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Nach Weggang erinnert nur noch Villa Unseld an Suhrkamp
Keine Feier zum 60. Jubiläum in Frankfurt am Main
Frankfurt/Main (ddp). Die Villa Unseld im Frankfurter Nordend steht leer. In dem Haus wohnten der langjährige Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und nach seinem Tod seine Witwe Ulla Berkéwicz-Unseld, die heutige Suhrkamp-Verlegerin. Sie zog am vergangenen Wochenende weg aus Frankfurt am Main, nachdem der Verlag das schon vor sechs Monaten getan hatte. In der Villa Unseld soll eine Dependance eingerichtet werden für Autorenlesungen und Kritikerempfänge während der Buchmesse. Ab Herbst sollen sich die Türen dort öffnen, sagt eine Verlagssprecherin.
Viel mehr als die Villa Unseld ist in der Stadt nicht übrig geblieben vom Suhrkamp Verlag nach dessen Umzug nach Berlin. Das 60. Jubiläum des Verlags am 1. Juli wird in der Hauptstadt mit erheblicher Verzögerung beim Sommerfest am 28. August und in Frankfurt überhaupt nicht gefeiert.
Der Kulturdezernent der Stadt, Felix Semmelroth (CDU), sagt: "Der Suhrkamp Verlag hat das Geistesleben Deutschlands in den letzten sechs Jahrzehnten nachhaltig geprägt. Man denke nur an die Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule oder etwa an die Protagonisten der amerikanischen Sozialwissenschaft. Siegfried Unseld war eine der ganz großen Verlegerpersönlichkeiten und von unschätzbarem Wert für die literarische Moderne mit Autoren wie Samuel Beckett oder Thomas Bernhard." Alles sehr lange her, kein Wort von der Gegenwart.
Gerald Zschorsch, einer der wenigen Suhrkamp-Autoren, die in Frankfurt leben, schätzt den Verlust für die Stadt durch den Suhrkamp-Wegzug nicht allzu hoch ein: "Der Verlag hat seit langem nicht mehr in die Stadt hineingewirkt, ganz anders als noch in den 50er Jahren." Die alte ideologische Linie des Verlags sei "eh zu Ende" gewesen. Durch den Umzug manifestiere sich das höchstens. Suhrkamp werde im großen Berlin "ein Verlag wie jeder andere", fürchtet Zschorsch.
Für den einst aus der DDR ausgewiesenen Dichter macht sich der Verlust woanders fest: "Das Menschliche fehlt, die Ästhetik ist anders." Dem 59-Jährigen ist die Kommunikation "zu hip" geworden, seit der Verlag in der Hauptstadt sitzt. "Berlin ist eine Pose", sagt er, Frankfurt dagegen "eine Großstadt ohne Dünkel, eine kleine Metropole, wo man arbeitet". Die konkrete Arbeit sei jetzt schwieriger. Zum einen seien nur 50 der zuletzt 140 Mitarbeiter mit nach Berlin umgezogen, somit fehle es an Erfahrung im Verlag. Zum anderen müsse er nun mit seinem Lektor lange telefonieren, was sich zuvor einfach durch gegenseitige Besuche habe regeln lassen, sagt Zschorsch.
Auch für Andreas Maier ist das Arbeiten "umständlicher" geworden. Der Autor der bei Suhrkamp erschienenen Romane "Wäldchestag" und "Sanssouci" berichtet: "Erst letzte Woche habe ich mit meinem Lektor drei Stunden telefoniert für Korrekturen. Früher bin ich mit dem Fahrrad in den Verlag gefahren." Er wisse, dass es ein seltenes Privileg war, in derselben Stadt wie sein Verlag zu wohnen. "Hauptsächlich fehlt mir, dass ich mit meinem Lektor keinen Apfelwein mehr trinken gehen und mich austauschen kann."
Den Suhrkamp-Umzug betrachte er ansonsten mit gemischten Gefühlen, sagt Maier. Für ihn als konservativen Menschen sei "nichts schlimmer als Verlust", andererseits müsse ein Verlag sich doch auch verändern, "sonst wird er museal". Frankfurt würden in Zukunft die Suhrkamp-Veranstaltungen fehlen, glaubt er. Seine Autoren dürften seltener in die Stadt kommen. Er aber, sagt Maier, sehe sich mit Gerald Zschorsch "als letzte Vertreter der Suhrkamp-Kultur in Frankfurt".
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