Im mäßig beleuchteten Raum 16 über dem Kreuzgang am Naumburger Dom füllt ein großes Bild fast eine gesamte Wand. Im mäßig beleuchteten Raum 16 über dem Kreuzgang am Naumburger Dom füllt ein großes Bild fast eine gesamte Wand.

Foto: dapd

Putzritzbild soll nach fast 80 Jahren in Kirche von Aue zurückkehren

Ältestes Kunstwerk des Westerzgebirges derzeit in Naumburg zu sehen

Aue/Naumburg (dapd-lsc). Im mäßig beleuchteten Raum 16 über dem Kreuzgang am Naumburger Dom füllt ein großes Bild fast eine gesamte Wand. Die dunkelbraunen Umrisse der Muttergottes und zweier Männer zu ihrer Rechten und Linken sind nicht auf Leinwand oder Pappe gemalt, sondern in den Untergrund geritzt worden. Das Putzritzbild ist eine Leihgabe der Kirchgemeinde Klösterlein Aue für die Landesausstellung Sachsen-Anhalt, die sich dem "Naumburger Meister" - unter diesem Namen wird ein Werktrupp von Bildhauern und Steinmetzen zusammengefasst - und der mittelalterlichen Architektur und Kunst in dessen Umfeld widmet.

2012 soll das Wandbild nach 78 Jahren in die Klösterlein-Kirche Zelle in Aue zurückkehren, wie der Stadtrat und Kirchvorsteher Hans Beck der Nachrichtenagentur dapd sagte.

Die Landesausstellung in Naumburg haben seit 29. Juni über 15.000 Menschen aus dem In- uns Ausland besucht. "Es ist großartig, dass dort alle Welt unser Wandbild sieht", freut sich Beck. Noch mehr freut er sich auf den Tag, an dem das Bild in "seine" Kirche zurückkehrt. Wegen schädigender Umwelteinflüsse war das Bild 1934 vom Ostgiebel des Auer Gotteshauses abgenommen und seitdem an verschiedenen Orten ausgestellt worden.

Das Putzritzgemälde oder Sgraffito gilt als das älteste und wertvollste Kunstwerk des Westerzgebirges. Das Kloster Zelle wurde um 1173 von Kaiser Barbarossa gestiftet und ist die Keimzelle der Stadt Aue. Eine ältere Ansiedlung in der Region ist nicht bekannt. Die Kirche im nahen Beierfeld und das Kloster Grünhain seien einige Jahre jünger, sagt Beck.

"Martin hat mich gemacht"

Im Katalog der Naumburger Ausstellung heißt es, das "virtuos gezeichnete Putzritzbild ist eines der wenigen erhaltenen seiner Art". Es sei vergleichbar mit einem etwas später entstandenen Bild im Ostflügel des Magdeburger Domkreuzgangs. Seine Anfertigung habe die Kenntnis der byzantinisch geprägten Wandmalerei vorausgesetzt und erinnere an Werke der mittelalterlichen Buchmalerei. Als Schöpfer schließt die Kunstwissenschaft auf einen Martin, denn am unteren Rand deutet die lateinische Rest-Inschrift "ARTIN ME FE" auf "Martinus me fecit" (Martin hat mich gemacht) hin.

Die Männer neben Maria mit dem Kind werden als ein Bischof - vermutlich der heilige Nikolaus - und als Kloster-Stifter Kaiser Friedrich I. Barbarossa interpretiert. In den vergangenen 130 Jahren habe das 1881 bei Putzarbeiten wiederentdeckte Original eine sehr bewegte Geschichte hinter sich, sagt Beck. Er weiß das so genau, weil schon sein Vater als Heimatforscher aktiv gewesen sei.

Die Rettung des Putzritzgemäldes sei vor allem dem Kunsthistoriker Siegfried Sieber zu danken. Dieser habe es geschafft, das Bild nach der Abnahme 1934 mit den damals bekannten Verfahren zu sichern. "Es wurde auf ein Holzraster mit Leinwand gezogen und in Dresden restauriert", erzählt Beck. Ein Vertrag von 1937 zwischen der Kirchgemeinde Klösterlein und der Stadt regelte die Ausstellung im Auer Museum. "Wenn zum Beispiel eine Eisenbahnschau stattfand, war das Bild mit einem Vorhang zugezogen", erinnert sich der 62-jährige an seine Kinderzeit.

Kein Platz mehr für das Marienbild

Als zu DDR-Zeiten in dem Haus eine Sozialisten-Gedenkstätte eingerichtet wurde, begann aus Becks Sicht das traurigste Kapitel für das mehr als 700 Jahre alte Kunstwerk. Dort sei kein Ort mehr für das Marienbild gewesen. In die neue Zeller Friedenskirche habe es wegen seiner Größe nicht gepasst, und im Rittergut Klösterlein sei es schließlich in einem Klimaschrank, aber nicht gut sichtbar untergebracht gewesen.

1967 kam es in eine Dauerausstellung kirchlicher Kunst in den Freiberger Dom. In der abseits gelegenen Annenkapelle habe es wieder kaum jemand wahrgenommen, beklagt Beck. Richtig böse sei er dann geworden, als er Ende der 1990er Jahre durch Zufall erfuhr, dass das Bild nicht mehr in Freiberg, sondern nunmehr im Kloster Altzella hing. "Niemand hat das Recht, ein Bild ohne Einverständnis des Eigentümers von A nach B zu bringen", empört sich der Auer noch heute. Es sei nicht einmal erwähnt gewesen, woher das Bild stammte.

Mittlerweile seien die Querelen mit der Landeskirche ausgestanden und die Präsentation in Naumburg macht den Kirchvorsteher richtig stolz. Das sächsische Landesamt für Denkmalpflege hat bestätigt, dass das Putzritzgemälde nach der konservatorischen Nachbehandlung nach Zelle zurückkehrt. "Für uns war immer klar: Es gehört zu dieser Kirche, da soll es wieder hin", sagt Restauratorin Christine Kelm.

Eine Endrestaurierung indes werde es wohl nicht geben. Dies übersteige die finanziellen Kräfte des Eigentümers. Auch seien die Auffassungen über die Wiederherstellung alter Kunstwerke in der Fachwelt sehr unterschiedlich.

dapd

 
erschienen am 11.08.2011
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