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Konstanz streitet um Konzerthaus
Größte Stadt am Bodensee will Kongressstadt werden
Konstanz (ddp). In Konstanz ist wegen des geplanten Konzerthauses ein regelrechter Kulturkampf ausgebrochen. Die Straßenlaternen auf der Marktstätte in der Innenstadt sind mit Pappschildern behangen, wie sonst nur vor einer Bundestagswahl. Schülertrupps streifen mit Fähnchen durch die Innenstadt und warnen vor einer Verschuldung zulasten künftiger Generationen. Wenige Meter weiter hat die Bürgerinitiative "Konzerthaus Ja" seit Tagen in einem Container ihr Quartier aufgeschlagen. Daneben demonstrieren 50 Wirte für das geplante Konzert- und Kongresshaus am Bodenseeufer. Am Sonntag stimmen die Konstanzer bei einem Bürgerentscheid über das Vorhaben ab.
Selten hat ein Projekt die Konstanzer so polarisiert wie das Konzerthaus. Immerhin handelt es sich um den ersten großen Versammlungsort seit dem Bau des Konstanzer Konzils vor 600 Jahren. Rund 60 Millionen Euro soll das Konzert- und Kongresshaus mit Hotel und Parkgarage kosten. Zu viel Geld findet Günther Schäfer, ehemaliger Grünen-Landtagsabgeordneter und Sprecher der Initiative "Nein zu Klein-Venedig". Der Bau am Bodenseeufer widerspreche dem international vereinbarten Schutz der Uferzone. "Klein-Venedig soll als Naherholungsgebiet aufgewertet werden", fordert die Initiative daher.
Zudem sehen die Gegner die Stadt in einem Schuldenberg und Verkehrschaos versinken. Sie fürchten um Schulmittagessen und Kita-Plätze und prophezeien einen Kahlschlag bei Vereinen und anderen Kultureinrichtungen. Die finanzielle Situation der Stadt ist durch das Wegbrechen der Industrie in den vergangenen Jahrzehnten und den Verkauf des größten Gewerbesteuerzahlers Altana an den Parmakonzern Nycomed ungewiss. Für Oberbürgermeister Horst Frank (Grüne) ein Grund mehr, das Projekt durchzusetzen. "Es ist jetzt an der Zeit, in die Zukunft zu investieren."
In Baden-Württemberg verzichtet keine Stadt mit mehr als 40 000 Einwohnern auf einen multifunktionalen Veranstaltungsort. Obwohl Konstanz mit gut 80 000 Einwohnern mehr als doppelt so groß ist, pilgern kulturinteressierte Konstanzer für größere Veranstaltungen bisher nach Singen, Friedrichshafen und St. Gallen. Mit der Südwestdeutschen Philharmonie hat Konstanz zwar ein überregional bekanntes Orchester, aber keinen geeigneten Konzertsaal.
OB Frank verweist auf das Beispiel Freiburg. Zwar wurde dort das Konzerthaus 1988 in einem Bürgerentscheid mehrheitlich abgelehnt. Dieser war allerdings wegen zu geringer Beteiligung nicht bindend. Hinterher habe sich die Investition jedoch für die Freiburger ausgezahlt - kulturell wie finanziell, glaubt der Konstanzer OB. Für ein Konzerthaus mit 1200 Plätzen allein sei die Investition jedoch zu teuer. Die Stadt will daher ins Kongressgeschäft einsteigen und verfolgt damit ähnliche Pläne wie Heidelberg, wo vor wenigen Tagen der Ausbau der Stadthalle zu einem Konferenzzentrum beschlossen wurde. Auch dort sind die Pläne heftig umstritten.
Anders als die Konzerthaus-Gegner hält Frank den Markt am Bodensee keineswegs für ausgeschöpft. Im österreichischen Bregenz nehme das Kongressgeschäft sogar jedes Jahr zu, berichtet Axel Renner, Sprecher der Bregenzer Festspiele. Rund 180 Euro gibt ein Kongressteilnehmer pro Tag in der Stadt aus - doppelt so viel wie ein normaler Tourist. Die Stadt Lindau beziffert die Zahl der Übernachtungen durch Tagungen und Kongresse wie etwa das Nobelpreisträgertreffen mit jährlich knapp 50 000 zusätzlichen Übernachtungen und einem Bruttoumsatz von 15 Millionen Euro. Trotz der drohenden Konkurrenz sieht man die Konstanzer Pläne auf der bayerischen Seite des Bodensees positiv: "Alles, was am Bodensee zum Thema Tagungen passiert, ist gut für die Region", sagt Jürgen Schmid von Pro Lindau.
Doch noch ist völlig ungewiss, ob in Konstanz überhaupt etwas passiert. Die Bürger könnten das Projekt in letzter Minute kippen. Wie der Bürgerentscheid am Sonntag ausgeht, ist völlig offen. Mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten müssen sich für oder gegen das Projekt aussprechen. Schon 2003 ist ein Bürgerentscheid mangels Beteiligung gescheitert, obwohl die Gegner in der Mehrheit waren. Sonst hat der Gemeinderat das letzte Wort - und der ist mehrheitlich für den Bau. Koste es, was es wolle.
(ddp)