubige Einmachgläser, im Hintergrund eine bemalte Sperrholzplatte. "Erinnerungen an die Nachkriegszeit und Verweise auf seine Arbeit als Künstler", deutet Riedel das indirekte Selbstporträt.

Am weitesten in dieser Hinsicht bringt es Felix Gonzales-Torres, ein aus Kuba stammender homosexueller Künstler, der 1996 an Aids starb. Wie er aussah, erfährt man in der Ausstellung nicht. Aber man kann sehen, was ihn umtrieb: Der große Teppich aus türkisfarbenen Eisbonbons mit dem Titel "Revenge" nimmt fast den ganzen Raum ein. Unterhalb der Decke läuft ein Fries aus Daten, die auf Ereignisse verweisen, die im Leben des Künstlers wichtig waren. Der Teppich selbst besteht aus 147,5 Kilo Eisbonbons - symbolisch für das Körpergewicht des Künstlers und seines Lebensgefährten. "Die Besucher sind eingeladen, sich Bonbons mitzunehmen, das Kunstwerk aufzulösen. Gonzales-Torres sah das als Parallele zu seinem eigenen körperlichen Verfall", erklärt Riedel.

Zu den Kernstücken der Schau zählen die Arbeiten der Künstler, die sich intensiv und über Jahre hinweg mit dem Selbstporträt beschäftigt haben. Ein Raum der Ausstellung ist Andy Warhol gewidmet, der von allen Seiten auf die Besucher blickt. Warhol hat sich selbst zur Marke stilisiert, sein zum Erkennungszeichen gemachter Kopf ist das Muster einer Tapete. Davor steht ein gemaltes Selbstporträt, bei dem jedoch nur das halbe Gesicht des Künstlers zu sehen ist.

Noch reduzierter sind die ältesten Arbeiten der Ausstellung, nämlich zwei Selbstporträts der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig. Auf ihnen haben sich die Gesichtszüge in Farbe und Form aufgelöst. In hollywoodreifer Glamourpose ist dagegen Cindy Sherman zu sehen. Auf jedem ihrer Bilder schlüpft die amerikanische Künstlerin in eine andere Rolle, zaubert sich mit Perücke und Make-up einen anderen Lebenshintergrund.

Ob Gonzales-Torres oder Sherman - die zeitgenössischen Selbstporträts kommunizieren mit dem Betrachter, fordern ihn zum Teilnehmen auf oder geben eine verschmitzte Antwort auf Angriffe wie jenes von Kippenberger in der Schämecke. Denn wie hat Gonzales-Torres einmal gesagt: "Wir sind nicht was wir glauben, dass wir sind."

ddp

 
erschienen am 08.09.2010
© Copyright dapd Nachrichtenagentur GmbH
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern  
 
Videos
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Content Partner

OA ist ein Online-PR & Social Media News Portal für effiziente Öffentlichkeits- und Pressearbeit.